violetkaipa/iStock/Thinkstock/Getty Images

26.11.15
Finanzabteilung

Vor dem Wort „Aktienemission“ laufen Investoren weg

Ein Start-up hat 100.000 IR-Statements mit der Kursentwicklung abgeglichen – und einen starken Zusammenhang zwischen Wortwahl und Aktienwert festgestellt.

Einzelne Worte können den Börsenkurs eines Unternehmens in die Höhe treiben – oder Milliarden vernichten. Diese Erfahrung machen CFOs und Investor-Relations-Manager regelmäßig. Doch vielen von ihnen wählen die Formulierungen in ihren Mitteilungen nicht aufgrund einer soliden Datenbasis aus, sondern allein nach Bauchgefühl.

Das könnte ein Fehler sein, glaubt man dem Schlüsselergebnis eines aktuellen Projekts des Freiburger Software-Start-ups Tonalitytech. Die Ausgründung aus dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der dortigen Universität greift auf eine Datenbank von 100.000 IR-Mitteilungen zurück, um den Effekt auf den Aktienkurs zu messen.

Share Issue: Der Bösewicht unter den Investor-Relations-Begriffen

Ein Wort, das CFOs auf keinen Fall benutzen sollten, ist Share Issue, zu deutsch Aktienemission. „Dieser Begriff hat einen dezidiert negativen Effekt darauf, wie die IR-Mitteilung von Investoren aufgenommen wird“, sagt Stefan Feuerriegel, Geschäftsführer von Tonalitytech und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Indes: Der Hauptgrund dafür, dass Investoren so allergisch auf den Begriff reagieren, dürfte sein, dass sie dahinter eine Verwässerung des Eigenkapitals vermuten. Und dass bei anstehenden Aktienverwässerungen in der Regel die Kurse fallen, ist in erster Linie der Finanzmathematik geschuldet. Selbst ein gutes Investor-Relations-Team kommt an dieser Grundregel nicht vorbei.

Wortwahl der Investor-Relations-Manager macht 2,7 Prozent aus

Tonalitytech hat sich allerdings nicht zum Ziel gesetzt, das Verhalten der Anleger zu erklären – sondern, es im Sinne der Kommunikatoren zu messen. Feuerriegel und sein Team lassen einen Algorithmus die Beziehung zwischen den IR-Mitteilungen und der Entwicklung des Aktienkurses ergründen. Heraus kommt eine Datenbank, die jedem relevanten Investor-Relations-Begriff eine Punktzahl von -1 (sehr negative Tonalität) bis +1 (sehr positive Tonalität) gibt.

Das Viertel der 741 untersuchten Unternehmen, das in seinen IR-Mitteilungen am stärksten positiv besetzte Begriffe verwendet, entwickelt sich laut der Daten von Tonalitytech an der Börse um 2,7 Prozent besser als das Viertel, das die IR-Mitteilungen mit der größten Ballung schlechter Nachrichten herausgibt. Dabei gehen Feuerriegel und seine Mitstreiter nicht nach der reinen Kursentwicklung, sondern nach der so genannten abnormalen Rendite – der Entwicklung der Aktie abzüglich der Entwicklung des gesamten Marktes.

Tonalitytech plant, eine Unternehmenssoftware auf den Markt zu bringen. Das Add-on für Microsoft Word soll IR-Verantwortlichen bei der richtigen Wortwahl helfen. Schwer dürfte es allerdings werden, wenn ein Konzern seinen Aktionären nur schlechte Nachrichten zu berichten hat, so  wie etwa eine Verwässerung des Eigenkapitals. Dann nämlich hilft selbst die beste Wortwahl meistens wenig.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de