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Finanzchefs müssen Pensionsrisiken angehen

Die steigenden Defizite in den Pensionsplänen vieler Großkonzerne bereiten CFOs zunehmend Kopfschmerzen.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Niedrige Kapitalanlagerenditen auf der einen und steigende Pensionsverpflichtungen auf der anderen Seite bringen viele CFOs zunehmend in die Bredouille. Vor allem in Unternehmen aus traditionellen Industriebranchen, die in der Vergangenheit überwiegend leistungsorientierte Pläne (Defined Benefit) für ihre Mitarbeiter abgeschlossen haben, und jetzt mit einem scharfen Wettbewerb, sinkenden Umsätzen und schwindendenden Beschäftigtenzahlen kämpfen, sind Pensionsrisiken ein ernst zu nehmendes Problem. Erst vor wenigen Tagen kündigte General Motors an, sich mit der Neuorganisation der Pensionsverpflichtungen eines gewaltigen Bremsklotzes in der Bilanz entledigen zu wollen. Investoren und Ratingagenturen haben lange auf einen solchen Schritt gedrängt. Bis zum Jahresende will GM nun die traditionellen Pensionspläne für alle Angestellten aus der Bilanz eliminieren und über einen Rentenvertrag an den Versicherer Prudential weiterreichen. Das entspricht immerhin einem Volumen von 26 Milliarden Dollar oder rund einem Fünftel der gesamten Pensionsverpflichtungen des weltgrößten Autobauers.

Aktiv- und Passivseite unter Druck

„Die Reduzierung des Pensionsrisikos hat oberste Priorität“, ließ sich CFO Dan Ammann in diesem Zusammenhang zitieren. Die Pensionsverpflichtungen bei GM sind laut Ammann im Verhältnis wesentlich größer als bei anderen Großkonzernen und beschränken so die finanzielle Flexibilität des Unternehmens. Weltweit hat GM Pensionsverpflichtungen von 134 Milliarden Dollar in den Büchern stehen, die zu 25 Milliarden Dollar unterfinanziert sind. „In Anbetracht der steigenden Lebenserwartung und permanent sinkender Renditen auf das Planvermögen steigt der Druck auf CFOs, das Risiko aus ihren Versorgungswerken zu nehmen“, sagt Graham Pearce, Leiter des Bereichs International Consulting beim Beratungsunternehmen Mercer in Deutschland. Druck baut sich sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite der Fondsbilanz auf: Zum einen fällt es im aktuellen Kapitalmarktumfeld immer schwerer, auf der Aktivseite eine vernünftige Renditestruktur zu erwirtschaften. Zum anderen sind in den vergangenen Jahren die Pensionsverpflichtungen kräftig gestiegen. Viele Unternehmen müssen heute schon enorm viel Kapital zuschießen, um den Deckungsgrad ihrer Pensionspläne zumindest stabil zu halten. Zudem bringen Bilanzierungsstandards ungewollte Volatilität in die Bilanz. Denn wer nach IFRS bilanziert muss Pensionsvermögen und -verpflichtungen mit Marktwerten ansetzen.

Pearce registriert denn auch ein anhaltend hohes Interesse an Strategien zur Risikoreduzierung der betrieblichen Versorgungswerke. „In Großbritannien ist das ein hochaktuelles Thema“, sagt Pearce. Anders als in Deutschland unterliegen britische Pensionsfonds, wie amerikanische oder niederländische auch, Minimum Funding Requirements. Das heißt, sie müssen einen bestimmten Deckungsgrad ihrer Pensionsverpflichtungen einhalten und, falls dieser unterschritten wird, Geld nachschießen. Einer aktuellen Analyse des britischen Pension Protection Funds (PPF) zufolge, ist die Unterdeckung im Mai auf einen Rekordwert von 312 Milliarden Pfund gestiegen. Das ist das höchste Defizit seit dem Beginn dieser Erhebung durch den PPF im Jahr 2003. Oder anders ausgedrückt: Die rund 6.400 unter dem Dach des PPF versammelten Pensionspläne sind aktuell nur zu 76,8 Prozent durch Assets gedeckt. Allein im Mai, so schätzt KPMG, haben sich die Pensionsrisiken in den Bilanzen britischer Unternehmen wegen der Verwerfungen auf den Anleihe-und Aktienmärkten um 50 Milliarden Pfund erhöht.

Ausfinanzierung oftmals zu teuer

Die Ausfinanzierung der Pensionsverpflichtungen ist eine Möglichkeit, sich der Risiken zu entledigen. Das ist zwar teuer, doch die langfristigen Vorteile könnten die im Vorfeld anfallenden hohen Kosten aufwiegen. „Viele Unternehmen würden das machen, wenn sie das Geld hätten“, sagt Pearce. GM beispielsweise muss 29 Milliarden Dollar auf den Tisch legen, um Verpflichtungen im Wert von 26 Milliarden Dollar an Prudential zu übergeben. Kommt eine vollständige Ausfinanzierung aus finanziellen Gründen nicht in Frage ist die Überwälzung von Teilrisiken eine Option. Vor allem das Langlebigkeitsrisiko macht die Budgetierung künftiger Zahlungen für Unternehmen schwierig. Inzwischen gibt es Lösungen, diese Risiken zu extrahieren und auf Versicherer zu überwälzen. BMW beispielsweise hat vor zwei Jahren das Langlebigkeitsrisiko seines britischen Pensionsfonds im Rahmen eines Swaps auf den Versicherer Abbey Life übertragen. Eine ähnliche Transaktion meldete jüngst Akzo Nobel. Der holländische Chemiekonzern hat das Langlebigkeitsrisiko der rund 17.000 Akzo-Nobel-Beschäftigten in Großbritannien im Volumen von 1,75 Milliarden Euro an den Schweizer Versicherer Swiss Re abgetreten. Nach Aussage von CFO Keith Nichols sei es das Ziel gewesen, künftig keine weiteren Dotierungen mehr leisten zu müssen, die aus Langlebigkeitsrisiken resultieren.

Longevity-Swaps, so die offizielle Bezeichnung dieser Transaktionen, sind allerdings sehr verwaltungsaufwändig. Hinzu kommen mögliche Probleme, falls sich Unternehmen im Nachgang entschließen, ihre Pensionsverpflichtungen doch gänzlich auszulagern. Eine Rückabwicklung der Swaps stünde dann an, was kostspielig sein kann. Weniger komplex sind da potentielle Änderungen im Plandesign oder Einmalzahlungen. Ford-CFO Bob Shanks beispielsweise will auf diese Weise rund 98.000 Pensionäre abfinden. Deren Pensionsverpflichtungen stehen zurzeit noch mit 49 Milliarden Dollar in der Bilanz des Autobauers.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

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