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Wie das Fintech Firstwire um CFOs und Treasurer buhlt

Michael Dreiner ist ein ehemaliger Investmentbanker von Goldman Sachs und hat Firstwire gegründet. Mit dem Fintech will er im Firmenkundengeschäft Vermittler verdrängen und einen Primär- und Sekundärmarkt für Fremdkapitalinstrumente schaffen.
Firstwire

Die Devisenhandelsplattform 360T hat das geschafft, was bisher nur wenigen Fintechs gelungen ist: Es hat sich in der Finanzabteilung großer Unternehmen etabliert, da es den Treasurern erstmals Transparenz über die Gebühren verschaffte, die ihnen die Banken beim Devisenhandel berechnen.

Das gleiche Transparenzziel, allerdings mit einem anderen Produkt, verfolgt das Kölner Fintech Firstwire. Gehandelt werden sollen über dessen digitale Plattform keine Währungen, sondern Schuldscheine, Kredite, Anleihen und Pfandbriefe. Gegründet wurde Firstwire von den beiden ehemaligen Goldman-Sachs-Investmentbankern Michael Dreiner (CEO) und Johannes Haidl (CFO). Seit Oktober ist Firstwire am Markt.

Firstwire bietet CFOs Verhandlungen mit Investoren in Echtzeit

Firstwire ist laut Dreiner ein digitaler Marktplatz, auf dem Kommunen und Unternehmen virtuell in Echtzeit mit professionellen Investoren vertraulich über Fremdkapitalfinanzierungen verhandeln können. Die Basis ist ein Zulassungsvertrag. Nur wenn sich Unternehmen und Investoren registrieren, können sie über die Plattform Angebote sehen und miteinander in Verhandlung treten.

Die von FINANCE in einer Demo-Version getestete Verhandlung findet in einer Art vordefiniertem Chatroom statt. Der Emittent legt zu Beginn fest, welche Parameter (Betrag, Laufzeit, Zins, Spread etc) fix und welche verhandelbar sind. Der interessierte Investor kann dann in die freigegebenen Felder sein Gegenangebot eintragen und per Klick „verhandeln“.

Das Unternehmen kann das Gebot nun annehmen oder ablehnen. Punkt für Punkt wird so durchverhandelt. Werden sich beide Handelsparteien einig, drücken sie am Ende auf „match“. Laut Dreiner treffen die Firstwire-Nutzer an diesem Punkt eine Art „Term Sheet Agreement“. Über Firstwire werden dann die bilateralen Verträge ausgetauscht, und der Investor zahlt dem Unternehmen das Darlehen aus.

Firstwire macht Debütemission mit der Stadt Essen

„Unser Ziel ist es, im Firmenkundengeschäft die Vermittler zu verdrängen“, kündigt Dreiner vollmundig an. CFOs und Treasurer schlüpfen bei der Investorensuche in die Rolle der Banken – mit allen Vor- und Nachteilen. Sie erhalten maximale Transparenz bei der Konditionsgestaltung, müssen dafür aber mit jedem einzelnen Investor selbst verhandeln. 

Das kann bei Schuldscheinen mit mehreren Investoren oder Covenants enthaltenden Darlehensverträgen mit Mittelständlern schnell aufwendig und komplex werden. „Wir überlegen deshalb, ob wir künftig auch Club-Deals mit einem Lead-Investor zulassen werden“, sagt Dreiner. Das Pilotprojekt – die erste und bisher einzige abgewickelte Transaktion – fand mit einer Kommune statt, der Stadt Essen. Überschaubare 5 Millionen Euro wurden so emittiert.

Bei der Essen-Transaktion dürften Firstwire die guten Kontakte von Partner Jens Michael Otte zugute gekommen sein, der lange das Kommunalgeschäft der Deutschen Bank verantwortet hatte. Die Finanzierung von Kommunen ist laut Michael Dreiner deshalb der erste Schritt in Firstwires Wachstumsambitionen, weil die Transaktionskomplexität und das Risikoprofil von Kommunen einfacher seien. „Im zweiten Schritt wollen wir unser Angebot auf kommunale Unternehmen wie Stadtwerke ausrollen. Über Mittelständler wollen wir dann langfristig Finanzierungen von Großunternehmen mit einem jährlichen Umsatz ab 250 Millionen Euro über unsere Plattform möglich machen“, erklärt Dreiner den weiteren Weg.

Firstwire plant Sekundärmarkt für Schuldscheine

Parallel will Dreiner einen Sekundärmarkt für Fremdkapitalinstrumente aufbauen. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, ein bisher höchst illiquides Produkt wie den Schuldschein handelbar zu machen. „Wir nutzen für den Sekundärmarkt dieselbe Verhandlungstechnik wie für den Primärmarkt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass im Sekundärmarkt zwei Investoren über einen bestehenden Kredit miteinander verhandeln“, erklärt Dreiner.

Damit Dreiners Pläne aufgehen können und Firstwire ein relevanter Dienstleister für CFOs und Treasurer wird, müsste sich aber eine Vielzahl von Investoren der Plattform anschließen. Gerade Landesbanken im Schuldscheinmarkt können mit engen Geschäftsbeziehungen zu hunderten Volksbanken und Sparkassen wuchern, die den CFOs derzeit Schuldscheine regelrecht aus der Hand reißen.

Von einer solchen Marktmacht ist Firstwire noch weit entfernt: Laut Dreiner haben sich bislang mehr als zehn Investoren registriert. Mit weiteren 40 bis 50 Teilnehmern stehe Firstwire aber schon in Verhandlungen, so der Gründer weiter. Ein liquider Sekundärmarkt erfordert allerdings noch weitaus mehr teilnehmende Investoren.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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