Rechnungswesen? Ab in den Osten!

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Merck und E.on wollen Verwaltungsfunktionen nach Osteuropa verlagern.
Thinkstock_Getty Images

Einige der Dax-Konzerne haben in den vergangenen Wochen angekündigt, verschiedene Bereiche in Shared Service Center im Ausland bündeln oder die vorhandenen Einheiten weiter ausbauen zu wollen. Der Pharma- und Chemiekonzern Merck will beispielsweise ab 2013 Verwaltungsfunktionen nach Osteuropa verlagern. 200 Stellen der Merck Shared Services Europe (MSSE), wo vor allem die Buchhaltung und Finanzdienstleistungen gebündelt sind, sollen Unternehmensangaben zufolge vom Stammsitz Darmstadt nach Osteuropa wandern. Auch der Energiekonzern Eon will deshalb den Bereich Personal in Berlin und das Rechnungswesen in der rumänische Großstadt Cluj bündeln. „Dies führt nicht nur zu deutlichen Kostensenkungen, sondern vor allem auch zu einer Verbesserung und Standardisierung von Prozessen, einer optimierten Nutzung von Know-how und zu einheitlich hohen Qualitätsstandards für alle Konzerngesellschaften“, betont der Energiekonzern. Cluj zeichne sich durch gute Verkehrsanbindungen sowie geringe Betriebs- und Lebenshaltungskosten aus. Auch Henkel-Chef Kasper Rorsted sagte auf der diesjährigen Hauptversammlung, es bleibe erklärtes Ziel, Henkel noch flexibler, schneller und effizienter zu machen. Dazu gehört ihm zufolge auch die Einrichtung von Shared Service Center.

Zwei Entwicklungen

Insgesamt zeichnen sich zwei Trends ab: „Eine Reihe von Dax-Konzernen erweitern ihre vorhandenen Shared Service Center signifikant um die Bereiche Finance, HR und Einkauf, andere gehen über die klassischen Funktionen hinaus in neue Bereiche wie Auftragsbearbeitung, Supply Chain Management, Stammdatenmanagement oder Analytics. Beide Trends gehen mit einer weiteren Verlagerung von Einheiten ins europäische Ausland einher“, sagt Christian Campagna, Managing Director des Bereichs Finance and Enterprise Performance, Europe, Africa and Latin America bei Accenture. Laut eigenen Angaben berät er derzeit mehrere der Großkonzerne, die er nicht namentlich nennen wollte, bei diesem Schritt. Seiner Meinung nach können die Konzerne durch die Globalisierung ihrer Shared Service Center einen Einmaleffekt in Höhe von 25 bis 40 Prozent der Personalkosten realisieren. Hinzu kämen jährlich noch einmal 6 bis 10 Prozent durch Standardisierung und Automatisierung. „Über einen Zeitraum von fünf Jahren können die Konzerne ihre Lohnkosten um die Hälfte nachhaltig reduzieren, wenn sie die kompletten Backoffice-Strukturen und nicht nur den Finanzbereich einbeziehen“, sagt Campagna.

Allerdings ist mit der Verlagerung ins Ausland oft ein Stellenabbau im Heimatland verbunden. Bei E.on entfallen durch die Bündelung in den Bereichen Personal und Rechnungswesen konzernweit rund 1.200 Stellen. Hinzu kommt, dass die Unternehmen die Transformation der Prozesse in ein Shared Service Center auch erfolgreich abschließen müssen, um die erwarteten Kostensynergien realisieren zu können. Bei E.on sollen in den künftigen Business Service Centern insgesamt rund 1.100 eigene Mitarbeiter arbeiten – 500 in Berlin, 600 in Rumänien. Und diese Mitarbeiter müssen erst einmal gefunden und eingestellt werden.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.