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ESG-Reporting wird CFO-Aufgabe

Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema - dasselbe gilt für das ESG-Reporting. Foto: Miha-Creative-stock.adobe.com
Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema - dasselbe gilt für das ESG-Reporting. Foto: Miha-Creative-stock.adobe.com

Die EU-Taxonomie kommt, ebenso die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der Europäischen Union. Das neue Regelwerk verpflichtet deutlich mehr Unternehmen zur ESG-Berichterstattung als bisher. Nach aktuellem Stand soll die CSRD stufenweise für immer mehr Unternehmen ab dem 1. Januar 2024 gelten.

Vorerst betrifft sie große Betriebe mit mehr als 250 Mitarbeitenden, einem Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro oder einer Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen Euro sowie kapitalmarktorientierte Unternehmen. Wer zwei dieser Kriterien erfüllt, muss ein Reporting erstellen. Deutschlandweit betrifft dies rund 15.000 Unternehmen.

Kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können nur kurz aufatmen: Ab 2026 gilt die Berichtspflicht auch für Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeitenden, mindestens 700.000 Euro Umsatz oder einer Bilanzsumme von mehr als 350.000 Euro.

ESG-Reporting sollte Prüfungsstandards erfüllen

„Wer 2025 berichten muss, sollte jetzt mit den Vorbereitungen anfangen“, sagt Nicolette Behncke, Partnerin für Sustainability Services bei PwC Deutschland. „Es hängt immer auch vom Umfang der Ressourcen ab, die dafür eingesetzt werden können, aber zwei bis drei Jahre braucht man schon, je nach Ausgangslage. Selbst in großen Häusern ist nicht jedem der Umfang der Anforderungen bewusst.“

„Ich kann mir keinen anderen Bereich vorstellen, der das so professionell umsetzen kann wie die Finanzabteilung“

NICOLETTE BEHNCKE, PwC-PARTNERIN

Denn – anders als bisher – muss der Nachhaltigkeitsbericht prüffähig sein. Die EU-Kommission schlägt derzeit eine Pflicht zur Prüfung nichtfinanzieller Informationen mit begrenzter Prüfungssicherheit vor, will diese aber später zu einer Prüfungspflicht mit hinreichender Prüfungssicherheit ausweiten. Heißt: Mit der CSRD rückt die Nachhaltigkeitsberichterstattung folglich auf Augenhöhe mit der Finanzberichterstattung.

Die Strukturen und Zuständigkeiten dafür müssen Unternehmen aber meist erst noch entwickeln. Behncke sieht die Fäden für das komplexe ESG-Reporting klar beim CFO, weil dieser auch das Reporting verantwortet. „Es wäre logisch, weil er das ebenso systematisch verankern muss wie die Finanzberichterstattung. Ich kann mir keinen anderen Bereich vorstellen, der das so professionell umsetzen kann wie die Finanzabteilung.“

Dies liegt vor allem daran, dass die Finanzfunktion die größte und fundierteste Erfahrung im Sammeln und systematischen Verarbeiten von Daten besitzt. „Genau die Dinge, die ich in der Finanzberichterstattung habe, muss ich von der Logik auf die nichtfinanziellen Kennzahlen übertragen“, betont Behncke. Die Finanzabteilung verfügt über die umfassendste Erfahrung auf diesem Aufgabengebiet.

„Taxonomie-Kennzahlen haben große Schnittstellen mit dem Accounting“, stellt die PwC-Beraterin fest. Die anderen Fachbereiche aber sollten dem Reporting-Beauftragten zur Seite stehen und beispielsweise bei der Erhebung des CO2-Footprint unterstützen.

Status quo erfassen

Für den Anfang empfiehlt Behncke den Unternehmen, sich ein Bild von dem zu verschaffen, was zu tun ist. „Erstmal sollte der CFO oder seine Finanzfunktion sondieren, was er hat, was er liefern muss und was er wann liefern kann.“

Eine der Herausforderungen der nachhaltigen Berichterstattung liegt darin, dass eine Vielzahl von Mitarbeitenden womöglich an ebenso vielen Orten und in unterschiedlichsten Fachbereichen Daten erheben muss, die der Report-Verfasser zusammenführt.

Etliche Unternehmen sammeln ESG-Daten in Excel

Hierfür gibt es durchaus Software-Lösungen, in denen die Fachbereiche selbständig die Daten als nachhaltig markieren („flaggen“) können. Aber eine PwC-Studie zur EU-Taxonomie zeigt, dass im Jahr 2022 fast drei von vier Unternehmen Excel nutzen, um Nachhaltigkeitsdaten zu erfassen.

Entsprechend schwierig sieht Behncke das Thema: „CSRD ist zu umfassend, wir reden von hunderten von Datenpunkten. Es sind sehr unterschiedliche Kennzahlen mit sehr unterschiedlichen Prozessen, von der Arbeitssicherheit über Kundenzufriedenheit bis zum CO2-Footprint entlang der gesamten Lieferkette.“

Silos aufbrechen, iterativ und top-down arbeiten

Vielmehr sei eine iterative Vorgehensweise laut Behncke der richtige Weg, wobei  das Expertenwissen der einzelnen Fachbereiche unbedingt einzubinden ist. Aber: „Nachhaltigkeit muss in der Geschäftsleitung verankert sein. Es braucht einen, der den Überblick hat, der die Verantwortung trägt und der Entscheidungen trifft, aber nicht alleine.“

Sie betont, wie wichtig die Rückkopplung zu den Fachbereichen bleibe, und der Kontakt mit mehreren zuständigen Köpfen in verschiedenen Fachbereichen. Man müsse die „Silos aufbrechen, verschiedene Bereiche müssen zusammenarbeiten. Nachhaltigkeit bringt alles zusammen: Lieferkette, Einkauf, HR, Vertrieb, Marketing, es müssen alle mit an Bord sein“.

Auf individuelle Anforderungen achten

Ein Patentrezept, das für alle gleichermaßen gilt, hat die Wirtschaftsprüferin mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung in der Beratung nicht. Es komme auf das Unternehmen an.

„Die Frage lautet: Welche Nachhaltigkeitsthemen sind für mein Geschäftsmodell wesentlich?“, so die Beraterin. Bei vielen großen Unternehmen spielten alle Themen eine wichtige Rolle. „Es gibt aber immer Schwerpunkte, auch innerhalb dieser großen Themen. Zum Beispiel beim Klimaschutz hängt es davon ab, wo die meisten CO2-Emissionen verursacht werden, sei es in der Lieferkette, in der Produktion oder in der Nutzungsphase der Produkte.“

„Es ist eine Reise, die jetzt die nächsten zehn Jahre oder mehr dauern wird“

NICOLETTE BEHNCKE, PwC-PARTNERIN

Wichtig: Der eigene Scope

Hier kommt es auch auf die unterschiedlichen „Scopes“ an. Denn die Scopes teilen Treibhausgasemissionen in drei Geltungsbereiche. Unter Scope 1 fallen direkte Emissionen aus eigenen Quellen wie etwa aus einer Fabrik, Scope 2 bezieht sich auf Emissionen aus Energie, die ein Konzern nutzt, und Scope 3 gilt für indirekte Emissionen aus Aktivitäten, die nicht unmittelbar zum Unternehmen gehören. Dazu zählen etwa Geschäftsreisen.

In der emissionsstarken Zementindustrie ist laut Behncke etwa der CO2-Ausstoß in der Produktion (Scope-1 und Scope-2-Emissionen) ein großes Thema. Autokonzerne hingegen produzieren selbst weniger CO2, der Schwerpunkt der Emissionen liegt dort in der Nutzungsphase der Automobile (Scope 3). Diese lassen sich durch E-Mobilität verringern.

Wer noch keine Roadmap habe, solle diese erstellen und festlegen, welche Inhalte zu welchen Teilen wann und von wem zu bearbeiten sind. Wichtig seien klare Verantwortlichkeiten und verbindliche Terminpläne.

„Die EU wird stetig weitere Anforderungen aufstellen“

„Dieser Prozess ist anfangs wie ein Projekt aufgesetzt, das später in den Fachbereichen und in der Organisation fest verankert ist“, so die Expertin für nachhaltige Berichterstattung. Denn das ESG-Reporting sei eine Daueraufgabe. „Die EU wird stetig weitere Anforderungen aufstellen. Es ist eine Reise, die jetzt mindestens die nächsten zehn Jahre andauern wird.“

Erika von Bassewitz ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Philosophie und Französisch an der Humboldt-Universität in Berlin sowie an der Université de Genève studiert und mit einem Magister Artium abgeschlossen. Vor FINANCE war sie mehr als acht Jahre Redakteurin in der Multimediaredaktion des Medienhauses der EKHN. Davor war sie unter anderem Redakteurin beim HR-Magazin von monster, freie Autorin bei Deutsche Welle TV und freie Mitarbeiterin bei der Westdeutschen Zeitung.