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09.08.18
Finanzabteilung

Stimmrechtsberaterin Zschorn: „Druck der Investoren wirkt“

Die großen Stimmrechtsberater gelten als mächtig – zu mächtig, finden manche. Unbequem können sie für Konzerne in jedem Fall werden. Doch Research-Chefin Anke Zschorn von Ivox Glass Lewis betont: Die Bedeutung kommt nicht aus dem Nichts.

Seit über zehn Jahren arbeitet Anke Zschorn als Analystin bei dem deutschen Stimmrechtsberater Ivox. 2015 wurde Ivox von Glass Lewis übernommen, einem der größten Stimmrechtsberater der Welt. Als Leiterin des Research-Bereichs sind im vergangenen Jahr Unterlagen zu mehr als 400 Unternehmen zur Analyse über ihren Schreibtisch gegangen. Im Gespräch mit FINANCE berichtet sie über die häufigsten Fehler der Unternehmen und falsche Vorstellungen von ihrer Arbeit.

Frau Zschorn, die großen Stimmrechtsberater gelten als mächtig. Ob ihr Einfluss zu groß ist, wird gerade dann diskutiert, wenn sie sich gegen die erste Liga der Dax-Aufsichtsräte stellen. Wie sehen Sie selbst ihre Rolle und das Kräfteverhältnis?

In dieser Diskussion wird vieles durcheinandergeworfen. Natürlich haben wir eine Bedeutung auf dem Markt, aber diese kommt ja nicht aus dem Nichts. Wir spiegeln ja nur das, was die Investoren von uns erwarten. Diese stimmen dann jedoch unter Wahrnehmung ihrer treuhänderischen Pflichten eigenständig ab.

„Wir spiegeln nur das, was die Investoren von uns erwarten.“ 

Wir analysieren die Fakten anhand von Richtlinien, insofern ist Einfluss nicht der richtige Begriff. Zudem haben wir keine eigenen Richtlinien. Unsere Entscheidungsgrundlage sind die Analyse-Leitlinien für Hauptversammlungen des Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), und die sind öffentlich.

Bei Ihrem Mutterkonzern Glass Lewis ist das anders.

Das ist richtig, hier unterscheiden wir uns von unserer Mutter: Glass Lewis selbst hat eigene Richtlinien. Aber auch die sind nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern wurden durch bestehende Kodizes und in Gesprächen mit Investoren entwickelt. In Einzelfällen kann es aber sein, dass wir bei Ivox zu einer anderen Empfehlung kommen als Glass Lewis. In mancher Hinsicht sind die Richtlinien des BVI noch etwas strenger, würde ich sagen.

Investoren machen Ivox Glass Lewis eigene Vorgaben

Neben den Richtlinien des BVI arbeiten Sie auch mit den Vorgaben, die die Investoren selbst aufstellen. Wie genau funktioniert das?

Ivox Glass Lewis erstellt vor einer HV-Abstimmung für jedes Unternehmen einen Basisbericht, der auf den BVI-Richtlinien basiert. Wenn Investoren zudem eigene Vorgaben gemacht haben, dann erhalten sie einen weiteren Bericht, der auf ihre individuellen Leitlinien abgestimmt ist.

Rund 40 Prozent unserer Kunden haben inzwischen eigene Vorgaben, das hat deutlich zugenommen, Tendenz steigend. Bei Glass Lewis sind es sogar inzwischen 60 Prozent. Es kann also durchaus vorkommen, dass unsere Kunden unterschiedliche Empfehlungen bekommen.

In welchen Bereichen gehen denn die Anforderungen der Investoren besonders auseinander?

Aktienrückkäufe kann man aus Unternehmenssicht nie allen Recht machen, auch bei Kapitalerhöhungen ist das schwierig. Hier haben Investoren oft sehr unterschiedliche Ansichten. In einer Sache sind sich die Investoren allerdings meist einig: Sie fordern in Sachen Vergütung sehr viel mehr Transparenz als noch vor einigen Jahren.

Die Vergütung ist ja bei vielen Hauptversammlungen einer der heikelsten Punkte. Wo liegen am häufigsten die Probleme?

Obwohl es zu diesem Thema immer noch oft größere Diskussionen gibt, hat eine deutliche Verbesserung stattgefunden. Viele Unternehmen bemühen sich jetzt viel stärker um eine bessere Nachvollziehbarkeit und Transparenz ihrer Vergütungssysteme. Der Druck der Investoren wirkt, da wurde bereits einiges erreicht. Es kommt aber immer noch vor, dass Unternehmen nicht regelmäßig über ihre Vergütungssysteme abstimmen lassen, was wir dann kritisieren müssen. Ermessensspielräume sind immer noch ein kritisches Thema. Diese werden oft noch nicht nachvollziehbar genug erklärt. Weiterer Kritikpunkt vieler Richtlinien sind grundsätzlich Sonderboni.

„Weiterer Kritikpunkt vieler Richtlinien sind grundsätzlich Sonderboni.“

Häufige Kritik von Stimmrechtsberater Ivox Glass Lewis

Gibt es weitere Bereiche, in denen viele Unternehmen Fehler machen und sich dadurch eine negative Abstimmungsempfehlung von Ihnen einhandeln?

Es sind meistens Formfehler, die dazu führen, dass wir Kritik üben müssen. So werden zum Beispiel häufig Lebensläufe des Managements und Aufsichtsrats nicht in der richtigen Weise öffentlich gemacht. Oder es wird nicht offengelegt, wie oft ein Aufsichtsratsmitglied an den Sitzungen teilgenommen hat. Dann müssen wir darauf hinweisen, dass das nicht der Best Practice entspricht. Aber insgesamt kann man schon sehen, dass die Unternehmen auch diese Themen mittlerweile ernster nehmen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de