Sichtlich zufrieden steht Bettina Orlopp hinter ihrem Rednerpult während der jüngsten Bilanzpressekonferenz der Commerzbank. Schließlich hat die CFO den anwesenden Journalistinnen und Journalisten gute Nachrichten zu verkünden. „2022 war ein gutes, ein erfolgreiches Jahr für die Commerzbank“, sagt sie und berichtet dann ein operatives Ergebnis von 2,1 Milliarden Euro, einen Nettogewinn von 1,4 Milliarden Euro und damit das höchste Konzernergebnis seit zehn Jahren.
Der Lohn für das zweite positive Ebitda in zwei aufeinanderfolgenden Geschäftsjahren: Die Commerzbank darf sich über die Rückkehr in den Dax freuen. Dieser Erfolg geht auch auf das Konto von Bettina Orlopp, unserer CFO des Monats. Und doch ist die Rückkehr in den Dax nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur erfolgreichen Umsetzung der 2021 begonnenen Restrukturierung. Abgeschlossen ist die Transformation der Commerzbank noch lange nicht.
Wenn der Vorstand der Commerzbank mit einem Wort beschrieben werden sollte, käme vermutlich den wenigsten Beobachtern das Wort „Konstanz“ in den Sinn. Dafür gab es in den vergangenen Jahren einfach zu viele Wechsel auf der höchsten Management-Ebene. Wenn Chief Risk Officer Marcus Chromik im Lauf des Jahres aus seinem Amt ausscheidet, wird Orlopp das dienstälteste Vorstandsmitglied der Commerzbank sein.
Blessing holte Orlopp zur Commerzbank
Seit Jahren gilt die Commerzbank als kranker Patient. Die Übernahme der Dresdner Bank und die anschließenden, von der Finanzkrise ausgelösten Verwerfungen liegen dem Kreditinstitut noch schwer im Magen, als der damalige CEO Martin Blessing Orlopp 2014 als Strategiechefin an den Frankfurter Kaiserplatz holte.
Zu diesem Zeitpunkt blickte Orlopp schon auf eine fast 20-jährige Karriere als Beraterin bei McKinsey zurück, wo sich die promovierte Betriebswirtin in der Beratung von Banken einen Namen gemacht hatte. 2016 wurde sie Generalbevollmächtigte, 2017 rückte sie in den Vorstand der Commerzbank auf – als erste Frau überhaupt bis dahin.
Für sie wurde ein neues Ressort geschaffen, doch wer Orlopp deshalb als „Quotenfrau“ abgetan haben sollte, der kennt sie nur schlecht. Von Tag eins an bewies Orlopp das Gegenteil. Angesichts ihres Werdegangs kann dieser Stempel ohnehin nicht ernst genommen werden.
Orlopps Karriere begann bei McKinsey
Bei McKinsey gehörte sie vor ihrem Wechsel zu den neun Frauen unter den damals 165 Partnern. Wer es bei McKinsey in die Partnerriege schafft – 2002 wurde sie gewählt – verfügt über die nötige Härte, um im Vorstand der zweitgrößten deutschen Privatbank zu sitzen.
Was Orlopp dann auch umgehend bewies. Als Vorständin bekam sie das Ressort Compliance übertragen und hatte direkt viel zu tun. Im Jahr 2015 bestraften US-Behörden die Gelben unter anderem wegen Geschäften mit der auf einer amerikanischen Sanktionsliste stehenden iranischen Reederei Irisl. Auch Transaktionen mit dem japanischen Kamerahersteller Olympus, der seine Bücher frisiert hatte, werden bemängelt. Neben einer saftigen Milliardenstrafe musste die Commerzbank einen von den US-Finanzbehörden eingesetzten sogenannten Monitor ertragen.
Bei diesem handelt es sich um eine US-amerikanische Anwaltskanzlei, die überprüfen soll, ob die Commerzbank ein funktionierendes Kontrollsystem aufbaut, das solche Verstöße künftig verhindern kann. Unter Orlopps Ägide wurde erfolgreich ein entsprechendes System aufgebaut: Seit 2019 kann die Traditionsbank wieder ohne Aufpasser agieren und Orlopp, die als fleißig und akribisch gilt, wurde ein Jahr später zur CFO ernannt.
CFO Orlopp wird stellvertretende CEO
Doch die Commerzbank war noch nicht zur Ruhe gekommen. Martin Zielke, der 2016 als CEO auf Martin Blessing folgte, trat Mitte 2020 als Vorstandschef zurück, mit ihm einige Aufsichtsräte und weitere Vorstände. Orlopp blieb und erledigte ihre Arbeit. Ihr Name kursierte als mögliche Nachfolgerin des glücklosen Zielke, doch die Zeit schien noch nicht reif für eine weibliche CEO bei einer deutschen Großbank. Schließlich übernahm der ehemalige Allianz- und Deutsche-Bank-Vorstand Manfred Knof Anfang 2021 das Ruder. Orlopps Vertrag wurde aber verlängert und fortan durfte sie sich stellvertretende Vorstandsvorsitzende nennen – einen Titel, den es bis dahin bei der Commerzbank nicht gab.
Die Commerzbank galt zu diesem Zeitpunkt immer noch als Patient. Zu Buche stand für das Jahr 2020 ein operativer Verlust von 233 Millionen Euro, nach Steuern stand unter dem Strich ein Verlust von mehr als 2,8 Milliarden Euro. Die Cost-Income-Ratio (CIR) lag bei verheerenden 81,5 Prozent. Knof und Orlopp verkündeten daraufhin die „Strategie 2024“, eine Rosskur, die die Commerzbank wieder in die Spur bringen soll.
CFO Orlopp verordnet Rosskur
Es gibt sicher angenehmere Aufgaben, als ein seit Jahren dahin darbendes Geldhaus zu sanieren, doch Orlopp schreckt auch vor unangenehmen Botschaften nicht zurück. Gemeinsam mit CEO Knof verordnete sie dem Geldhaus ein massives Sparprogramm. Bis 2024 soll das operative Ergebnis 2,7 Milliarden Euro betragen, die CIR auf 60 Prozent sinken und insgesamt 1,4 Milliarden Euro eingespart werden. Dafür sollen 340 der insgesamt 790 Filialen geschlossen und 10.000 Vollzeitstellen gestrichen werden. Mit solchen Botschaften – vor allem den Filialschließungen und Entlassungen – sorgt man bei Arbeitnehmern und deren Vertretern selten für Freude.
Doch Orlopp, die von Wegbegleitern oft als zupackend beschrieben wird, zieht durch – mit Erfolg. Der Patient Commerzbank wird wiederbelebt. Mag auf der Ertragsseite die Zinswende die Erträge früher als erhofft in die Höhe getrieben haben, die Ausgabenseite liegt in der Hand der Bank. Und hier hat die Commerzbank geliefert.
Trotz hoher Inflation sinken die Verwaltungskosten im Geschäftsjahr 2022 auf 5,8 Milliarden Euro, 2020 lagen sie noch bei 6,2 Milliarden Euro. Die Gesamtkosten summieren sich 2022 trotz höherer Bankenabgabe auf 6,4 Milliarden Euro und liegen damit knapp 300 Millionen Euro unter den Kosten von 2020. Die CIR verbessert sich um rund 11 Prozentpunkte auf 68,6 Prozent und hat die Zielmarke von 60 Prozent fast erreicht. In Summe wurden seit Anfang 2021 fast 6.000 Vollzeitstellen abgebaut.
Commerzbank liegt zur Halbzeit im Plan
Das gute Ergebnis sorgt dafür, dass die Commerzbank ein Jahr früher als geplant eine Dividende ausschütten wird. 30 Prozent des Konzernergebnisses in Form einer geplanten Dividende von 20 Cent je Aktie sollen an die Aktionäre fließen, gleichzeitig sollen Aktien im Wert von 122 Millionen Euro zurückgekauft werden.
Ein Wermutstropfen bleibt: An der Profitabilität muss die Commerzbank noch weiterarbeiten. Die Eigenkapitalrendite lag mit 4,9 Prozent deutlich unter der der Konkurrenz. Die Zielmarke von mehr als 7,3 Prozent ist noch mehr als 2 Prozentpunkte entfernt.
Doch das weiß Bettina Orlopp am besten. Auf die Frage eines Journalisten, ob die Commerzbank angesichts des positiven Ergebnisses Übernahmepläne hege, antwortet sie: „Erst einmal müssen wir profitabler werden, bevor wir an Übernahmen denken.“ Vielleicht klingt das 2024 schon anders. Ausgeschlossen ist es nicht.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
