Das Können für eine Karriere im Finanzbereich bringen viele Frauen mit, sagt Arbeitssoziologin Heather Hofmeister. Doch Vorurteile spielten nach wie vor eine Rolle.

Jon Reis

06.08.18
CFO

„Der Finanzbereich ist eine Kultur für sich“

Die spezielle Kultur im Finanzbereich kann es Frauen schwermachen, sagt Soziologin Heather Hofmeister. Was sie sich von Unternehmen wünscht und warum Frauen oft nicht dem gängigen Bild einer Führungskraft entsprechen – Teil 1 unserer Serie „Frauen in Finance“.

Noch immer sind Frauen in CFO-Positionen in der Minderheit, doch die Zahlen steigen langsam an. Welche Rolle die Frauenquote für Aufsichtsräte dabei spielt, welche Hürden insbesondere im Finanzbereich vorhanden sind und wie man sie überwinden kann, das beleuchtet die FINANCE-Serie „Frauen in Finance“ in den kommenden Wochen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Heather Hofmeister, Professorin für Arbeitssoziologie an der Frankfurter Goethe-Universität, hält bereits die Unterteilung in vermeintlich „harte“ und „weiche“ Ressorts für vorurteilsbehaftet – und sorgt sich sogar um das Image deutscher Unternehmen bei Investoren aus dem Ausland, wenn ihre Führungsteams nur aus Männern bestehen, wie sie im FINANCE-Interview verrät.

Frau Hofmeister, die Aufsichtsräte in börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen sollen in Deutschland zu 30 Prozent mit Frauen besetzt sein. In Vorstandsetagen sind wir davon noch weit entfernt. Kann die Quote für Aufsichtsräte dazu beitragen, auch die Frauenquote in Vorständen zu steigern?
Vielleicht. Wenn Vorstände realisieren, dass Frauen im Aufsichtsrat sinnvolle und wertschaffende Beiträge leisten – was sie sehen werden –, führt dies vielleicht auch zu der Erkenntnis, dass dies auch bei einer Berufung in den Vorstand zu erwarten wäre. Männer sollten keine Beförderungen geschenkt bekommen und ihre Positionen nicht aus Sympathie behalten dürfen, obwohl dies öfter geschieht, als die meisten zugeben würden. Frauen wünschen sich fachlich und sachlich begründet, auf Basis ihres Könnens, Zugang zu den Leitungsaufgaben – für sich selbst und auch für Männer in Führungspositionen, mit denen sie zusammen arbeiten sollen.

Spielen Vorurteile nach wie vor eine Rolle bei der Besetzung von Führungspositionen?
Studien beweisen, dass Vorurteile eine große Rolle spielen. Wir alle haben eine Vorstellung davon, wie eine Führungskraft aussieht, wie sie spricht, wie groß sie ist. In Geschichtsbüchern, Filmen und Unternehmen sind dies bislang überwiegend Männer. Wir müssen lernen, wie wir Führungsqualitäten bei Frauen erkennen.

„Wir müssen lernen, wie wir Führungsqualitäten bei Frauen erkennen.“ 

Heather Hofmeister

Frauenanteil auf CFO-Position steigt nur langsam

Der Anteil von Frauen ist speziell auf CFO-Positionen noch sehr niedrig. Tendieren Unternehmen dazu, Frauen eher in vermeintlich „weicheren“ Ressorts wie Marketing oder Personal zu befördern als in „harten“ Ressorts wie Finanzen?
Allein schon die Vorstellung, dass manche Bereiche „weicher“ sind und andere „härter“, ist ein soziales Konstrukt und vermittelt unterschiedliche Wertschätzung für unterschiedliche Bereiche. Trotzdem beantworte ich Ihre Frage mit ja – Unternehmen neigen dazu, Frauen in vermeintlich weniger kritischen Bereichen zu besetzen. Viele Frauen kennen sich mit Finanzen hervorragend aus.

„Im Finanzbereich geht es nicht nur um die Fähigkeiten, denn die bringen viele Frauen mit.“

Heather Hofmeister

Im Finanzbereich geht es aber nicht nur um die Fähigkeiten, denn die bringen viele Frauen mit. Der Finanzbereich ist eine Kultur für sich, wie alle Bereiche, und es gibt viele mehr oder weniger subtile Arten, Frauen zu suggerieren, dass man bestimmte Spiele mitspielen muss, wenn man im Finanzbereich überleben möchte.

Gehen die Kollegen nach der Arbeit etwas trinken und erzählen dabei laut Witze? Sind Überstunden bis spät in den Abend normal? Basieren Beförderungen stark auf (männlich geprägten) Netzwerken? Räumen Frauen am Ende des Meetings völlig selbstverständlich die Kaffeetassen auf? Es gibt viele Arten, mit denen man eine Hierarchie und ein Ausschließen suggerieren kann. 

Frauen müssen Führungsstärke beweisen

Sollten Frauen sich denn an die männliche Verhaltensweise anpassen?
Ich denke, Frauen sollten sich selbst treu bleiben und nicht versuchen, sich wie Männer zu benehmen. Allerdings können bestimmte Gesten und Verhaltensweisen, etwa eine tiefere Stimme, durchaus Autorität vermitteln. Das kann man üben. Das Kernproblem ist nicht, dass es weniger qualifizierte Frauen als Männer gibt, sondern das Problem ist: Bei Männern wird häufig unterstellt, sie seien gute Führungskräfte, bis das Gegenteil bewiesen ist. Sie werden befördert, weil sie Potential haben. Bei Frauen dagegen wird unterstellt, sie seien keine guten Führungskräfte – bis sie Gelegenheit hatten, das Gegenteil zu beweisen. Wir sollten Frauen zugestehen, dass sie beruflich dieselben Risiken eingehen dürfen wie Männer.

Man hat manchmal den Eindruck, dass Frauen und Männer noch nicht wirklich geübt darin sind, sich im Berufsleben auf Augenhöhe zu begegnen.
Ich glaube, wenn Männer und Frauen auch im Haushalt und in der Beziehungsarbeit dieselben Anteile übernehmen, wird es auch einfacher, sich auf der Arbeit als gleichwertige Partner zu akzeptieren. Dazu müssten Männer genauso häufig wie die Frauen ihre Arbeitszeit für die Erziehung reduzieren, nach Hause fahren, wenn Kinder krank sind, Geburtstage und Weihnachtsgeschenke organisieren und genauso häufig die Anrufe von Ärzten und Lehrern entgegennehmen. Dann sprechen wir über Augenhöhe.

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Juli/August 2018

Die stille Revolution

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Können deutsche Unternehmen sich von Wettbewerbern im Ausland etwas abschauen, die einen höheren Anteil an Frauen in Vorstandsgremien haben?
Das werden sie müssen. Im Ausland fällt es negativ auf, wenn die Führungsteams in Deutschland im Jahr 2018 nach wie vor so strukturiert sind wie im Jahr 1818. Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung in München, auf der eine Diskussionsrunde mit sechs Führungskräften besetzt war – alle männlich. Unter ihnen war ein Australier, der mir hinterher sagte, dass ihm die rein männliche Besetzung unangenehm, sogar peinlich, gewesen sei. Er kannte aus Australien nur gemischte Panels und empfand eine Besetzung nur mit Männern als nicht zeitgemäß – und das war nur eine einstündige Podiumsdiskussion auf einer Konferenz. Einen solchen Eindruck bei ausländischen Investoren zu hinterlassen, das will sicherlich kein Unternehmen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie entwickelt sich der Anteil von Frauen auf der CFO-Position? Eine ausführliche Analyse der aktuellen Situation finden Sie in der Titelgeschichte des aktuellen FINANCE-Magazins, das Sie hier als e-Paper beziehen können.

Wie weibliche CFOs ihren beruflichen Aufstieg erlebt haben und welche Sichtweise eine Aufsichtsrätin und eine Personalberaterin auf das Thema haben, finden Sie in den kommenden Wochen in loser Folge in dieser Serie sowie ab September gebündelt auf unserer Themenseite „Frauen in Finance“.