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„Bewährte Assetallokation völlig neu denken“

Nigel Cresswell ist Head of Investment Consulting bei Towers Watson Deutschland.
Towers Watson

Herr Cresswell, volatile Finanzmärkte und ein historisches Zinstief machen das Pensionsmanagement nicht einfach. Was beschäftigt Investoren zurzeit am meisten?
Die Komplexität und vor allem die Unsicherheit an den Kapitalmärkten sind kontinuierlich gestiegen. Investoren sind vor allem den Einflüssen durch Aufsichtsbehörden, Politik oder auch Ratingagenturen ausgesetzt. Altbewährte finanzwirtschaftliche Muster gelten nicht mehr uneingeschränkt. Beispielsweise hat das politische Geschehen eines Landes heute einen größeren Einfluss auf die Finanzierungskosten. Ein weiteres Problemfeld ist die Niedrigzinsphase, die weiter anhalten wird. Nach den Renditen für Staatsanleihen ist auch die Verzinsung der Unternehmensanleihen auf einen historischen Tiefstand gesunken. Die verstärkte Nachfrage von Investoren nach Alternativen zu Staatspapieren ermöglicht es den Unternehmen, sich günstig am Kapitalmarkt zu refinanzieren. Sowohl Staats- als auch Unternehmensanleihen waren bislang Kernkomponenten vieler Portfolios. Nun bieten sie den Investoren aber zu wenig Rendite, vor allem in Relation zu den möglichen Risiken.

Sie haben in einer aktuellen Studie das Risiko- und Anlagemanagement von Pensionsvermögen bei Corporates untersucht. Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Die Zahlen belegen, dass sich die Assetallokationen der Unternehmen über die vergangenen Jahre nur wenig verändert haben. Es kam lediglich zu Veränderungen und Umstrukturierungen innerhalb der Anlageklassen, wobei wir auch hier mehr Aktivität erwartet hätten. Basierend auf dem durchschnittlichen Portfolio aus der Studie lässt sich auf Basis des Towers-Watson-Investmentmodells eine erwartete Rendite von rund 3,5 Prozent über die nächsten zehn Jahre errechnen. Aus Gesprächen mit Anlegern wissen wir jedoch, dass die langfristigen Investmentziele höher gesteckt sind. Deshalb sollten Investoren ihr Anlagemanagement anpassen.

Insbesondere an Renten halten Investoren in Deutschland weiterhin fest. Hat sich das bewährt – oder fällt den Investoren nur nichts Neues ein?
Deutsche Portfolios sind historisch bedingt sehr stark im festverzinslichen Rentenbereich investiert. Die hier erzielten Verzinsungen genügten lange Zeit, um die gewünschte Rendite der Pensionspläne zu erwirtschaften. Auch aufgrund ihres risikofreien Charakters wurden Renten – vor allem bei begrenzten Risikobudgets – gerne genutzt. Heute sind Staatsanleihen allerdings nicht mehr per se risikofrei – und im aktuellen Niedrigzinsumfeld erwirtschaften sie auch nicht mehr die erwünschten Renditen. Investoren müssen daher ihre bislang bewährte Assetallokation völlig neu denken. Am einfachsten ist es, innerhalb der bestehenden Allokationen die Diversifizierung zu erhöhen und alternative Anlageformen im festverzinslichen Bereich zu suchen, beispielsweise im Bereich Infrastruktur oder Loans. Das haben viele Investoren auch schon getan und wir erwarten, dass dies auch in Zukunft weiterhin ein Thema sein wird. Das allein wird jedoch nicht reichen – die gesamte Allokation muss auf den Prüfstand. Investoren sollten auch über alternative Anlageformen außerhalb des festverzinslichen Bereichs nachdenken.

Die Studie hat einige Widersprüche offengelegt. Extremrisiken beispielsweise werden von den meisten Unternehmen als hohes Risiko eingestuft – aber nur selten abgesichert. Wie erklären Sie sich das?
Die Absicherung von Extremrisiken empfinden viele Anleger aufgrund der sehr geringen Eintrittswahrscheinlichkeit als zu teuer oder sogar als Geldverschwendung. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass diese Risiken einen erheblichen Schaden in der Kapitalanlage verursachen können. Tail-Risiken können auf verschiedenen Wegen im Anlagemanagement berücksichtigt werden – es muss nicht unbedingt ein direkter Hedge sein. Sie sollten aber bei der Portfoliokonstruktion im Blick behalten werden, um die Portfolios robuster aufstellen zu können.

Was sind Ihrer Meinung die drei wichtigsten Punkte, die Investoren angehen sollten?
Die Niedrigzinsphase wird Investoren noch länger beschäftigen. Daher wäre abzuwägen, ob die aktuellen Assetallokationen noch geeignet sind, um die angestrebten Investmentziele zu erreichen. Weiterhin sollten Investoren ihre Portfoliokonstruktion prüfen und überlegen, wie sie das Portfolio robuster gegen Risiken aufstellen können. Darüber hinaus kommt es unserer Meinung nach auf einen ganzheitlichen Ansatz bei der Betrachtung und Steuerung von Risiken an, der vier verschiedene Aspekte umfasst: die Größe, die Eintrittswahrscheinlichkeit, die Höhe der Auswirkung auf die Bilanz und die Signifikanz in Bezug auf die Investmentziele. Viele Investoren setzen zur Messung und Betrachtung von Risiken überwiegend mathematische Modelle, Stresstests und Szenarioanalysen ein. Das Risiko in der Kapitalanlage ist jedoch mehr als eine Zahl. Quantitative Methoden sollten zwar weiterhin ein Standbein des Risikomanagements bilden, aber unbedingt von qualitativen Beurteilungen flankiert werden. Und drittens sollten Investoren ihre Governancestrukturen und -budgets überprüfen, um die neuen Anforderungen durch das Niedrigzinsumfeld und das Risikomanagement zu meistern. Reichen die aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen aus, um die gestiegenen Herausforderungen bei der Kapitalanlage und beim Pensionsmanagement zu meistern? Als Resultat dieser Überprüfung sollten Unternehmen darüber nachdenken, gezielt zusätzliche interne Ressourcen aufzubauen oder eventuell die Kapitalanlage auszulagern, beispielsweise durch Beratungs- oder Fiduciary-Mandate.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

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