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Umbruch in der Kreditkultur

iStock / Thinkstock / Getty Images

Die europäische und insbesondere die deutsche Finanzierungswelt befinden sich im Umbruch. Unternehmen wollen sich verstärkt bankenunabhängiger finanzieren. Anleihen erkämpfen sich einen festen Platz im Finanzierungsmix. Viele Konzerne und Mittelständler haben in diesem Jahr schon die historisch niedrigen Finanzierungskonditionen am Kapitalmarkt genutzt und Bonds platziert. Der Schuldscheinmarkt boomt gerade. Dieser Wandel ist nicht mehr aufzuhalten, glauben auch die Referenten und Teilnehmer der Jahrestagung „Umbruch in der Kreditkultur“, die in dieser Woche in Frankfurt am Main stattgefunden hat.

„Wir haben den Umbruch schon früh vollzogen und sind auf andere Finanzierungsmodelle umgestiegen“, sagt Oliver Sawyerr, Manager Investor Relations bei Air Berlin. Die Fluggesellschaft hat 2007 und 2009 zwei Wandelanleihen begeben, die sie inzwischen schon wieder zurückgekauft hat. Über das Mittelstandssegment Bondm hat Air Berlin mit der gerade durchgeführten Aufstockung der 2011-Anleihe insgesamt drei Bonds platziert. Diese Fremdkapitalstruktur wird durch eine Kreditlinie über bis zu 255 Millionen US-Dollar der Fluggesellschaft Etihad Airways, die größter Einzelaktionär von Air Berlin ist, ergänzt.

„Die Finanzierungsoptionen für Unternehmen werden vielfältiger“, erklärt auch Ulf Michael Kranz, der seit 2008 CFO der US-amerikanischen Landesgesellschaft des Automobilzulieferers Benteler war und gerade als CEO zum globalen Aluminiumräderhersteller Borbet nach Alabama wechselt. „Das Kreditgeschäft passt sich an internationale Vorgaben an, so dass Unternehmen, die sich auf den globalen Kapitalmärkten bedienen wollen, mehr und mehr auf standardisierte Verfahren zurückgreifen können“, ist er überzeugt. Doch nicht nur allein der Kredit, sondern auch andere Finanzierungsinstrumente wie beispielsweise eine Privatplatzierung bekommen auch für deutsche Unternehmen eine zunehmende Bedeutung. Das hat mehrere Folgen: „Die Unternehmen kommen nicht mehr daran vorbei, sich in ihren Finanzabteilungen international aufzustellen“, sagt Kranz.

Komplexität steigt in internationaler Finanzierungswelt

Doch eine internationale Finanzierungswelt wird komplexer sein. Die Informationspflichten und die damit verbundenen Anforderungen an die Unternehmen werden steigen, ist der allgemeine Tenor auf der Veranstaltung. „Die Verträge werden umfangreicher, gleichzeitig aber auch standardisierter“, sagt Prof. Dr. Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt. „Die Kreditengagements pro Bank werden mit Hinblick auf Basel III sinken, wodurch sich die Unternehmen eher mehr als weniger Bankpartner suchen müssen“.

In Deutschland gibt es im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern noch ein besonderes Detail: „Insbesondere mit den Mittelstandsanleihen hat eine Entwicklung begonnen, die nicht mehr ohne weiteres umkehrbar ist“, glaubt Dr. Jörg Schröder, Leiter Equity Capital Markets bei der IKB. Das freut natürlich die Börsen. „Es ist schön, dass wir als Börse eine gute Rolle auch bei der Fremdkapitalfinanzierung spielen können, aber ich würde nicht von einem kompletten Umbruch sprechen“, sagt Alexander Graf von Preysing, Leiter Emittenten-Services bei der Deutschen Börse. Seit 2011 gibt es den Entry Standard für Unternehmensanleihen bei der Deutschen Börse, mit dem sich der Frankfurter Handelsplatz insbesondere an junge und mittelständische Unternehmen richtet. Auch die Börsen in Stuttgart, München, Düsseldorf und Hamburg-Hannover bieten eigene Segmente für Mittelstandsbonds an. Allerdings ist zu vermuten, dass es – wie bei den Mezannine-Programmen – eine allgemeine Fälligkeitenwelle in den Mittelstandssegmenten geben wird. Für einige Unternehmen – eine Vielzahl der Emittenten liegt im Non-Investmentgrade-Bereich – dürfte die Refinanzierung kritisch werden. Drei Viertel der Emittenten von Mittelstandsanleihen haben nach Angaben von Prof. Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt mit den Anleihen ihre Verschuldungsbasis erhöht.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Schröder von der IKB für eine höhere Eigenkapitalquote plädiert: „Mittelständische Unternehmen haben sich in der Vergangenheit sehr stark kreditfinanziert. Mehr als die Hälfte der nicht börsennotierten mittelständischen Unternehmen haben eine Eigenkapitalquote von unter 20 Prozent.“ Erst eine Eigenkapitalquote von rund 30 Prozent sei einigermaßen gesund. Dennoch ist er sicher: „Trotz dieses Umbruchs wird auch nach Basel III der Bankkredit die wichtigste Finanzierungsquelle für deutsche Unternehmen bleiben wird“, sagt der IKB-Banker abschließend.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.