Joint Audits: Die Lösung aller Probleme?

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Kann das Oligopol der Big Four wirklich durch Joint Audits aufgebrochen werden? Foto: Reese/peopleimages.com - stock.adobe.com
Kann das Oligopol der Big Four wirklich durch Joint Audits aufgebrochen werden? Foto: Reese/peopleimages.com - stock.adobe.com

Die Big Four KPMG, PwC, Deloitte und EY beherrschen den Wirtschaftsprüfermarkt. Sie teilen den Großteil der Prüfmandate unter sich auf – ein klassisches Oligopol. Nicht überraschend war daher das Ergebnis der von Mazars in Auftrag gegebenen Studie „Reformoptionen für die Wirtschaftsprüfung“, die dem Wettbewerb auf dem deutschen Wirtschaftsprüfermarkt ein verheerendes Zeugnis ausstellt. Dieser sei vor allem im Segment der Unternehmen von öffentlichem Interesse, den sogenannten Public Interest Entities (PIE), kaum vorhanden.

Das Problem ist nicht neu, wurde aber durch viele Maßnahmen des im Mai 2021 vom Bundestag verabschiedeten Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetzes (FISG) weiter verschärft: Die Rotationspflicht, die striktere Trennung von Prüfung und Beratung sowie die verschärften Haftungsregeln haben für Unternehmen die Prüferauswahl weiter eingeschränkt.

Sind Joint Audits ein Wettbewerbsbooster?

Wettbewerbsökonom und Studienautor Justus Haucap hat einen Lösungsvorschlag für mehr Wettbewerb: verpflichtende Joint Audits, wie sie in Frankreich seit Jahrzehnten Standard sind. Sprich: Statt nur einem wären zwei oder mehr WP-Gesellschaften mit der Abschlussprüfung beauftragt.

Somit kämen mehr Prüfgesellschaften bei einem Mandat zum Zuge, das würde die Marktkonzentration verringern und den Wettbewerb erhöhen. Gleichzeitig würde sich die Qualität verbessern, da zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften den Prüfungsprozess im Blick hätten, so die Theorie.

Profitieren würden davon vor allem mittelständische Prüfer (Next Six), zu denen auch Mazars gehört. Denn die Big Four allein könnten die Joint Audits nicht unter sich aufteilen, dafür wären vier Gesellschaften nicht ausreichend – sie müssten die mittelständischen Wettbewerber mit ins Boot holen. Dies würde mittelständische Prüfer sichtbarer machen, wodurch sie Reputation und Kapazitäten aufbauen könnten, wenn sie prominentere Mandate innehätten. Sind Joint Audits wirklich die Lösung?

Konzentration ja, mangelnder Wettbewerb nein

Andere Marktteilnehmer und -beobachter sehen zwar auch eine Konzentration der Wirtschaftsprüfer im PIE-Bereich, teilen aber die Kernaussagen der Studie nicht. „Grundsätzlich halte ich den Markt für gesund, er wächst und funktioniert. Es herrscht Wettbewerb um die Mandate“, sagt Melanie Sack, Vorstandssprecherin des Instituts der Wirtschaftsprüfer IDW. „Es stimmt allerdings, dass sich in der Vergangenheit einige Wirtschaftsprüfer aus der Prüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse zurückgezogen haben.“

Santosh Varughese, Managing Partner von Nexia Deutschland, sieht das ähnlich. „Ich teile den grundsätzlichen Befund, dass die Marktkonzentration nach Verabschiedung des FISG zugenommen hat. Seitdem erleben wir eine andere Welt.“ Das Haftungsregime, nach dem Abschlussprüfer von kapitalmarktorientierten Unternehmen schon bei grober Fahrlässigkeit unbegrenzt haften müssen, schrecke viele mittelständische Abschlussprüfer ab, hat er festgestellt. „Es ist durchaus nachvollziehbar, dass sich Mitbewerber zurückgezogen haben. Was die Politik eigentlich aufbrechen wollte, hat sich ins Gegenteil verkehrt.“

Thorsten Neumann hingegen, Partner Assurance Clients & Markets beim Marktführer PwC, kann das Argument des eingeschränkten Wettbewerbs nicht nachvollziehen. „Wir sehen in keiner Weise einen eingeschränkten Wettbewerb. Wir sind bei Ausschreibungen immer in einer Wettbewerbssituation mit sechs, sieben Gesellschaften.“

Für KPMG-Vorstand Audit Christian Sailer habe zudem der Gesetzgeber mit dem Rotationsprinzip und der Begrenzung von Nichtprüfungsleistungen wesentliche Maßnahmen ergriffen, „um die erforderliche Unabhängigkeit zu wahren und zugleich einer zu starken Wettbewerbskonzentration auf dem PIE-Markt vorzugreifen“.

Hohe Markteintrittsbarrieren erhöhen Qualität der Prüfung

Doch nicht nur die Big Four sehen die Situation weniger kritisch. Auch Christoph Eppinger, Partner beim Next-Six-Haus RSM Ebner Stolz, sieht trotz der geringeren Zahl an Wirtschaftsprüfern, die um PIE-Mandate konkurrieren, den Wettbewerb immer noch als gegeben an. Und er sieht sogar einen positiven Aspekt: „Um börsennotierte Mandate sollten sich nur Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bewerben, die eine hohe Qualifizierung haben – und davon gibt es auf dem deutschen Markt nur eine gewisse Anzahl. Diese hohen Anforderungen können als Markteintrittsbarrieren im positiven Sinne beurteilt werden, um ausreichende Qualitätsstandards zu gewährleisten.“

Joint Audits seien für Eppinger daher nicht zwangsläufig ein probates Mittel, um die Anzahl potentieller Prüfer von kapitalmarktorientierten Unternehmen zu erweitern. „Unter Umständen werden Anbieter in verantwortliche Prüferrollen befördert, die aufgrund fehlender Spezialkenntnisse und Erfahrung nicht über eine ausreichende Qualifizierung verfügen“, so sein Hinweis.

Auch Dietmar Prümm, Mitglied der Geschäftsführung und Leiter Assurance beim Big-Four-Haus PwC, sieht in Joint Audits kein Allheilmittel: „Ich kenne weltweit keinen Markt, in dem Joint Audits verboten sind. Dennoch sehen wir in den Ländern, in denen Freiwilligkeit besteht, kaum Joint Audits – schlicht mangels überzeugender Argumente. Warum sollten diese also verpflichtend werden? Zudem ist mir keine neutrale Studie bekannt, die besagt, dass mit Joint Audits die Prüfqualität steigen würde – das Gegenteil ist der Fall.“

Joint Audits machen Wirtschaftsprüfung teurer

Nexia-Managing-Partner Varughese ergänzt: „Für Unternehmen bedeutet es mehr Kosten, mehr Bürokratie und einen höheren Abstimmungsbedarf. Ob der Nutzen höher sein wird als der Aufwand, wage ich zu bezweifeln.“ KPMG-Kollege Sailer sieht es genauso: „Verpflichtende Joint Audits werden die vorhandene Marktvielfalt nicht stärken. Vielmehr erhöhen sie die Komplexität und die Kosten für Kunden. In der Praxis haben sie sich deshalb nicht durchgesetzt.“

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Die Einschätzungen aus der Branche zur Einführung von Joint Audits korrespondieren mit einer Studie aus dem Jahr 2021 der Wirtschaftswissenschaftlerinnen Annette G. Köhler von der Universität Duisburg-Essen und Nicole V. S. Ratzinger-Sakel von der Universität Hamburg. Die Wissenschaftlerinnen hatten für ihre Studie neben einer Auswertung der wissenschaftlichen Literatur auch 37 Prüfungsausschussvorsitzende von Unternehmen von öffentlichem Interesse befragt. Das Resultat der Studie: Joint Audits seien nicht empfehlenswert, sie böten keine signifikanten Vorteile gegenüber Single Audits.

Müssen Haftungsregeln angepasst werden?

Santosh Varughese würde sich stattdessen wünschen, dass die Haftungsregeln dahingehend überarbeitet werden, dass bei grober Fahrlässigkeit keine unbeschränkte Haftung droht. „Dann wird es auch wieder mehr Wettbewerb um PIE-Mandate geben“, ist er überzeugt.

Auch IDW-Vorstandssprecherin Melanie Sack würde sich wünschen, dass die Haftungsregeln angepasst werden. „Hier sollte der Gesetzgeber nachbessern.“ Doch auch mit weniger strengen Haftungsregeln würde sich die Zahl der Wirtschaftsprüfer, die sich um PIE-Mandate bewerben, nicht sprunghaft steigern, sagt sie. „Um PIE-Mandate zu prüfen, benötigt man insgesamt eine entsprechende Infrastruktur. Im Übrigen brauchen global agierende Unternehmen Wirtschaftsprüfer, die sie global begleiten können. Dazu brauchen Wirtschaftsprüfer ein starkes internationales Netzwerk.“

„Es dürfte auch eine Kapazitätsfrage sein, denn viele mittelständische Abschlussprüfer sind oft gar nicht in der Lage, große kapitalmarktorientierte Mandate zu übernehmen, selbst wenn sie nur Junior Partner in einem Joint Audit wären“, bestätigt Varughese. Er kann sich deshalb auch nicht vorstellen, dass verpflichtende Joint Audits zu mehr Wettbewerb führen würden. „Die Marktanteile würden sich nur innerhalb der Big Four und der Next Six etwas verschieben, die Prüfungsgesellschaften darunter würden nicht signifikant davon profitieren.“

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.