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Mit Wetterdaten die Prognose im Controlling verbessern

Bei Sportkleidung zeigt sich der Wettereffekt deutlich. Foto: adobe.stock.com-belart84
Bei Sportkleidung zeigt sich der Wettereffekt deutlich. Foto: belart84 - adobe.stock.com

„Wind, Regen, der UV-Index, die Temperatur und der Sonnenschein beeinflussen die Entscheidungen der Menschen. Bei Temperaturen von mehr als 20 Grad Celsius und Sonnenschein ist Reifenwechsel im Oktober kein Thema, dafür verkaufen sich Gartenprodukte gut“, sagt Stefan Bornemann. Er ist COO von Meteonomiqs, einem internen Startup und Geschäftsbereich von wetter.com und damit eine Tochter von ProSiebenSat1.

Das Geschäftskonzept des drei Jahre jungen Unternehmens: Bornemann und seine 5 Mitarbeiter helfen anderen Konzernen dabei, Wetterdaten wirtschaftlich zu nutzen und zu erkennen, wie Wetter beispielsweise die Vertriebsergebnisse beeinflusst. Auch Controller können sich die Zahlen zunutze machen.

1. Wie können Controller Wetterdaten nutzen?

„Wetter vernebelt die Zahlen“, sagt Bornemann. „Wettereffekte überlagern Kennzahlen und diese Effekte gilt es rauszurechnen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.“ Controller können Wetterdaten sowohl für rückwirkende Analysen und Berechnungen verwenden, als auch Szenarien dafür berechnen, wie sich das Absatzvolumen durch wärmere oder kühlere Temperatur verändern oder wie Regen und Sonnenschein das Geschäftsergebnis beeinflussen könnten.

In Hamburg etwa steigt der Eiskonsum bereits bei 20 Grad an, in München dagegen erst ab 25 Grad. Controller können die Wetterdaten nicht nur rückblickend auswerten, sondern mit ihnen auch kurz-bis mittelfristig planen.

„Die Wetterprognosen für die nächsten 7 bis 10 Tage sind recht verlässlich“, sagt Bornemann. Eine Wettervorhersage kann so beim Aussteuern von Dispositionssystemen helfen. Für die langfristige Planung empfiehlt Bornemann, basierend auf den vorhandenen Daten verschiedene Wetter-Szenarien zu entwickeln. So können Controller den Wettereffekt auch in ihre Quartals- und Jahresplanungen einfließen lassen.

2. Wie funktioniert das technisch?

„Typischerweise starten wir mit dem Kunden ein Analyseprojekt, wo wir den Wettereffekt genau analysieren und statistisch quantifizieren“, erklärt Bornemann. Wie es weitergeht, hänge vom Einzelfall ab. Manche wollen Wetterkorrekturfaktoren, andere suchen Trigger, und wieder andere Unternehmen wollen regelmäßige Daten und Reportings.

Controller können ihre Daten analysieren lassen und einen Korrekturfaktor erhalten, der einer Wechselkurskorrektur ähnelt. Damit können Reportings systematisch um den Wettereffekt bereinigt werden. Ebenso lässt sich anhand der vorhandenen Daten ein Forecast erstellen, wie die Disposition von Ware und Personal aussehen soll. Die technische Anlieferung funktioniert über standardisierte Schnittstellen, egal ob API-Anbindung oder über die Cloud-Dateninfrastruktur von AWS oder Snowflake. Hier können beispielsweise auch Konsumdaten der GfK-Marktforschung einfließen.

3. In welchen Branchen lassen sich Wetterdaten einsetzen?

Das Wetter beeinflusst viele Branchen, vom Handel über Tourismus und Verkehr bis hin zur Logistik. Die Kombination von Daten der GfK-Marktforschung mit Wetterdaten zeige, dass sich das Wetter nicht nur auf den Konsum von Eis und Getränken auswirkt, sondern auch auf Tiefkühl-, Milch- und Frischeprodukte. Auch die Pharmabranche spüre den Einfluss von Wettereffekten, etwa bei Sonnenschutzmitteln oder Erkältungsprodukten. Der Verkauf von Sportartikeln und -kleidung ist laut Bornemann ebenfalls stark wettergetrieben.

Einzelhändler könnten anhand der Wetterprognose die Besucherfrequenz vorhersagen und die Warendisposition entsprechend vorbereiten. „Bei Regen ist die Innenstadt leer, das große Einkaufszentrum hingegen voll“, fasst der Meteonomiqs-Chef zusammen. „Das wirkt sich auf den Umsatz aus.“

Internethändler können die auf ihrer Website ausgespielten und personalisierten Website-Elemente durch Wetterdaten steuern lassen. Ähnliches gilt für Medienunternehmen. Ebenso lassen sich Wetterdaten für das Kampagnen-Controlling sowie für das Targeting – also die Aussteuerung nach Region, Kanal und Budget – verwenden.

Die Datenanalysen der ersten Geschäftsjahre von Meteonomiqs haben allerdings auch gezeigt, dass das Wetter auf bestimmte Produkte keinen Einfluss hat. Dazu gehören etwa Babynahrung, Putzmittel oder Toilettenartikel.

4. Welchen Unterschied macht der Wetterfaktor?

Wettereffekte ­– und damit auch die daraus folgende Wertschöpfung – können je nach Branche und Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auftreten: bei Lieferketten, in der Produktion oder kundenseitig beim Verkauf.

„Wir beobachten regelmäßig Wettereffekte von 20 bis 50 Prozent, gerade auf Tages- und Wochenebene“, sagt Bornemann. Er berichtet von einem großen Getränkehersteller, der europaweit agiert und einen Umsatz von mehreren Milliarden Euro generiert. Wegen der Hitze in Deutschland haben sich Getränke in der Bundesrepublik zeitweise deutlich besser verkauft als in anderen Jahren und Regionen. „Je größer der Zeitraum, desto mehr können Wetterwechsel den Effekt ausbügeln“, betont Bornemann. Aber extremes Wetter wie ein Hitze- oder Regensommer schlage am Jahresende trotzdem auf die Bilanz durch. In der Wetterattributionsberechnung liegt bei dem im Beispiel genannten Getränkehersteller der Wettereffekt im Jahr bei rund 2 Prozent, zu Spitzenzeiten war er tageweise um mehr als das Zehnfache höher. „Es lohnt sich diesen Wert zu ermitteln: Denn am Jahresende im Geschäftsbericht lassen sich diese 2 Prozent als mittlerer Millionenbetrag aufs Wetter beziehen.“

Erika von Bassewitz ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Philosophie und Französisch an der Humboldt-Universität in Berlin sowie an der Université de Genève studiert und mit einem Magister Artium abgeschlossen. Vor FINANCE war sie mehr als acht Jahre Redakteurin in der Multimediaredaktion des Medienhauses der EKHN. Davor war sie unter anderem Redakteurin beim HR-Magazin von monster, freie Autorin bei Deutsche Welle TV und freie Mitarbeiterin bei der Westdeutschen Zeitung.