Milliarden-Deals, eine intensive Umbauphase und milliardenschwere Beteiligungen: Der Technologiekonzern Siemens befindet sich in stetigem Wandel und steht womöglich vor seinen bedeutendsten Transaktionen der Unternehmensgeschichte. Das Ziel: weg von einem breit aufgestellten Industriekonzern hin zu einem der wertvollsten Börsenkonzerne der Welt, führend in den Bereichen Industrie, Infrastruktur, Mobilität und Gesundheit. Zu diesem Zweck tütete der Konzern zuletzt einen milliardenschweren Deal ein – wobei auch eine Verschlankung der Unternehmensstruktur und -beteiligungen auf der Agenda steht.
Dabei hat die Geschichte von Siemens ganz klein angefangen: 1847 entstand in einer Zehn-Mann-Werkstatt in der Schöneberger Straße 33 in Berlin-Schöneberg der heutige Weltkonzern. In einem Hinterhaus stellten Werner von Siemens und Johann Georg Halske neben Telegraphen vor allem Eisenbahn-Läutewerke, Drahtisolierungen und Wasserzähler her. 178 Jahre später wird das Unternehmen von München aus geführt, beschäftigt rund 327.000 Mitarbeiter und fokussiert sich auf neueste Technologien. Das hat der Konzern nur geschafft, indem er sich andauernd transformiert hat.
Eine Schlüsselfigur ist seit zwölf Jahren Finanzvorstand Ralf P. Thomas. Wie viele Manager an der Spitze des Konzerns ist er ein waschechter Siemensianer – beinahe seine gesamte Karriere hat er dem Unternehmen gewidmet. Transformationsprozesse, Nachwuchsförderung und eine lange Unternehmenszugehörigkeit – das ist nur eine Auswahl an Leistungen, die Thomas’ Karriere bei Siemens prägen und wofür FINANCE den Manager im November 2024 auf der Konferenz Structured FINANCE zum „CFO des Jahres“ gekürt hat.
Ralf Thomas: „Ich bin ein bekennender Streber“
Dass es Thomas mal nach ganz oben schaffen würde, kam nicht überraschend. So zeigte er bereits während seiner Schulzeit Ehrgeiz – er war 1980 einer von zehn Abiturienten in ganz Bayern mit einem 1er-Abitur. „Ich war damals ein bekennender Streber, und das bin ich bis heute“, sagt Thomas im Gespräch mit FINANCE schmunzelnd über sich selbst. Nach seinem Abitur fing er seine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Siemens an. Nach einer kurzen Zwischenstation in der Unternehmensberatung kehrte Thomas Mitte der neunziger Jahre zu seinem ersten Arbeitgeber zurück – und ist diesem seit mittlerweile knapp 30 Jahren treu.
Der 63-Jährige bekleidete viele Positionen bei den Münchenern: So war er von 1999 bis 2001 für die Leitung der Ressorts Accounting, Controlling und Treasury bei der südafrikanischen Tochter zuständig. 2001 kehrte Thomas nach Deutschland zurück und wurde Performance-Controller in der Healthcare-Sparte, bevor er zum CFO des Röntgenbereichs berufen wurde.
Anschließend wechselte Thomas im Jahr 2004 zum Mutterkonzern und wurde Leiter der zentralen Abteilung Reporting and Controlling bei Siemens. Vier Jahre später übernahm der Manager den CFO-Posten beim Industry-Sektor von Siemens. Im September 2013 stieg er dann schließlich zum Finanzvorstand auf. Seine Laufbahn beschreibt Thomas als eine zufällige Abfolge von beruflichen Veränderungen. „Die gesammelten Erfahrungen dabei waren für meinen Karriereweg jedoch prägend; Perspektivenpluralismus at its best!“
Mit der Berufung ist er seitdem nicht nur für immense Summen verantwortlich, sondern leitet auch eines der größten Finanzteams der Welt. Mit zahlreichen nationalen und internationalen Tochter- und Konzerngesellschaften und über 300.000 Beschäftigten hat Siemens eine der komplexesten Konzernstrukturen weltweit. So gibt es zum Beispiel rund 200 Sparten-CFOs. Allein zum Treasury-Team von Siemens gehören weltweit über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht ohne Grund zählt seine Finanzabteilung im Konzern als führend in Bezug auf Führung, Mentoring und Fortbildung. „Ich habe eines der besten Finanzteams der Welt um mich“, ist Thomas überzeugt.
Strategische Weiterentwicklung von Siemens
Bei der Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern ist ihm besonders wichtig, dass mögliche Probleme frühestmöglich an ihn adressiert werden. Deshalb achtet er bei den Sparten-CFOs darauf, dass sie sehr früh auf Risiken und Abweichungen in den Geschäftsprozessen achten, damit das Finanzteam rechtzeitig aktiv gegensteuern kann. „Mir ist wichtig, dass jeder im Team Verantwortung übernimmt, sich einbringen will und kann und wir gemeinsam anspruchsvolle Ziele erreichen“, sagt Thomas.
Um den Überblick über das Personal und die Aktivitäten zu behalten, muss der CFO organisiert sein. „Dabei braucht es einen gewissen Innovationsgeist, um technologische, nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben, sowie die Fähigkeit, Teams zu inspirieren und zu Höchstleistungen zu motivieren sowie dazu, Teil einer starken Führungskultur zu sein“, stellt Thomas fest. Als Führungskraft agiere Thomas hochakribisch und gewissenhaft, wie es aus Unternehmenskreisen heißt. Besonders produktiv und auf Hochtouren komme er vor allem nachts und wenn Themen komplex würden – und komplex ist sein Unternehmen allemal.
Thomas hat einen signifikanten Anteil an der strategischen Weiterentwicklung von Siemens. Im Geschäftsjahr 2023/24, das vom 1. Oktober 2023 bis zum 30. September 2024 lief, verbuchte Siemens einen Gewinn (Ebitda) von 13,58 Milliarden Euro. Der Free Cashflow erreichte einen Wert von 9,5 Milliarden Euro – und machte damit seit der Abspaltung von Siemens Energy sechs Geschäftsjahre in Folge über 10 Prozent des Umsatzes aus (2023/24: 75,9 Milliarden Euro). Zudem zählt Siemens mit einem Kreditrating von AA- (S&P) und Aa3 (Moody’s) zu den finanziell stabilsten Unternehmen in Deutschland.
CFO Thomas verfolgt Private-Equity-Ansatz
Zu Thomas’ Erfolgsrezepten gehören sein „Private-Equity“-Ansatz und sein Verhandlungsgeschick. So konnte der Unternehmenswert der sogenannten Portfolio Companies von 2019 bis 2024 von 1,5 Milliarden auf über 7,5 Milliarden Euro verfünffacht werden. Zuletzt begleitete er den Verkauf der Siemens-Antriebssparte Innomotics an den Finanzinvestor KPS für 3,5 Milliarden Euro sowie die Veräußerung des Flughafenlogistikgeschäfts Siemens Airport Logistics für 300 Millionen Euro an das niederländische Unternehmen Vanderlande.
Zusammen mit seinen Vorstandskollegen um CEO Roland Busch (am Anfang noch Joe Kaeser) hat Thomas es zudem in den vergangenen Jahren geschafft, dass sich der Aktienkurs seit seinem Amtsantritt mehr als verdoppelt hat und derzeit bei etwa 198 Euro notiert. Zum Vergleich: Anfang 2013 lag das Papier noch bei etwa 77 Euro pro Aktie. Damit gehören die Münchener 2024 zu den 100 wertvollsten Börsenkonzernen der Welt. In diesem Ranking finden sich neben Siemens nur noch SAP und die Deutsche Telekom als deutsche Vertreter, wie aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY hervorgeht.
Für seine Leistungen im Unternehmen wird Thomas von Siemens gut entlohnt. So verdiente er im Geschäftsjahr 2023/24, das am 30. September 2024 endete, rund 6,7 Millionen Euro. Allein sein Fixgehalt belief sich dabei auf 1,2 Millionen Euro. Hinzu kamen ein Kurzzeitbonus von 1,5 Millionen Euro sowie ein Langzeitbonus von knapp 4 Millionen Euro. Mit diesem Gehalt konnte der CFO einen Gehaltssprung verzeichnen, verdiente er doch im vorherigen Geschäftsjahr 2022/23 knapp 5,3 Millionen Euro.
Siemens-CFO als leidenschaftlicher Mentor
Sein Wissen und seine Erfahrungen in der Finanzabteilung behält er aber nicht nur für sich: Neben seiner Arbeit als CFO setzt sich der Manager für Nachwuchsförderung ein. So ist er unter anderem Mentor in drei Nachwuchsförderprogrammen im Finanzbereich des Dax-Konzerns – für interne jüngere Talente, für Kollegen, die einen hauseigenen EMBA-Studiengang zusätzlich zu ihren Aufgaben im Finanzbereich des Unternehmens absolvieren, und für Top-Kräfte, die extern rekrutiert werden, aber intern ein Excellence-Programm im Finanzbereich des Konzerns durchlaufen.
„Jede Stunde, die ich dieser Aufgabe widme, zahlt sich hundertfach aus“, sagt Thomas zu seiner Rolle als Mentor. Nachwuchsförderung sei der Schlüssel für eine nachhaltige und erfolgreiche Zukunft – sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft. „Junge Talente bringen neue Perspektiven, Innovationsgeist und die Fähigkeit mit, sich schnell an eine sich wandelnde Welt anzupassen.“ Und dabei lerne er selbst auch noch, was junge Menschen wirklich beschäftige, so der Finanzchef.
Einige seiner Mentees haben es nach ganz oben geschafft und besetzen Top-Funktionen in Deutschlands Unternehmen – unter anderem als CEOs oder CFOs im Dax. Dazu zählen unter anderem Eva Scherer, Finanzchefin des Dax-Konzerns Daimler Truck, Michael Sen, CEO bei Fresenius, und Jochen Schmitz, Finanzvorstand bei der Siemens-Beteiligung Siemens Healthineers.
Eva Scherer erinnert sich noch gern an die Zusammenarbeit: „Ralf Thomas ist ein Vorbild für mich. Er steht für Integrität, eine starke Finanzfunktion, höchste Qualität und Verlässlichkeit. Sein Fokus lag auch immer auf Fördern und Fordern – um so die Entwicklung der nächsten CFO-Generation voranzubringen.“ Davon habe sie persönlich sehr profitiert und tue das bis heute noch. „Ich blicke sehr positiv auf meine Zeit bei Siemens zurück, bin sehr dankbar für das Vertrauen, das in mich gesetzt wurde, so dass ich über 20 Jahre zum Erfolg des Unternehmens beitragen und mir ein breites Wissen und Erfahrungen aufbauen konnte.“
Siemens übernimmt Altair
Auch andere Institutionen profitieren außerhalb von Siemens von der Expertise des CFO. Thomas ist Vorsitzender der Börsensachverständigenkommission beim Bundesfinanzministerium, Schatzmeister und Mitglied des Verwaltungsrats der Max-Planck-Gesellschaft sowie Mitglied des Präsidiums und Vorstands des Deutschen Aktieninstituts.
Doch es gibt auch Herausforderungen, die das gute Gespür von Thomas auf die Probe stellen. So befindet sich der Konzern gerade wieder in einer Umbauphase. „Aktuell ist die Weiterentwicklung von Siemens als Technologieunternehmen die zentrale Aufgabe, die die gesamte Organisation fordert“, äußert sich Thomas. Auf dem Weg zum Top-Technologieunternehmen verkündete Siemens im Herbst 2024 den Kauf des Software-Spezialisten Altair. Für stolze 10 Milliarden Euro will Siemens das amerikanische Unternehmen übernehmen.
Zur Finanzierung plant Siemens unter anderem, Aktien von Siemens Energy zu verkaufen, an dem Siemens bis vor Kurzem noch 17 Prozent hielt. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte Thomas, dass er rund 6 Prozent der Beteiligung an dem Energietechnikunternehmen veräußern wolle. Dieser Anteil hätte gegenwärtig einen Wert von rund 2,5 Milliarden Euro. Nun hat Siemens weitere Aktien von Siemens Energy veräußert, wie das Unternehmen mitteilte. Siemens hält jetzt rund 14,96 Prozent an der ehemaligen Tochter.
Schwierige Abspaltung von Siemens Energy
Siemens hat seit der Abspaltung der Energie-Sparte im Jahr 2020 wiederholt angekündigt, sich von den restlichen Anteilen trennen zu wollen. Dies schloss Thomas in dem Interview erneut nicht aus, er sieht sich aber „nicht unter Zeitdruck“. Es wäre nicht klug, nun den gesamten Anteil in den Markt zu drücken, so der Finanzvorstand. Zudem gibt es bis zum Jahr 2027 eine steuerrechtliche Sperrfrist, die die vollständige Abspaltung davor wohl unattraktiv macht.
Den Anteilsverkauf hatten einige Aktionäre schon lange gefordert, denn Siemens Energy war lange das Sorgenkind im Siemens-Kosmos. Erst im vergangenen Geschäftsjahr 2023/24 erwirtschaftete der Konzern seit der Abspaltung erstmals einen Gewinn. Darüber hinaus verzeichnete Siemens Energy zuletzt einen Rekord bei den Aufträgen von 123 Milliarden Euro.
Zudem war der Energietechnikkonzern der Dax-Gewinner des vergangenen Jahres. Das Papier von Siemens Energy hat sich 2024 mehr als vervierfacht. Mit einem Plus von 318 Prozent war die Aktie der Star im Dax. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 hatte der Kurs noch ein Drittel eingebüßt, nachdem die Verluste und der Sanierungsbedarf der Windkrafteinheit Gamesa ein unerwartetes Ausmaß angenommen hatten. Der Tiefpunkt war am 26. Oktober 2023 mit 6,40 Euro erreicht worden. Aktuell notiert das Papier bei 50 Euro.
Doch für Siemens Energy wird vor allem die weitere Entwicklung von Gamesa entscheidend sein. Die Sanierung des Geschäfts mit Windturbinen an Land (Onshore) wird noch einige Zeit beanspruchen, denn die Wiederaufnahme des Vertriebs der Onshore-Turbinen gestaltet sich schwierig. Für DZ-Bank-Analyst Alexander Hauenstein werden die ungelösten Wind-Probleme von Marktteilnehmern ausgeblendet.
Siemens hält 75 Prozent an Siemens Healthineers
Neben Siemens Energy hatte Thomas für den Altair-Deal auch die Veräußerung von Anteilen an Siemens Healthineers in Aussicht gestellt. Die Rede ist von bis zu 5 Prozent. Siemens hatte 2018 seine Medizinsparte ausgegliedert und an die Börse gebracht. Seit dem Börsengang hält Siemens eine 75-prozentige Beteiligung an Healthineers, wo Finanzchef Thomas zudem als Aufsichtsrat fungiert.
Er sagte im Januar gegenüber dem „Handelsblatt“, dass es Synergien mit den übrigen Aktivitäten des Siemens-Konzerns gibt. „Aber sind sie groß genug, um 45 Milliarden Euro Kapitalallokation zu rechtfertigen? Natürlich nicht“, so der CFO.
Bis zu einer Entscheidung über die restliche Siemens-Healthineers-Beteiligung wird es aber noch etwas dauern. Die Überlegungen sollen bis zu einem Kapitalmarkttag Ende 2025 abgeschlossen sein. Strategisch sei das richtig, aber auch sehr teuer, urteilen viele Investoren. „Die Beteiligung an Siemens Healthineers sollte so schnell wie möglich reduziert – und am besten völlig aufgelöst werden“, sagt Vera Diehl von Union Investment.
Große Fußstapfen für künftige CFO?
Eine Herausforderung für die Finanzabteilung könnte der Weggang von CFO Thomas sein. Sein Vertrag läuft Ende 2026 aus. Damit wird Thomas’ Zeit nach 13 Jahren als CFO bei Siemens enden – mit dem Ablauf seiner Vertragslaufzeit wird der Manager sein Amt niederlegen. Danach wolle er sich unter anderem seinen Aufsichtsratsmandaten widmen, wie er selbst sagt.
Seine potentielle Nachfolgerin hat Thomas bereits in seine Nähe geholt: Veronika Bienert, seit Oktober 2024 Vorstandsmitglied und CEO von Siemens Financial Services, gilt als Favoritin für diese Position, wie es intern heißt. „Bei Siemens, und insbesondere im Bereich Finanzen, haben wir stets darauf geachtet, einen starken Pool möglicher Nachfolger für Schlüsselpositionen, einschließlich der CFO-Rolle, zu entwickeln“, sagt Thomas zu seiner Nachfolgeregelung. Die endgültige Entscheidung liege beim Aufsichtsrat.
Der 63-jährige Finanzchef Thomas wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Finanzabteilung mit einem Luxusproblem an seine Nachfolge übergeben. Denn sollte sich das Unternehmen endgültig von seinen Siemens-Energy-Anteilen trennen und seine Beteiligung an Siemens Healthineers reduzieren, wird es schwierig, das Geld aus den Verkäufen im Unternehmen zu halten.
Was sind die nächsten Schritte? Steht ein weiterer Deal bevor oder wird das Geld an die Investoren ausgeschüttet? Klar ist, dass Siemens noch lange nicht am Ende seines Transformationsprozesses angekommen ist. Der Druck der Investoren bleibt – auch mit einer oder einem künftig neuen CFO.