Newsletter

Abonnements

Pensionslücke: Lufthansa schafft Präzedenzfall

Neue Abschreibungspolitik: Durch einen Bilanzkniff kann die Lufthansa ihren operativen Gewinn erhöhen.
Lufthansa

Die Deutsche Lufthansa will geltende Tarifverträge für Übergangs- und Altersversorgung zum Jahresende kündigen. Begründet wurde der Vorstoß mit dem niedrigen Zinsniveau und der steigenden Lebenserwartung. Der Airline zufolge hätten sich die Rahmenbedingungen bei der Altersversorgung in den vergangenen Jahren so verschlechtert, dass gehandelt werden müsse. Vor allem das tiefe Zinsniveau sei schmerzhaft, da die Lufthansa-Rentenkasse nicht mehr genug Rendite erwirtschafte, um die Überweisungen an die Pensionäre zu decken. Nach Aussage von Peter Gerber, Personalvorstand des Lufthansa-Passagiergeschäfts, hätte die Airline allein im vergangenen Jahr 260 Millionen Euro zuschießen müssen.

Bei der Ausarbeitung der aktuellen Tarifverträge habe das Zinsniveau zwischen 6 und 7 Prozent gelegen, erklärte Gerber. Gegenwärtig erziele der Konzern weniger als 2 Prozent. Da nicht damit zu rechnen sei, dass die Zinsen kurzfristig wieder steigen, wolle man die Tarifverträge zur Rentenzahlung an dieses Niveau anpassen. Mitarbeiter müssten zukünftig das Risiko schwankender Zinsen mittragen. Konkret heißt das, die Altersvorsorge soll von leistungsorientierten auf beitragsorientierte Pensionszusagen umgestellt werden. Kommt die Lufthansa mit ihren Plänen durch, könnte das hierzulande einen Präzedenzfall schaffen.

Pensionsanpassung birgt rechtliche Risiken

„Wir halten es für durchaus realistisch, dass die Lufthansa ihre Ankündigung auch umsetzt. Andererseits wäre dies mit rechtlichen Risiken verbunden, so dass die Ankündigung eventuell zunächst nur den Tarifpartner unter Druck setzen und an den Verhandlungstisch bringen soll“, sagt Olaf Methner, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Kanzlei Baum Reiter & Collegen aus Düsseldorf. Denn Versorgungsbesitzstände sind arbeitsrechtlich nach den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und des Vertrauensschutzes gesichert. Je stärker ein Arbeitgeber in diese Besitzstände eingreifen will, desto gewichtiger müssen die Gründe für diesen Eingriff sein.

Nach Einschätzung von Methner dürften aktuelle Pensionäre keine Einschnitte zu befürchten haben. „Bereits bestehende Anwartschaften genießen ebenfalls einen relativ hohen Schutz, so dass nach unserer Einschätzung hier rechtlich auch kaum Eingriffe möglich sein dürften. Für zukünftige Anwartschaften könnten jedoch Eingriffe zulässig sein, wenn die Lufthansa diese Eingriffe wirtschaftlich nachvollziehbar begründen kann.“

Anhaltend schwierige Rahmenbedingungen

Ob die Lufthansa das kann, bleibt offen. Tatsache ist jedoch, dass die Pensionsproblematik der Kranich-Airline unter allen deutschen Großkonzernen negativ heraussticht. Nach Berechnungen von Union Investment auf Basis der Angaben des Jahresabschlusses 2012 überstiegen die Pensionsverpflichtungen die Marktkapitalisierung der Airline Ende des vergangenen Jahres um mehr als das Doppelte. Allein 42 Prozent des Konzern-Ebits musste die Lufthansa 2012 für Pensionsverpflichtungen aufwenden.

Und die Rahmenbedingungen bleiben schwierig. Zwar ist der Rechnungszins, mit dem Pensionsverpflichtungen nach IFRS diskontiert werden, in den vergangenen Monaten wieder etwas gestiegen, was für Entlastung auf Unternehmensseite sorgt. Doch an der prinzipiellen Problematik dieses Themas ändert das wenig. Hinzu kommt die neue Behandlung versicherungsmathematischer Gewinne und Verluste. Bisher konnten diese entweder sofort in der GuV oder im Eigenkapital erfasst werden oder im Rahmen des sogenannten Korridorverfahrens zeitverzögert außerhalb der Bilanz fortgeschrieben werden. Mit der Neufassung des Bilanzierungsstandards IAS 19 wurde das Korridorverfahren Anfang 2013 abgeschafft. Seitdem sind versicherungsmathematischen Gewinne und Verluste sofort und vollständig im sonstigen Ergebnis zu erfassen. „Viele CFOs hatten gefühlt positive Werte im Korridor. Die Auflösung Ende 2012 brachte wegen der niedrigen Diskontierungsrate in den meisten Fällen aber negative Werte zu Tage“, sagt Martin Thiesen, Global Head Liability Driven Solutions bei der Deutsche Asset & Wealth Management (ehemals DB Advisors). Das verschärfe die Pensionsproblematik noch einmal.

Unterschiedliche Lösungsansätze

Welchen Stellenwert das Thema bei CFOs mittlerweile hat, zeigen die angekündigten Maßnahmen vieler Konzerne in den vergangenen Monaten. Sie reichen von der Neudotierung bestehender Pensionzusagen über die Umstellung von leistungsorientierten auf beitragsorientierte Pensionszusagen bis hin zur Ausfinanzierung aller Pensionsverpflichtungen. Auch unkonventionelle Wege sind inzwischen nicht mehr tabu. Die Deutsche Post beispielsweise verschuldete sich Ende des vergangenen Jahres mit 2 Milliarden Euro, um den Ausfinanzierungsgrad ihrer Pensionsverpflichtungen zu verdoppeln. Sowohl vom Kapitalmarkt als auch von den Ratingagenturen wurde das Manöver von CFO Larry Rosen überwiegend positiv aufgenommen. Mit der Transaktion hat der Konzern nicht nur eine breitere Asset-Basis zur Zahlung zukünftiger Pensionen. Er verbessert auch noch den operativen Cashflow und die Ergebnisrechnung. Denn die Funding-Kosten liegen sowohl unter den erwarteten Erträgen aus der Kapitalanlage als auch unter dem für die Diskontierung der Pensionsverpflichtungen maßgeblichen Rechnungszins.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

Themen
Augenöffner für Finanzentscheider
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022
Jetzt Insights sichern »
Jetzt lesen »
Inside Corporate Banking: Die Serie zum Banken-Survey 2022