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Barclays zahlt drakonische Strafe

Ein umfangreicher E-Mail-Verkehr belegt die Verdachtsmomente gegen Barclays.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Die britische Großbank Barclays zieht mit der Zahlung von 290 Millionen Pfund einen Schlussstrich unter die seit Monaten schwelende Untersuchung wegen mutmaßlicher Manipulationen der London Interbank Offered Rates (Libor). Nach Auffassung der britischen Finanzaufsicht FSA hätten Händler von Barclays während der Finanzkrise ungenaue Angaben bei der täglichen Umfrage zur Libor-Berechnung gemacht und so versucht, die Sätze zu manipulieren. Das Verhalten von Barclays habe die Integrität des Libor bedroht, so die FSA, und sei möglich gewesen, weil es keine ausreichenden Kontrollen gegeben habe. Dabei bestand das Risiko, anderen Marktteilnehmern erheblich zu schaden.

E-Mails belegen Verdachtsmomente

Erste Verdachtsmomente, das mit den Libor-Sätzen etwas nicht stimmt, gab es bereits im Jahr 2008. Damals ging es im Kern um die Frage, ob Finanzinstitute während der Finanzkrise bewusst zu niedrige Sätze für das Fixing quotiert hatten, um Bedenken bezüglich ihrer finanziellen Stabilität zu zerstreuen und um sich günstiger refinanzieren zu können. Neben falschen Eingaben für die Referenzzinssätze sollen die Institute auch die Spreads zwischen Ankaufs- und Verkaufskursen abgesprochen und so Kunden manipulierte Preise in Rechnung gestellt haben.

Nach Angaben von Barclays habe man sich mit der FSA und mit der US-Terminmarktaufsicht CFTC geeinigt, die ebenfalls in die Untersuchungen involviert war. Die Geldbußen fielen drastisch aus: Sowohl die von der FSA geforderten 59,5 Millionen Pfund als auch die von der CFTC verhängten 200 Millionen US-Dollar sind Rekordsummen. Im Zuge der Untersuchungen wurde eine Reihe von E-Mails durch die FSA und die CFTC veröffentlicht, die die Mauscheleien der Barclays-Händler untereinander, sowie mit den für die Übermittlung der Libor-Quotes zuständigen Mitarbeitern, belegen. Die Dokumente zeigen ferner, dass die unlauteren Praktiken schon weit vor 2008 Gang und Gäbe waren. So heißt es in einer Nachricht: „Morgen gibt es wieder ein wichtiges Fixing. In Anbetracht des Marktumfelds wäre es prima, die Libor-Sätze so hoch wie möglich zu quotieren.“

Barclays-CEO Diamond unter Druck

In anderen Fällen wurde versucht, Barclays vom täglichen Libor-Fixing auszuschließen, indem Extremwerte gemeldet werden sollten. „Wir müssen beim morgigen Fixing rausfallen! Für den 1-Monats-Satz brauchen wir 4,17 für den 3-Monats-Satz 4,41“, heißt es am 22. November 2005 in einer E-Mail eines Senior-Händlers von Barclays in New York an einen Händler in London. Der Hintergrund: Obere und untere Extremwerte werden beim Libor-Fixing unberücksichtigt gelassen, aus den restlichen Sätzen werden die Libor-Zinsen ermittelt, die mittags vom Britischen Bankenverband (BBA) veröffentlicht werden. Auch externe Händler konnten auf die Libor-Quotes von Barclays Einfluss nehmen. So heißt es in einer Nachricht vom 26. Oktober, die sich auf die Quotierung des 3-Monats-Libor im US-Dollar bezieht: „Wenn der Satz unverändert kommt bin ich ein toter Mann“. Die Antwort des Barclays-Mitarbeiters darauf: „Ich kümmere mich.“ Die Quotierung von Barclays an diesem Tag sei einen halben Basispunkt niedriger als am Handelstag zuvor gewesen. Der Dank des externen Händlers ließ nicht auf sich warten: „Ich stehe in Deiner Schuld. Komm irgendwann mal rüber und wir öffnen eine Flasche Bollinger.“

Neben Barclays steht eine ganze Reihe weiterer Großbanken unter Manipulationsverdacht, darunter UBS, Credit Suisse, Citigroup, Deutsche Bank, HSBC, JPMorgan Chase und RBS. Die Untersuchungen, die inzwischen in Nordamerika, Europa und Asien laufen, haben bereits bei mehreren Instituten und Maklerfirmen zu Entlassungen geführt. Bei Barclays haben sie dem Chef der Bank, Bob Diamond, und drei weiteren Topmanagern den jährlichen Bonus gekostet.

Antiquierte Berechnungsmethodik

Weltweit ist der Libor Basis für Kredite und Derivate im Wert von rund 360 Billionen US-Dollar. Je kurzfristiger Kredite von den Banken zur Verfügung gestellt werden, desto stärker orientiert sich die meist variable Verzinsung am Libor. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen, sondern um eine ganze Palette von Zinssätzen, zu denen Banken unbesicherte Gelder an die Konkurrenz ausleihen würden. Die Sätze variieren je nach Laufzeiten und Währungen.

Wegen ihrer wackeligen Berechnungsmethodik stehen die Libor-Sätze schön länger in der Kritik. Als „grundlegend fehlerhaft“ bezeichnete etwa William Buiter, ein ehemaliges Mitglied der Bank of England, die Aussagekraft der Libor-Sätze. Denn diese basieren nicht auf realen Transaktionen, sondern repräsentieren Kreditangebotszinsen im Interbankengeschäft. Für die beiden wichtigsten Währungen US-Dollar und Euro melden 20 beziehungsweise 16 internationale Banken in London täglich an die Agentur Reuters Zinssätze, zu denen sie Refinanzierungsgeschäfte mit der Konkurrenz abschließen würden. Im Grunde handelt es sich dabei um das Resultat einer Meinungsumfrage.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de