Dass ausländische Investoren Interesse an einem Unternehmen bekunden, bei dem Christian Baier die Finanzen leitet, ist für den CFO nicht neu. In seiner Zeit als Finanzchef bei Metro versuchte der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky, die Mehrheit an dem Handelskonzern zu erlangen, bei seiner aktuellen Station Covestro zeigt sich ein ähnliches Bild – nur sollte er hier keine feindliche Übernahme abwehren, sondern einen freundlichen Einstieg ermöglichen.
Was letztlich auch zu gelingen scheint: Anfang Oktober teilte der Chemiekonzern mit, dass die Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc), die staatliche Ölgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ein Übernahmeangebot abgegeben hat. Und sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat von Covestro begrüßen den Einstieg.
Adnoc will 50 Prozent Aufschlag zahlen
62 Euro pro Aktie will Adnoc zahlen, was einer Prämie von 54 Prozent auf den letzten Aktienkurs entspricht, bevor am 19. Juni 2023 erste Verkaufsgerüchte aufkamen – was einer Bewertung von rund 11,7 Milliarden Euro entspricht. Bis Ende November läuft die Angebotsphase, Marktbeobachter sind sehr zuversichtlich, dass genügend Aktionäre das Angebot annehmen.
Als Baier am 1. September sein Amt antrat, waren die Gespräche zwischen dem Chemiehersteller und Adnoc schon am Laufen. Große Zeit zur Einarbeitung und zum Kennenlernen der neuen Umgebung hatte Baier nicht, seine Expertise war sofort gefragt. Dabei kam ihm sicher zugute, dass er das M&A-Geschäft von der Pike auf gelernt hat und beide Seiten kennt.
Nach seiner Ausbildung bei der Baden-Württemberg Bank wird Baier 2001 dort zunächst Beteiligungsmanager. Dann zieht es ihn zurück an die Universität. Nach seinem MBA-Studium von 2002 bis 2004 an der New York University steigt er im Anschluss bei Lehman Brothers in der M&A-Beratung ein. Dort bleibt es bis 2006 und wechselt dann als Investment Executive zum Private-Equity-Haus Permira, wo er die nächsten fünf Jahre verbringt.
Baier zog es in die Realwirtschaft
Schließlich folgt er dem Ruf der Realwirtschaft, und schließt sich 2011 dem Handelskonzern Metro an. Dort übernimmt er zunächst die Unternehmensleitung bei der Metro-Tochter Schaper C&C, um ein Jahr später als M&A-Leiter in den Mutterkonzern zu wechseln. Kurz darauf übernimmt Baier auch die Unternehmensstrategie des Handelskonzerns.
Drei Jahre später wird er schließlich CFO von Metro Cash & Carry und kann von seiner M&A-Expertise regen Gebrauch machen. In Baiers Amtszeit richtete sich das Unternehmen 2017 von einem Mehrspartenkonzern zu einem Lebensmittelgroßhändler neu aus. Die Aufspaltung in Metro und Ceconomy, die sich als Flop herausstellte, sowie der Verkauf der Real Supermärkte an die SCP Group sind entscheidende Schritte dieser Transformation. Gleichzeitig wurde ein Übernahmeversuch des tschechischen Unternehmers Daniel Kretinsky vorerst abgewehrt.
Doch der Milliardär blieb weiterhin Großaktionär bei Metro und dem Vernehmen nach soll der damalige CEO Olaf Koch nicht das beste Verhältnis zu Kretinsky gehabt haben. Koch verließ Metro, doch obwohl die Demission lange vorher angekündigt worden war, fand der Handelskonzern einfach keinen neuen CEO. So rückten Baier und Chief Operaring Officer (COO) Rafel Gasset im Januar 2021 interimistisch auf den Chefposten, nicht wenige Marktbeobachter trauten Baier zu, die Rolle dauerhaft auszufüllen.
Doch es kommt anders. Steffen Greubel, der von der Würth Gruppe zu Metro wechselt, übernimmt im Mai 2021 den CEO-Posten und Baier leitete weiterhin in die Finanzen – bis im Juni 2023 bekannt wird, dass Baier Metro „im besten beiderseitigen Einvernehmen“ Ende September verlassen wird. Mit Abschluss der Portfoliobereinigung und der Festlegung der neuen Strategie Score sei nun der richtige Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen, ließ sich der CFO damals zitieren.
Baier verlässt Metro nach zwölf Jahren
Schon einen Monat später ist klar, wohin es den Finanzprofi ziehen wird: zum Leverkusener Chemiekonzern Covestro. Der soll sich seit Juni 2023 in ersten Gesprächen mit Adnoc befinden, ist am Markt zu hören. Allerdings haben die Leverkusener keinen Finanzchef – nicht die besten Voraussetzungen, um über eine Megaübernahme zu verhandeln. Der bisherige CFO Thomas Toepfer hatte schon Anfang 2023 seinen Wechsel zu Airbus bekanntgegeben, seitdem war Covestro auf der Suche nach einem neuen Finanzchef.
Bei Covestro hatte Baier keine Zeit sich langsam zu akklimatisieren, er musste sofort loslegen. Im September bestätigt Covestro offiziell, „ergebnisoffene Gespräche mit Adnoc“ zu führen. Am 1. Oktober tritt Baier sein Amt an – sein Lastenheft ist gut gefüllt.
Neben den Verhandlungen mit den möglichen neuen Besitzern, die neben der betriebswirtschaftlichen auch eine politische Dimension haben – die Vereinigten Arabischen Emirate stehen wegen Menschenrechtseinschränkungen immer wieder in der Kritik – muss er vor allem die grüne Transformation vorantreiben und gleichzeitig das Unternehmen zurück auf einen Wachstumspfad führen.
Covestro schwächelt operativ
Vor allem Letzteres ist aktuell ein schwieriges Unterfangen. Die Chemiebranche ächzt unter hohen Energiekosten bei sinkender Nachfrage und fallenden Verkaufspreise. Das zeigt sich auch bei den aktuellen Zahlen für das dritte Quartal.
Der Konzernumsatz nach den ersten neun Monaten 2024 war mit 10,8 Milliarden Euro 2,1 Prozent niedriger als im selben Vorjahreszeitraum. Auch der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) reduzierte sich um 7,2 Prozent auf 880 Millionen Euro, während der Free Operating Cashflow mit 164 Millionen Euro im Minus lag.
Mit schwindenden Umsätzen und sinkenden Gewinnen wird aber auch die grüne Transformation des Kunststoffherstellers zu einem immer schwierigeren Unterfangen – zumal eine weitere Verschuldung das Rating gefährden würde. Bis 2035 will Covestro klimaneutral arbeiten. Analysten gehen jedoch davon aus, dass der Konzern jedes Jahr rund 1 Milliarde Euro in die grüne Transformation intensivieren müsste, wenn das Netto-Null-Ziel bis 2035 wirklich erreicht werden soll.
Adnoc-Deal unterstützt grüne Transformation
Mit dem erfolgreich eingetüteten Deal mit Adnoc, bei dem der ehemalige Morgan-Stanley-Banker Klaus Fröhlich als Chief Investment Officer (CIO) fungiert, dürfte das Ziel einfacher zu erreichen sein. Denn die Investitionsvereinbarung enthält nicht nur ein klares Bekenntnis zur „Sustainable Future“-Strategie, mit der Covestro klimaneutral werden will, sondern auch eine Kapitalerhöhung von 10 Prozent, die den Leverkusenern rund 1,17 Milliarden an frischem Kapital verschaffen soll.
Doch nicht nur das. Covestro soll auch weiterhin als Aktiengesellschaft geführt , ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit Adnoc soll nicht geschlossen werden. Ebenso hat sich Adnoc dazu verpflichtet, weder Entlassungen vorzunehmen noch Geschäftseinheiten zu schließen oder zu verkaufen.
Der Covestro-Vorstand soll zudem unter den neuen Eigentümern in der gegenwärtigen Zusammensetzung eigenverantwortlich für die operative Steuerung und die strategische Ausrüstung zuständig sein. Zu diesem für die Stakeholder Covestros positivem Ergebnis beigetragen hat zu einem nicht unerheblichen Teil auch Christian Baier – deshalb ist er unser CFO des Monats Oktober.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
