Krempelt Künstliche Intelligenz (KI) die traditionelle Wirtschaftsprüfung komplett um? Oder bleibt die Technologie noch ein Zukunftsversprechen? Die aktuelle PwC-Studie „Künstliche Intelligenz im Corporate Accounting und Audit“, die FINANCE exklusiv vorliegt, wirft ein Licht auf die Kluft zwischen den Erwartungen an KI und ihrer tatsächlichen Verankerung im Prüfungsalltag.
KI prägt die Abschlussprüfung kaum
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Drei Viertel der Unternehmen erkennen inzwischen die Relevanz von KI im Kontext der Abschlussprüfung an – ein deutlicher Sprung um 13 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. An die Zukunft haben sie hohe Erwartungen: Mehr als drei Viertel der Befragten glauben, dass KI die Wirtschaftsprüfung in den kommenden Jahren „massiv“ verändern wird.
Doch wenn es darum geht, wie präsent KI derzeit tatsächlich im Prüfprozess ist, schrumpft die Relevanz drastisch. Nur 12 Prozent der befragten Unternehmensvertreter geben an, dass KI die Abschlussprüfung heute bereits prägt – und das, wohlgemerkt, nur in mittlerem Maße. 88 Prozent sagten, dass KI gar nicht oder nur in geringem Maße prägend sei.
Info
PwC befragte für die Studie 100 Führungskräfte aus dem Finanz- und Rechnungswesen deutscher Unternehmen, vornehmlich aus den Branchen Gewerbe, Handel und Dienstleistungen. Etwa ein Drittel dieser Unternehmen ist börsennotiert, zwei Drittel nicht. Ziel war es, ein realistisches Bild vom Einsatz und den Perspektiven der KI in der Abschlussprüfung zu zeichnen.
Das überrascht vor allem angesichts dessen, dass alle großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften berichten, dass sie regelmäßig KI in der Abschlussprüfung einsetzen – und für diese Technologien auch viel Geld ausgeben.
KI: Standardlösungen vs. individuelle Anforderungen
Ein Blick auf die Entwicklungspläne zeigt, dass 30 Prozent der Unternehmen, die KI künftig nutzen wollen, auf eine am Markt erhältliche KI zurückgreifen. Eigenentwicklungen spielen hingegen eine marginale Rolle – nur vier Prozent planen, eigene KI-Systeme zu entwickeln. Dietmar Prümm, Mitglied der Geschäftsführung und Leiter Assurance bei PwC Deutschland, kommentiert: „Dass die Unternehmen ihre Hoffnungen in am Markt verfügbare KI-Lösungen setzen, ist verständlich. Angesichts der sehr individuellen Anforderungen, die Unternehmen und Prüfer in der Abschlussprüfung haben, lassen sich Standardlösungen allerdings nur sehr begrenzt realisieren.“
Diese Feststellung bringt einen Kernkonflikt auf den Punkt: Die Abschlussprüfung ist ein durchaus komplexer, individuell zugeschnittener Prozess. Und standardisierte KI-Systeme können die Vielfalt und Spezifität der Prüfungsanforderungen bisher noch nicht abdecken.
Derzeit dominieren noch einfache KI-Tools, etwa ChatGPT-ähnliche Anwendungen, die mit vergleichsweise geringen Investitionen einsetzbar sind. Hochkomplexe, skalierbare KI-Anwendungen, die eine fundamentale Automatisierung der Prüfprozesse ermöglichen, sind hingegen noch selten.
Drei der vier meistgenutzten Technologien sind laut Studie datenanalytische Instrumente, die sich auf die Analyse von Hauptbuchkonten, Geschäftsprozessen und Nebenbüchern konzentrieren – den Technologieeinsatz bei der Abschlussprüfung bezeichnen die Studienautoren als „unterentwickelt“.
Datenschutz als Kernproblem
Der größte limitierende Faktor für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Wirtschaftsprüfung ist laut der Studie der Datenschutz, den 86 Prozent der Befragten als zentrales Problem nennen. Die strengen Anforderungen an die Datensicherheit schränken den automatisierten Zugriff auf Finanzdaten erheblich ein, sodass Unternehmen meist nur eingeschränkten Zugang gewähren können.
Darüber hinaus zeigt sich ein weiteres Hindernis: 63 Prozent der Unternehmen befürchten, dass ihr Vorstand oder Aufsichtsrat KI-Investitionen in der Wirtschaftsprüfung ablehnen würden, etwa wenn Preismodelle nicht mehr rein stundenbasiert sind, sondern auf Amortisation von KI-Investitionen basieren.
Die Studienautoren appellieren an die Unternehmen und halten eine Zusammenarbeit zwischen Prüfer und Kunden für unerlässlich: „Ohne eine intensive gemeinsame Entwicklung werden die KI Systeme der Zukunft unbrauchbar sein“.
KI wird Fachkräftemangel nicht ausgleichen
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften leiden unter einem Fachkräftemangel, der in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen wird – sie setzen ihre Hoffnung daher auch in KI, die den Personalbedarf reduzieren könnte. Die Umfrage zeigt allerdings: Nur knapp die Hälfte der Befragten erwartet, dass durch KI künftig weniger Personal für die Prüfung gebraucht wird.
Die Studienautoren bestätigen dies. Zwar könne die KI Prüfern in Zukunft einige Tätigkeiten abnehmen. „Doch wird der Prüfaufwand aufgrund der enormen regulatorischen Dynamik sowie der zunehmenden Komplexität der zu beurteilenden Geschäftsmodelle weiter steigen und folglich mehr Personalressourcen erfordern“, heißt es weiter.