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DRSC-Präsident Barckow: „Rechnungslegung hat an Bedeutung verloren“

Andreas Barckow ist der neue Präsident beim deutschen Bilanzgremium DRSC.
DRSC

Herr Barckow, Ihre Vorgängerin Liesel Knorr bescheinigte Ihnen das „notwendige Durchhaltevermögen“ für den Job als DRSC-Präsident. Seit März sind Sie nun im Amt. Ist der Job so, wie sie es erwartet haben?
Ich hatte ja schon eine gewisse Vorstellung von der inhaltlichen Arbeit. Zum einen war ich mehrere Jahre Mitglied im IFRS-Fachausschuss des DRSC sowie dem Vorgängergremium, dem Deutschen Standardisierungsrat. Zum anderen bin ich als ehemaliger Leiter des IFRS Centre of Excellence von Deloitte sowie durch die Mitgliedschaft in der Technical Experts Group bei der European Financial Reporting Advisory Group, die die Übernahme der IFRS-Standards in Europa begleitet, schon tief in die IFRS-Bilanzierung eingestiegen und habe mich mit Auslegungsfragen beschäftigt. Insofern gibt es viele fachliche Überschneidungen. Es gibt aber auch einige neue Herausforderungen.

Zum Beispiel?

Neu ist für mich jetzt der politische Teil meiner Arbeit. Früher habe ich mich vorrangig auf der fachlichen Ebene mit IFRS auseinandergesetzt: Ich habe die Standards ausgelegt, die Konsultationsdokumente bewertet und Empfehlungen ausgesprochen. Als Präsident des DRSC bin ich jetzt aber die deutsche Stimme in der Kommunikation mit dem internationalen Standardsetzer IASB und vertrete dort die Interessen der deutschen Wirtschaft. Diese Interessen sind oft sehr unterschiedlich. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist definitiv eine Herausforderung.

Wie läuft das ab, wenn das DRSC die deutschen Interessen beim IASB vertritt? Nehmen wir zum Beispiel den Standard zur Leasing-Bilanzierung, der Ende des Jahres veröffentlicht werden soll.
Die Leasing-Bilanzierung begleiten wir seit acht Jahren von Anfang an. Damals hatte sich zuerst der Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen an uns gewendet, dem das Thema sehr unter den Nägeln brannte. Uns war natürlich klar, dass es sich um eine interessengeleitete Meinung handelte – dennoch war es uns wichtig, die Argumente zu hören und zu schauen, ob wir uns mit bestimmten Positionen an das IASB wenden können. Das haben wir dann auch getan, in Form von Schreiben sowie Kommentierungen von Entwürfen.

Sie agieren also als Mittler zwischen dem IASB und den deutschen Interessen.
Genau. Wenn wir sehen, dass da etwas eklatant der etablierten Praxis in Deutschland zuwiderläuft und wir gute Argumente für unsere Sichtweise haben, schalten wir uns ein und legen unsere Position dar. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang aber, dass wir uns nicht als Lobbyisten verstehen, sondern unsere Position stets fachlich untermauern. Ansonsten würden wir uns auch angreifbar machen.

Und wenn der IASB Ihre Meinung ablehnt?
Dann müssen wir das grundsätzlich hinnehmen. Theoretisch könnten wir zwar noch den politischen Weg beschreiten und uns an die EU-Kommission in Brüssel wenden – das kam bislang aber nicht vor und wäre für uns auch allenfalls in einer extremen Ausnahmesituation denkbar.

Ihr Einfluss ist also letztlich begrenzt.
Als Präsident des DRSC wünsche ich mir natürlich immer mehr Gehör und Einfluss in London. Aber letztendlich bin ich froh, dass wir in Deutschland mit dem DRSC überhaupt einen privaten Standardsetzer haben, der sich einmischen kann. Das ist nicht selbstverständlich. Meistens finden wir Gehör, in einigen Fällen auch mal nicht – das müssen wir akzeptieren, schließlich ist der IASB ein internationaler Standardsetzer, der letztlich 200 Rechtskreise unter einen Hut bekommen muss.

Andreas Barckow: Das DRSC bekannter machen

Sie sehen sich als deutsche Stimme im Ausland. Vor ein paar Jahren stand das DRSC aber fast vor dem Aus, weil die Mitgliederbasis bröckelte und damit die Finanzierung fehlte.
Ja, das ist ein Problem: Wir wollen die deutsche Wirtschaft vertreten, doch wir sind vielen Unternehmen völlig unbekannt. Dieser Punkt steht daher auch ganz weit oben auf meiner Agenda. Seit der Gründung hat das DRSC vorrangig in die fachliche Expertise investiert, hier sind wir sehr gut aufgestellt. Meine Aufgabe sehe ich nun darin, das DRSC bekannter zu machen und seinen Wert herauszustellen.

Woran liegt es, dass nur wenige Unternehmen das Bilanzgremium kennen?
Ich habe den Eindruck, dass die Rechnungslegung insgesamt in den Unternehmen an Bedeutung verloren hat. Das lässt sich bereits daran ablesen, dass CFO-Posten heute zunehmend mit Controllern oder M&A-lern besetzt werden – früher waren es die Rechnungsleger. Bilanzierung wird oft  unter Kostengesichtspunkten wahrgenommen. Neue Standards verursachen Zusatzkosten, führen aus Sicht vieler Unternehmen aber nicht zu wahrgenommenem Zusatznutzen. Es gibt in vielen Unternehmen daher kein ausgeprägtes Interesse mehr daran, sich über die Standards fachlich auszutauschen oder sich im Vorfeld für die eigenen Interessen zu engagieren.

Wie wollen Sie dieses Problem lösen?
Wir wollen unsere Arbeit öffentlichkeitswirksamer als bisher gestalten, gleichzeitig aber auch einen Mehrwert für unsere Mitglieder schaffen. Zum Beispiel wollen wir für Mitglieder, die uns finanziell unterstützen, bestimmte Dienstleistungen exklusiv anbieten. Wir haben an ein Forum gedacht, wo sich Unternehmen treffen und über Probleme in der Bilanzierung austauschen können – und zwar hinter verschlossenen Türen. In einer Befragung unserer jetzigen Mitglieder haben wir bereits ein überwältigend positives Feedback bekommen.

Warum wurde dieses Thema nicht früher adressiert?
Meine Vorgängerin Liesel Knorr musste zeitweise alle Themen allein bedienen, weil es lange Zeit weder einen Generalsekretär noch einen Vizepräsidenten gab. Sie hat den Fokus dann auf die fachliche Expertise gelegt – zu Recht, wie ich finde. Ich habe das Glück, dass wir im Präsidium zu zweit die Aufgaben angehen können. Das möchte ich jetzt nutzen und mich daher stärker um die Pflege und Verbreiterung unserer Mitgliederbasis kümmern.

julia.becker[at]finance-magazin.de

Info

Das deutsche Bilanzgremium DRSC (Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee) wurde 1998 gegründet, als die Bilanzierung nach IFRS bei deutschen Konzernen immer wichtiger wurde. Das DRSC soll die deutsche Stimme beim internationalen Standardsetzer IASB einbringen, der die internationalen Bilanzierungsstandards IFRS verabschiedet. Dem IASB wird häufig vorgeworfen, dass die Standards – im Gegensatz zu HGB – zu angelsächsisch geprägt seien.

Das DRSC soll die deutsche Sicht einbringen, Entwürfe kommentieren und sich an Diskussionen beteiligen. Dafür gibt es den IFRS-Fachausschuss. Im HGB-Fachausschuss werden hingegen die Deutschen Rechnungslegungsstandards (DRS) erarbeitet, die Richtlinien bei der Bilanzierung nach HGB darstellen. 2010 rutschte das DRSC in eine Krise, weil die Finanzierung nicht mehr gewährleistet war. 2012 wurde das Gremium neu organisiert.

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