Baker Tilly ist im abgelaufenen Geschäftsjahr erneut zweistellig gewachsen und konnte sich damit knapp vor Grant Thornton als Nummer 9 im Markt halten. Baker Tilly konnte den Umsatz um 14 Prozent auf 250,6 Millionen Euro steigern, teilte die Next-Six-Gesellschaft mit. Grant Thornton war um 18 Prozent auf 249 Millionen Euro gewachsen.
Neben dem fast identischen Umsatz haben beide Häuser noch eine weitere Gemeinsamkeit: Die jeweiligen Netzwerkgesellschaften in den USA (und im Fall von Grant Thornton auch in Großbritannien) haben Finanzinvestoren an Bord geholt.
Auch in Deutschland nimmt das Thema ordentlich Fahrt auf. So stieg EQT bei WTS ein, PKS WMS holt Ufenau Capital Partners dazu und Grant Thornton Deutschland soll zumindest einen M&A-Prozess angestoßen und die Investmentbank Perella Weinberg Partners mandatiert haben. Grant Thornton Deutschland wolle alle „möglichen strategischen Optionen ergebnisoffen prüfen und bewerten“, teilte die Gesellschaft FINANCE mit.
Private Equity ist für Baker Tilly nur eine Option von vielen
Und Baker Tilly Deutschland? Die WP-Gesellschaft sieht Private Equity nur als eine von vielen Möglichkeiten, „um Innovation und Wachstum zu finanzieren“. Daher sei es zu begrüßen, dass in den vergangenen Jahren immer wieder neue unternehmerische Optionen dazugekommen sind, teilt Baker Tilly auf FINANCE-Nachfrage mit. „In der Vergangenheit haben wir dies sehr gut aus eigener Kraft gestemmt und dies bleibt für uns auch für die Zukunft ein valider Weg.“
Im abgelaufenen Geschäftsjahr entfiel die Hälfte des Gesamtumsatzes auf den Bereich Audit & Advisory. Hier lag der Umsatz laut den Angaben im Transparenzbericht bei 126,4 Millionen Euro. Das bedeutet einen Anstieg um 17,4 Prozent im Vergleich zum vorherigen Geschäftsjahr. Damals lag der Umsatz im Bereich Audit &Advisory, in dem Baker Tilly Wirtschaftsprüfung und Consulting verbindet, bei 108 Millionen Euro.
Die Geschäftsbereiche Steuerberatung und Rechtsberatung erwirtschafteten demnach zusammengenommen 124,2 Millionen Euro, was einer Steigerung von 11,4 Prozent entspricht. Baker Tilly schlüsselt den Gesamtumsatz nicht weiter nach Geschäftsbereichen auf. „Aufgrund unseres multidisziplinären Ansatzes lassen sich unsere Projekte in den allermeisten Fällen nicht trennscharf nach Geschäftsbereichen aufteilen“, teilt Baker Tilly auf Nachfrage mit.
Baker Tilly prüft „Effenberg“-Bank
Im Prüfungsbereich konnte Baker Tilly erneut einige Mandate bei kapitalmarktorientierten Unternehmen gewinnen. Neu geprüft wurden 2024 das Bankhaus E. Mayer, Bitwise Europe, Edding, GSCF Working Capital Bank, KEB Bank, Klassik Radio, LPKF Laser & Electronics, die Ten31 Bank und die von Skandalen umwitterte VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden, besser bekannt als „Effenberg“-Bank.
Beim Blick auf die 44 Mandate bei kapitalmarktorientierten Unternehmen fällt auf, dass rund die Hälfte davon auf Bankhäuser entfällt. Ein bewusster Schritt von Baker Tilly, das seit 2009 die Expertise in der Abschlussprüfung bei Banken ausbaut und sich in diesem Bereich als Alternative zu den Big Four präsentiert.
Nicht mehr geprüft werden die Jahresabschlüsse des Berliner Medizintechnikherstellers AAP Implantate. Hier erteilte Baker Tilly dem Jahresabschluss 2023 einen Versagungsvermerk, weil das Unternehmen nicht alle erforderlichen Unterlagen vorgelegt hatte. Anfang des Jahres teilte Baker Tilly dem Unternehmen dann mit, für die Prüfung des Jahres- und Konzernabschlusses 2024 nicht zur Verfügung zu stehen, obwohl die Net-Six-Gesellschaft auf der Hauptversammlung von AAP Implantate erneut zum Abschlussprüfer gewählt worden war.
Baker Tilly wächst mit prüfungsnaher Beratung
Neben der positiven Entwicklung im Prüfungsbereich hätten vor allem prüfungsnahe Beratungsthemen wie Deal Advisory, ESG, Financial Services und IT- & Controls-Assurance (ITCA) zum Wachstum im Bereich Audit & Advisory geführt. Trotz der Verabschiedung der Ominbus-Richtlinie, welche die Nachhaltigkeitsberichterstattung vereinfachen soll und viele Unternehmen aus der Berichtspflicht wieder herausnimmt, werde das ESG-Prüfungs- und Beratungsangebot von Baker Tilly weiterhin verstärkt nachgefragt.
„Eine nachhaltig zukunftssichere Ausrichtung des Geschäftsmodells bleibt jedoch für viele Unternehmen weiterhin von hoher strategischer Bedeutung. Daher erleben wir bei der Qualität der Anfragen sogar eine Steigerung. Wir gehen davon aus, dass dies auch in Zukunft weiterhin der Fall sein wird“, teilt Baker Tilly mit.
Effizienzgewinne erhofft sich das Prüfungs- und Beratungshaus vom Einsatz KI-unterstützter Lösungen, vor allem bei der Prüfung von Lageberichten und Anhängen. Künftiges Wachstum im Bereich Audit & Advisory erwartet Baker Tilly durch den Ausbau internationaler Prüfungen sowie CFO-Services, Capital-Markets-Services sowie Cybersecurity mit bedeutenden Wachstumsimpulsen.
Baker Tilly wächst in der Steuerberatung
In der Steuerberatung will sich Baker Tilly noch mehr auf spezifische Fragestellungen der Mandanten konzentrieren. „Konkret bedeutet dies, dass wir noch stärker individuelle Expertenteams für immer komplexer werdende steuerliche Herausforderungen zusammenstellen“, sagt Oliver Hubertus, verantwortlicher Managing Partner für die Steuerberatung. Eine wichtige Rolle spiele dabei der weitere Ausbau des internationalen Geschäfts – allen voran im Bereich US-Tax.
Weitere Wachstumsfelder in der Steuerberatung seien Managed Services, steuerliche Beratung entlang der gesamten Supply Chain, Unternehmensnachfolge, Global Mobility sowie die steuerliche Begleitung und Optimierung von Unternehmenstransaktionen.
Die Rechtsberatung profitierte von einer gestiegenen Nachfrage vor allem in den Bereichen Restrukturierung, Sanierung und Insolvenzen sowie in angrenzenden Bereichen wie Arbeitsrecht, Transaktionsberatung oder Distressed M&A. Auch in den Bereichen Außenwirtschaftsrecht/Zölle, Compliance/Datenschutz sowie Vergaberecht nehme der Beratungsbedarf zu. Nicht zuletzt habe auch das international induzierte Geschäft über das Baker Tilly Legal Network weiter an Bedeutung gewonnen, teilt die WP-Gesellschaft mit.
Baker Tilly kooperiert mit Genossenschaftsverband
Weitere Wachstumsimpulse erhofft sich Baker Tilly von der Kooperation mit dem Freien Genossenschaftsverband (FGV). Mit der Kooperation will sich Baker Tilly als Bankenprüfer im Genossenschaftssektor positionieren und stößt in einen Sektor vor, in dem nur Genossenschaftsverbände als Abschlussprüfer tätig werden dürfen.
„Durch die enge Zusammenarbeit mit dem FGV können wir nun auch Genossenschaften umfassende Beratungs- und Prüfungsleistungen anbieten. Der Fokus liegt dabei auf Kreditgenossenschaften sowie Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften“, teilt Baker Tilly mit.
Für das laufende Geschäftsjahr und die kommenden Jahre sieht Baker Tilly weiterhin sehr positive Wachstumsaussichten für alle Geschäftsbereiche. Man strebe jeweils ein nachhaltiges Wachstum im zweistelligen Prozentbereich an. Ob das dann reicht, um Grant Thornton weiterhin hinter sich zu lassen, zeigt sich dann im nächsten Jahr.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
