Deloitte-Chef Martin Plendl: „Ruhe vor dem Sturm“

Thinkstock / Getty Images

01.07.14
Banking & Berater

Deloitte-Chef Martin Plendl: „Ruhe vor dem Sturm“

Bei den deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften herrscht die Ruhe vor dem Sturm: Die Umsätze wachsen zwar seit Jahren im Schnitt um 5 Prozent, doch zeigt dies nur einen Teil der Wahrheit. Zudem könnte die Reform der Abschlussprüfung die Branche durcheinanderwirbeln.

Deutsche Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zeigen derzeit ein stabiles Wachstum: Um 5,4 Prozent sind die Umsätze 2013 im Schnitt gestiegen, erwartet wurden 4,5 Prozent, wie die aktuelle Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Lünendonk zeigt. Die Big Four PricewaterhouseCoopers (PwC), KPMG, Ernst & Young (EY) sowie Deloitte hinkten im Vergleich zum Markt 2013 etwas hinterher mit einem Wachstum von 4,4 Prozent, letztes Jahr waren es noch 6,5 Prozent.

Doch führen sie immer noch ganz klar die Liste an: PwC bleibt mit einem Umsatz von 1,52 Milliarden Euro auf Platz 1 (+0,9 Prozent im Vergleich zu 2012), gefolgt von KPMG mit 1,33 Milliarden Euro (+2,2 Prozent), EY konnte mit einem beinahe zweistelligen Umsatzwachstum von 9,8 Prozent stark zulegen und ist mit 1,27 Milliarden auf Platz drei. Weiter abgeschlagen ist die viertplatzierte Deloitte mit 682 Millionen Euro (+4,6 Prozent). Insgesamt erzielten die 25 führenden WP-Gesellschafen kumuliert einen Rekordumsatz von 6 Milliarden Euro, 80 Prozent davon machen die Big 4 aus.

Advisory und Legal werden wichtiger

Die Wachstumsraten sind jedoch nur zum Teil organischer Natur: So fusionierte beispielsweise 2013 die britische Einheit von BDO mit der britischen Abteilung des mittelständischen Prüfungs- und Beratungsunternehmen PKF und auch in Zukunft wird das anorganische Wachstum eine wichtige Rolle spielen: Erst vor einigen Tagen kündigte KPMG die Übernahme der Berliner Spezialberatung CTG an. „Daher können die Ergebnisse nicht auf den gesamten WP-Markt projiziert werden“, so Lünendonk-Chef Jörg Hossenfelder.

Immer stärker resultiert das organische Wachstum aus Advisory-Tätigkeiten inklusive Corporate-Finance und Managementberatung sowie der Rechtsberatung neben der klassischen Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Diese Tätigkeitsfelder werden von den insgesamt 94 Studienteilnehmern auch als wichtigste Motoren für das zukünftige Wachstum gesehen, wie auch schon in den Jahren zuvor.

Deloitte-Chef Martin Plendl: „Wir erwarten dramatische Veränderungen“

Die Ergebnisse der Lünendonk-Befragung bestätigen den Trend der vergangenen Jahre, doch in den kommenden Jahren könnte einiges durcheinandergeworfen werden, sofern die kürzlich von der EU beschlossene Reform der Abschlussprüfung durchschlägt: „Jetzt ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Deloitte-Chef Martin Plendl, „Aber wir erwarten dramatische Veränderungen“. Zwar ist noch offen, wie viel sich tatsächlich für deutsche Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ändern wird, da der deutsche Gesetzgeber noch Spielraum bei der Auslegung hat.

Und auch die umstrittene Rotationspflicht war schlussendlich nicht so schwerwiegend wie befürchtet, im Ausnahmefall kann die Bestelldauer von Prüfern auf 24 Jahre verlängert werden. „Doch die Phase, in der Mandate jahrzehntelang in der Hand einer Prüfungsgesellschaft lagen, sind endgültig vorbei“, resümiert Plendl.

Der neue Auswahlprozess könnte es in sich haben, befürchten auch andere WP-Gesellschaften: Den richtigen Prüfer zu finden, kann angesichts der großen Auswahl schwer werden. Lange warten sollte man mit einer Bewerbung um ein Mandat nicht, empfiehlt ein Studienteilnehmer: Niemand möchte schließlich der Letzte sein.

Trennung von Prüfung und Beratung

Doch die Wirtschaftsprüfer erkennen auch Chancen in den neuen Regelungen. Da es künftig verboten ist, die Prüfung und die Beratung durch ein und dasselbe Unternehmen durchführen zu lassen, könnte sich hier der Markt teilen: Während beispielsweise eines der Big Four die Wirtschaftsprüfung übernimmt, könnte eine kleinere Gesellschaft die Beratung übernehmen – sobald die Frist abläuft, wird getauscht. Davon könnte auch der CFO profitieren: Er erleichtert sich die Suche nach einem neuen Prüfer und Berater  und hat jemanden an der Hand, der das Unternehmen bereits gut kennt.

julia.becker[at]finance-magazin.de