Newsletter

Abonnements

Schwellenländer: Selloff ist noch nicht zu Ende

Investoren suchen in den Emerging Markets zurzeit vor allem eines: den Ausgang.
Thinkstock / Getty Images

Seit wenigen Wochen schlägt das globale Liquiditätspendel mit aller Wucht zurück: Mit dem Beginn des „Taperings“ durch die US-Notenbank ziehen Anleger aus den Schwellenländern massenhaft Kapital ab. Am deutlichsten ist das auf den Devisenmärkten zu spüren, wo Währungen wie die türkische Lira, der brasilianische Real, die indische Rupie oder der russische Rubel stark unter Druck stehen. Aber auch die Aktien- und Anleihenmärkte kennen seitdem nur eine Richtung: gen Süden. „Der Selloff ist noch nicht ausgestanden“, glaubt Steven Saywell, Global Head of FX Strategy bei BNP Paribas in London. Bislang sei nur ein Teil des „heißen Geldes“, das im Zuge der geldpolitischen Lockerung der US-Notenbank Fed vor allem in die Emerging Markets geflossen ist, abgezogen worden.

Auch Arthur van Slooten, Head of Strategy Team Global Asset Allocation bei der Société Générale, sieht beim aktuellen De-Rating von Emerging-Market-Assets noch kein Land in Sicht. „Wir gehen von anhaltenden Turbulenzen in den Schwellenländern aus, zumal auch die Fed keine Anzeichen macht, von der Drosselung ihrer Wertpapierkäufe abzurücken“, glaubt von Slooten. Berechnungen der französischen Großbank zufolge sind seit Februar 2013 aus Emerging-Markets-Aktienfonds auch erst 60 Milliarden US-Dollar abgezogen worden, nachdem vorher rund 220 Milliarden US-Dollar in diese Region hineingepumpt worden waren. Ein ähnliches Szenario ist auf den Anleihemärkten zu beobachten.

Korrektur oder neue Finanzkrise?

Lange Zeit sind Länder wie Brasilien, die Türkei oder Indien die Nutznießer der ultralockeren Geldpolitik der Fed gewesen. Ihre vergleichsweise hohen Wachstumsraten zogen die von der Fed in den Markt gepumpte Liquidität förmlich an.  Dieser Prozess scheint sich nun umzukehren, zumal auch die Wachstumsaussichten der Schwellenländer nicht mehr so rosig beurteilt werden. Einen ähnlichen Crash wie während der Asienkrise 1997 erwartet Saywell jedoch nicht. „Viele Emerging Markets haben heute viel bessere Fundamentaldaten als damals. Die Investoren werden differenzieren. Länder mit hohen Leistungsbilanzdefiziten wie beispielsweise die Türkei bleiben jedoch anfällig für weitere Kapitalabflüsse und damit einhergehende Abwertungen der Währungen.“

Auch die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass eine neue Finanzkrise nicht ins Haus steht und spricht in einer aktuellen Einschätzung von einer „normalen Korrektur“. Nicht die Überbewertung der Schwellenländerwährungen sei der Grund für die jüngsten Turbulenzen, sondern die Rückführung der Überschussliquidität durch Notenbanken wie die Federal Reserve.

Hedging ist prohibitiv teuer geworden

Gleichwohl sind die Schwellenländer für CFOs zurzeit ein heißes Pflaster. Denn die „normale Korrektur“ hat in vielen Unternehmen über die Währungsseite enorme Auswirkungen auf die Ergebnisrechnungen. Die türkische Lira beispielsweise, die im Zentrum der jüngsten Abwertungswelle steht, hat gegenüber dem Euro in den vergangenen zwölf Monaten rund 30 Prozent nachgegeben.

Nach Berechnungen von BNP-Paribas-Stratege Saywell hätte ein deutscher Exporteur mit einem ungesicherten Exposure über 10 Millionen türkischen Lira während der vergangenen zwölf Monate mehr als 1 Million Euro verloren. Entsprechend wichtig ist es, bei Investitionen oder Geschäften ein wachsames Auge auf die Volatilität der Fremdwährung zu haben. Allerdings sorgen die Ausschläge der Spot- und Forwardkurse für einen signifikanten Anstieg der Absicherungskosten. „In Anbetracht der enorm gestiegenen Volatilität in einzelnen Währungspaaren ist das FX-Hedging mittlerweile prohibitiv teuer geworden. Die Unternehmen tendieren dazu, diese Phase auszusitzen“, sagt Saywell.

Für CFOs, die ihr Fremdwährungsexposure komplett durchsichern lassen, ist die aktuelle Situation zumindest auf kurze Sicht entschärft. Doch eine Reihe von Unternehmen verfolgt Sicherungsstrategien, bei denen zumindest ein Restexposure ungesichert bleibt. Sei es, um positive Wechselkursentwicklungen auszunutzen, oder sei es aufgrund möglicher Prognosefehler bei den Fremdwährungsumsätzen. „Es ist eine Glaubensfrage, ob man im Rahmen der Währungssicherung Alpha generieren kann oder nicht“, heißt es dazu aus der Finanzabteilung eines global agierenden Mittelständlers. Die lodernden Brandherde in den Emerging Markets zeigen, dass selbst Profis bei Wechselkursprognosen in der Mehrzahl der Fälle auf dem falschen Fuß erwischt werden.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

Themen