Das machen CFOs im Ruhestand

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken
Im Ruhestand haben Manager mehr Zeit für sich und ihre Familien. Doch nicht immer ist der neue Lebensabschnitt für CFOs einfach. Foto: Take Production - stock.adobe.com
Im Ruhestand haben Manager mehr Zeit für sich und ihre Familien. Doch nicht immer ist der neue Lebensabschnitt für CFOs einfach. Foto: Take Production - stock.adobe.com

Lange starrt Klaus Müller aus dem Fenster. Es ist Mittwochvormittag, 11 Uhr. Müller kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal unter der Woche um diese Uhrzeit zu Hause war. Er checkt seine Mails, scrollt durch seine Anrufliste – nichts Neues.

80-Stunden-Woche, Meetingmarathons, berufliche Events und Hauptversammlungen. So sah Müllers Leben noch vor einem Monat aus, über 15 Jahre war er CFO – nun ist da nichts mehr. Keine langen Tage im Büro, keine Anrufe oder kurzfristig einberufene Sitzungen. Seit dem Sommer 2025 ist der 65-Jährige im Ruhestand. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in Müller breit: Was fängt er nun mit seinem Leben an? Wie soll er nach vielen Jahren Vollgas mit Stillstand umgehen?

Klaus Müller gibt es nicht wirklich. Doch so oder so ähnlich dürften sich einige Führungskräfte im Ruhestand fühlen. Was passiert, wenn man beinahe sein gesamtes Leben seiner Arbeit gewidmet hat? Und wie können sich Manager auf die neue Lebensphase vorbereiten? Dieser Frage ist FINANCE nachgegangen.

Ex-CFOs erfahren ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit

„Wenn Führungspersonen in den Ruhestand gehen, ist eine zentrale Emotion Angst, Angst vor dem Unbekannten“, sagt der Ruhestandscoach Hubert Koch. „Diese spiegelt sich in Unsicherheit und in Sorge wider.“ Das führe dazu, dass viele CFOs dieses Gefühl unterdrücken und den Ruhestand verdrängen. Doch das Ende des Arbeitslebens komme. „Und dann fallen die Manager oft in ein Loch, weil sie sich nicht ausreichend auf den Lebensabschnitt Ruhestand vorbereitet haben“, so Koch weiter.

Hubert Koch begleitet als Ruhestandscoach Manager auf ihrem Weg in die Rente. Foto: Dr. Hubert Koch

Nach seiner Beobachtung zeigen sich bei vielen Managerinnen und Managern wiederkehrende Muster. „In der ersten Zeit im Ruhestand aktivieren ehemalige Manager Dinge, die sie lange nicht getan haben“, so Koch. Tendenziell würden die ersten paar Monate oft sehr positiv wahrgenommen. „Die Unzufriedenheit tritt dann etwa nach einem halben Jahr bis Jahr auf.“

Ehemalige Vorstände erlebten dann erstmals ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Die meisten CFOs seien in ihrem beruflichen Werdegang High Performer gewesen und hätten einen Großteil ihrer Zeit der Arbeit und dem Unternehmen gewidmet, sagt Koch. „Viele Führungskräfte verlieren mit der Karriere den Blick auf sich selbst als Mensch und identifizieren sich nur noch mit ihrer Funktion im Unternehmen.“ Oftmals müssten die Manager erst wieder lernen, „Mensch zu sein“.

CFOs in Rente: Von hundert auf null?

Doch nur für wenige Manager geht es nach dem Karriereende von 100 Prozent auf null. „Es gibt verschiedene Typen von Managern im Ruhestand“, erklärt Coach Koch, der zahlreiche Führungskräfte bei diesem Schritt begleitet hat. Während manche sich komplett von ihrem alten Beruf trennen, bleiben doch viele mit einem Bein im Berufsleben: Aufsichtsrats- oder Beiratsmandate, Ehrenämter oder Interim-Positionen sind die gängige Wahl. So ganz steigen die meisten CFOs also nicht aus.

Einen solchen Weg ist auch Peter Zattler gegangen. Er war von 2001 an Finanzchef des Sicherheitstechnologiekonzerns Giesecke + Devrient und hat bis zu seiner offiziellen Pensionsgrenze von 65 Jahren gearbeitet. Seit seinem Ruhestand im Mai 2024 sitzt er im Aufsichtsrat des IT-Unternehmens Secunet. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich als Rechnungsprüfer bei der Stiftung Kindergesundheit. „Ruhestand bedeutet für mich Freiheit, mich für das zu engagieren, was mir am Herzen liegt“, sagt Zattler dazu.

Auch Mark Wilhelms ist nach seiner Pensionierung nicht untätig. 13 Jahre war er für die Finanzen bei dem Industriezulieferer Stabilus verantwortlich. „Als ich bei Stabilus im Jahr 2022 aufhörte, war es schon ein einschneidender Wechsel“, blickt Wilhelms zurück. 2018 nahm er ein Aufsichtsratsmandat bei dem Industriekonzern Norma Group an – dort ist er auch bis heute aktiv und übernahm im Frühjahr interimistisch sogar den Vorstandsvorsitz.

Eigentlich hatte er bewusst ausgeschlossen, noch einmal aktiv eine Vorstandsfunktion anzunehmen. „Dass ich jetzt wieder eine aktive Rolle innehabe, war nicht Teil der Planung“, sagt Wilhelms und lacht. Es zeigt aber auch, wie schwierig es ist, tatsächlich loszulassen, wenn man gebraucht wird und einem Unternehmen noch etwas geben möchte.

CFOs wechseln oftmals in den Aufsichtsrat

Speziell Aufsichtsratsmandate locken CFOs im Ruhestand an, Beispiele gibt es zuhauf. So sitzt der ehemalige Rheinmetall-CFO Helmut Merch nun bei Elring Klinger im Aufsichtsrat. Die frühere Evonik-Finanzchefin Ute Wolf hat gleich mehrere Mandate inne, unter anderem bei DWS und MTU Aero Engines. Nicolas Peter, ehemaliger BMW-Finanzvorstand, ist sogar nach der gesetzlich vorgeschriebenen Pause zu seinem Arbeitgeber zurückgekehrt und dort seit Mai dieses Jahres Aufsichtsratsvorsitzender.

Die CFOs können in diesen Mandaten ihre ganze Berufserfahrung einbringen, sind aber nicht mehr ins Tagesgeschäft eingebunden wie in ihren vormaligen Positionen. „Vorher hat man als CFO deutlich mehr als 40 Stunden, eher in Richtung 60 Stunden die Woche gearbeitet“, sagt Wilhelms. Als Aufsichtsrat seien die Sitzungszeiten natürlich intensiv, doch dazwischen sei sein Leben nun deutlich ruhiger. Auch Peter Zattler kann das bestätigen. In Wilhelms bis Ende Oktober vorgesehenen Rolle als Interim-CEO bei Norma ist dies aktuell allerdings nicht der Fall.

Um sich gut auf die Zeit nach der Karriere vorzubereiten, empfiehlt Ruhestandsexperte Koch allen Führungskräften, sich rechtzeitig vor Renteneintritt mit dem Thema intensiv zu befassen und die Ruhestandsplanung als Projekt anzusehen. Ex-CFO Zattler war bewusst, dass der Zeitpunkt kommen würde, zu dem er sich von seinem Job verabschieden muss. „Nachdem klar war, dass ich bald in den Ruhestand gehen werde, hat der Aufsichtsrat von Giesecke + Devrient die Suche nach einer Nachfolge gestartet“, erinnert er sich. „Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, was danach kommt. Meine jetzigen Tätigkeiten hatte ich alle geplant.“

Auch Wilhelms traf die Rente nicht unvorbereitet. „Das war von meiner Seite aus ein geplantes Auslaufen meiner Anstellung bei Stabilus, das war ein Dreivierteljahr vorher klar.“ Daher habe er genug Zeit gehabt, sich selbst zu organisieren und den Fokus neu zu setzen – sich zu „refokussieren“.

Manager können in Ruhestandskrisen stürzen

Trotz der Vorbereitung war der Eintritt in den neuen Lebensabschnitt nicht leicht. „Damals musste ich meinem Herzen schon einen Ruck geben“, erinnert sich Wilhelms. „Ich hatte auch eine emotionale Nähe zum Unternehmen und zu meinem Job. Der Verstand und das Herz haben in dem Moment nicht zusammengefunden.“ Er blickt positiv auf seine Arbeit zurück: „Es ist schön, sagen zu können, dass ich Spaß an meinem Job hatte.“

Ex-Finanzvorstand Zattler hat aus seiner Zeit im Unternehmen viel mitgenommen. „Ich habe gelernt, Krisen zu managen, auch wenn manche Schritte schmerzhaft, aber doch notwendig waren.“ Dadurch könne er auch bei Problemen und Herausforderungen im privaten Umfeld ruhig bleiben und lösungsorientiert denken. Diese pragmatische Vorgehensweise helfe ihm jetzt im Ruhestand.

Doch nicht immer kommen Manager mit dem Ruhestand zurecht. Nach dem Renteneintritt verlieren viele Führungskräfte an Bedeutung für ihr Unternehmen – sie sind dort ja nicht mehr aktiv tätig. Der eigene Schreibtisch ist leer, was als „Empty-Desk-Syndrom“ bekannt ist. Dann kommt die Einsamkeit, weiß Ruhestandscoach Koch. „Im Job haben die CFOs viele berufliche Kontakte. Die privaten Kontakte sind während der Karriere nicht stark ausgeprägt und gehen verloren.“ Der Verlust des beruflichen Umfelds und das Gefühl der Unwichtigkeit könnten CFOs in eine Lebenskrise stürzen. „Ruhestandskrisen gibt es gar nicht mal so selten“, sagt Koch. „Im schlimmsten Fall können solche Krisen ernste gesundheitliche Folgen haben, wie einen Herzinfarkt, oder in eine Sucht führen.“

„Als ich im Mai vergangenen Jahres in den Ruhestand gegangen bin, gab es schon einen Bruch“, erinnert sich Zattler. Er vermisse am meisten den Kontakt zu interessanten Menschen im beruflichen Kontext. „Diese inspirierenden Treffen und der intensive Kontakt sind im Ruhestand natürlich deutlich weniger.“ Trotzdem sieht er in seinem Ruhestand eher Vorteile: „Es ist das erste Mal seit 40 Jahren, dass ich selbstbestimmt entscheiden kann, was ich mache und welche Termine ich wahrnehme“, sagt Zattler lachend.

Soziales Umfeld ist im Ruhestand wichtig

Ohnehin sollten Führungskräfte darauf achten, ihre sozialen Kontakte außerhalb der Arbeit zu pflegen. Für den Job zu leben, funktioniert nur, solange man sich im Arbeitsleben befindet. „Denkt an euer privates und soziales Umfeld und lasst die Kontakte nicht einschlafen“, empfiehlt Koch. Dem stimmen Wilhelms und Zattler zu.

„Je höher man im Unternehmen positioniert ist, desto schwieriger ist es, ein soziales Netzwerk außerhalb des Unternehmens aufrechtzuerhalten“, sagt Zattler. Trotzdem sei es wichtig, auch Freunde zu haben, die nichts mit dem Beruf zu tun hätten. „Während meines Jobs hatte ich mit vielen verschiedenen Menschen und Managementkreisen zu tun“, sagt Wilhelms. Das helfe ihm heute, mit unterschiedlichen Menschen klarzukommen, daraus Freude zu schöpfen und diese Kontakte als Erweiterung seines Horizonts anzusehen – und nicht als Last.

Info

Um in keine persönliche Krise im Ruhestand zu rutschen, sei es zudem wichtig, die Zeit im Arbeitsleben zu reflektieren – vor allem deren Bedeutung, so Koch. „Ein Manager sollte sich immer fragen, welche Bedeutung die Berufsphase hatte. Will man nach seinem Eintritt in den Ruhestand weiterhin in den gleichen Mustern agieren?“ Zudem sollten sich Führungskräfte fragen, was sie eigentlich persönlich auszeichnet, unabhängig vom Job. „Was sind überhaupt meine Werte und was macht mich als Person aus? Daran scheitern oftmals viele Manager“, berichtet Ruhestandscoach Koch.

Im Ruhestand: Sprachen lernen und Skifahren

Neugierig bleiben für Dinge, die außerhalb des Aufgabenbereichs eines CFO liegen, empfiehlt Ex-CFO Zattler: „Ich kann allen Finanzchefs nur empfehlen, sich ein oder zwei Jahre vor der Pensionierung zu überlegen, was sie nach ihrem Job machen möchten.“ Jeder müsse eine Aufgabe für sich finden, ergänzt Wilhelms. „Wenn ein Manager in den Ruhestand geht, muss er sich bewusst damit auseinandersetzen, wie er diesen gestalten möchte.“

Und wie sieht er aus, der perfekte Ruhestand für ehemalige Führungskräfte? „Wenn sich die eigene Persönlichkeit voll entwickeln kann, entsprechend den eigenen Werten und persönlichen Interessen“, sagt Experte Koch. „Manager sollten dabei möglichst viele eigene Talente entfalten, auch die, die im Berufsleben verschüttet worden sind.“ Und schließlich: „Das Leben in seiner Fülle genießen“, so sieht für den Ruhestandscoach die perfekte Zeit nach dem Arbeitsleben aus.

„Ich habe nun mehr Zeit, mich um Themen zu kümmern, die näher am Herzen sind, wie meine Familie und Hobbys“, berichtet Ex-Stabilus-CFO Wilhelms. Vor allem sportlich sei er interessiert, er gehe Segeln, Skifahren und Mountainbiken. „Ich lerne Italienisch einmal die Woche“, sagt Ex-Manager Zattler. Das habe er sich schon immer vorgenommen. Und statt KPIs, Treasury und Bilanzierung stehen jetzt außerdem Kino, Theater und Ballett in seinem Terminkalender – auch mal unter der Woche. Über diese Freiheit freuen sich beide ehemaligen Finanzchefs mittlerweile am meisten: die Zeit frei nutzen zu können – und nicht an feste Termine gebunden zu sein. 

Jasmin Rehne ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die Themen Gehalt und Personal. Zudem ist sie Moderatorin bei FINANCE TV. Sie hat in Marburg Sprache und Kommunikation studiert. Neben ihrem Studium arbeitete Jasmin Rehne bereits als studentische Hilfskraft bei FINANCE.