Wirtschaftsprüfer von Deloitte stehen im Düsseldorfer Analytics-Lab - hier experimentiert das Haus mit dem Thema künstlicher Intelligenz.

Deloitte

08.07.15
CFO

So experimentieren Wirtschaftsprüfer mit künstlicher Intelligenz

Mehr Erkenntnisse in weniger Zeit mit weniger Personal: Künstliche Intelligenz in der Wirtschaftsprüfung ist ein verheißungsvolles Thema. Doch bisher kommt es kaum vom Fleck. Der Supercomputer Watson soll das jetzt ändern.

Bunte Stühle scharen sich auf dem Boden, überdimensionierte Tablets hängen von der Decke: Das Zukunftslabor von Deloitte hat mehr mit einem Kinderspielplatz bei Ikea als mit dem typischen Umfeld einer Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung gemeinsam. Im Düsseldorfer Deloitte-Stützpunkt experimentieren Björn Bringmann und sein Team vom so genannten „Analytics Institute“ damit, wie sie künstliche Intelligenz – auf Englisch Artificial Intelligence, kurz AI – für sich selbst und ihre Kunden einsetzen können. Ein Feld dabei ist die Bilanzprüfung.

Dass Wirtschaftsprüfer wie auch Großkonzerne viel Zeit und Geld sparen könnten, wenn sie die Zahlenarbeit mehr von Computern und weniger von Menschen erledigen ließen, liegt auf der Hand. Doch trotzdem ist künstliche Intelligenz im Auditing noch bestenfalls ein Zukunftsthema: Obwohl die Rechenkraft der Computer ständig steigt und es Daten im Überfluss gibt, wurden in den vergangenen Jahren weder von Deloitte noch von der Konkurrenz bahnbrechende Neuerungen auf den Weg gebracht.

Deloitte arbeitet mit IBM-Supercomputer Watson zusammen

Wenn es nach Deloitte geht, soll sich das jetzt ändern. Die Unternehmensberatung hat eine Kooperation mit IBM angestoßen. Im Zentrum steht der Supercomputer Watson, der bekannt wurde, als er vor viereinhalb Jahren in der Quizshow „Jeopardy“ die menschliche Konkurrenz als aussehen ließ.

Watson soll mehr leisten als ein herkömmlicher Computer: „Es ist keine Maschine zum Eintragen und Speichern von Daten, sondern ein System, das darüber nachdenkt, was eine Frage bedeutet und welche Daten die Antwort geben könnten“, sagt Björn Bringmann, Chief Data Scientist des Deloitte Analytics Institute. Die Idee: Ein Supercomputer wie Watson könnte Rohdaten aus der Buchhaltung von Unternehmen durchsehen, der menschliche Wirtschaftsprüfer setzt sich dann an den Computer und schaut sich die automatisiert erstellten Analysen an.

Je mehr Dokumente, desto mehr lohnt sich künstliche Intelligenz

Dies ist ein vages Beispiel dafür, wohin die Reise gehen kann. Künstliche Intelligenz ist dabei aber nur eine neue Bezeichnung für den alten Trend, nach und nach immer komplexere Aufgaben von Maschinen ausführen zu lassen. Das Feld der Wirtschaftsprüfung ist für diese Entwicklung prädestiniert: Wenn es etwa darum geht, Risiken abzuschätzen, ist der Grenznutzen zusätzlicher Daten hoch. Nur tun sich Menschen ab einem gewissen Datenumfang schwer, den Überblick zu behalten.

„Wenn es zehn Dokumente zu prüfen gibt, gewinnt der Mensch gegen die Maschine“, sagt Bringmann. „Wenn es Tausende von Dokumenten sind, leistet wahrscheinlich die Maschine die bessere Arbeit, weil sie die Arbeit alleine und ohne Pausen machen kann – und das in großer Detailtiefe.“

Künstliche Intelligenz ist noch ein Nischenthema

Unternehmen, die „größere Beträge“ in diese Art von Zukunftsforschung investieren, gebe es schon, sagt Alexander Börsch – auch aus dem Industriebereich. Börsch ist Research Director im CFO-Programm von Deloitte in Deutschland und kennt die Hürden, die es bei seiner Kundschaft für derartige neue Ideen zu überwinden gilt. „Finanzchefs geben nur dann Geld für das Thema aus, wenn es dabei hilft, Probleme zu lösen“, sagt er. „Aber wenn ich als CFO mein Risikomanagement, meine Prognosen und allgemein meine Informationsqualität mit Hilfe künstlicher Intelligenz verbessern kann, ist es langfristig budgetschonender, diesen Bereich aufzubauen.“

Doch noch ist es Fakt, dass die WP-Gesellschaften eher im kleinen Rahmen mit dem Thema künstliche Intelligenz experimentieren. Genaues zur Mitarbeiterzahl will Deloitte nicht verraten. Es scheint, als hätte die Berater- und Prüferbranche noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, bevor AI für sie zum echten Effizienzverbesserer wird, sowohl intern als auch bei ihren Kunden. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch, dass das Konzept im Erfolgsfall derartige Effizienzgewinne verspricht, dass die Einsparungen für beide Parteien erheblich sein dürften – für die Wirtschaftsprüfer selbst wie auch für ihre Kunden, die sich der Abschlussprüfung jedes Jahr aufs Neue stellen müssen.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de