Der Investor Atlantik leitet nach der Sanierung den Exit beim fränkischen Holzverarbeiter Pfleiderer ein – und zwar über die Warschauer Börse.

Uwe Mühlhäusser Photography

30.07.15
Finanzierungen

Investor Atlantik macht bei Pfleiderer Kasse

Der Investor Atlantik leitet nach der Sanierung den Exit beim fränkischen Holzverarbeiter Pfleiderer ein. Der Deal macht die illustren Manager hinter Atlantik reich – und Pfleiderer zu einem polnischen Unternehmen.

Der Luxemburger Investor Atlantik SA plant den Exit beim bayerischen Holzverarbeiter Pfleiderer. Damit endet ein offenbar sehr ertragreiches Engagement, denn beim Einstieg des Finanzinvestors war das Unternehmen ein Sanierungsfall. Pfleiderer hatte sich mit einer aggressiven Investitions- und Akquisitionsstrategie in Nordamerika verhoben und war im Zuge des Zusammenbruchs des US-Immobilienmarktes in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

Pfleiderer Grajewo kauft die eigene Mutter von Atlantik

Um möglichst schnell aus dem Unternehmen auszusteigen, bedient Atlantik sich jetzt eines Kunstgriffs: Die an der Warschauer Börse notierte polnische Tochter Pfleiderer Grajewo beschafft sich über eine Kapitalerhöhung nach jetzigem Aktienwert über 200 Millionen Euro. Mit einem Teil des Geldes soll Pfleiderer Grajewo den eigenen Mutterkonzern von Atlantik ganz übernehmen. Ziel ist es, dass Atlantik nach der Kapitalerhöhung weniger als die Hälfte des kombinierten Unternehmens kontrollieren wird.

Bisher gehört die Pfleiderer GmbH mit Sitz in Neumarkt, 30 Kilometer südöstlich von Nürnberg, vollständig dem Investor Atlantik, an der Noch-Tochter Grajewo ist Atlantik mit 65 Prozent beteiligt. Hinter dem Vehikel Atlantik, dessen wesentlicher Zweck das Pfleiderer-Investment ist, steht mit Michael Keppel ein erfahrener Sanierungsexperte, der früher in Top-Positionen bei den Restrukturierungs-Beratungen Alix Partners und Alvarez & Marsal gearbeitet hatte. Ebenfalls zum Investorenkreis gehört M&A-Profi Kurt Kinzius, ehemals Vorstandsmitglied von Mannesmann.

Offenbar will Atlantik bald ganz aus Pfleiderer aussteigen

Atlantik könnte nach der Transaktion „einen weiteren Teil seines Anteils“ an Pfleiderer Grajewo verkaufen, heißt es in der Pressemitteilung zurückhaltend. Die Lock-up-Frist beträgt sechs Monate. Wahrscheinlich ist, dass Keppel und Kinzius nach dem Verkauf der deutschen Pfleiderer das polnische Börsenfenster nutzen werden, um den Komplettausstieg aus Pfleiderer Grajewo voranzutreiben – entweder über einen Blockverkauf der Minderheitsbeteiligung oder einen schrittweisen Rückzug über die Börse.

Andere Erklärungen für die Kombination aus Kapitalerhöhung und Tochter-schluckt-Mutter-Deal drängen sich nicht auf – der wichtigste polnische Aktienindex W20 ist immer noch unter Vorkrisenniveau, während der Dax im Vergleich zum Höchststand vor der Wirtschaftskrise um mehr als 50 Prozent zugelegt hat. Auch die Handelsliquidität in Warschau ist gering, die Regionalbörse genießt nicht besonders viel Aufmerksamkeit seitens internationaler Investoren. Andererseits umgehen die Eigentümer von Atlantik mit dem Reverse-Takeover nicht nur einen strukturierten Verkaufsprozess für ein Unternehmen mit einer komplizierten Doppelstruktur, sondern auch noch einen ungleich schwierigeren möglichen Börsengang in Frankfurt, der selbst einer sanierten Pfleiderer sehr schwer gefallen wäre.

Atlantik dürfte seinen Einsatz bei Pfleiderer vervielfachen

Die Pfleiderer-Sanierung ist so gut gelungen, dass die Atlantik-Investoren um Keppel und Kinzius eine hohe Rendite auf ihren Einsatz erzielen dürften. Die Atlantik-Eigner hatten Pfleiderer 2012 aus der Insolvenz übernommen. Im Zuge ihres Einstiegs sank der Schuldenstand von Pfleiderer um 530 Millionen Euro auf 320 Millionen Euro. Mit welchem Abschlag die Senior-Gläubiger, allen voran diverse Hedgefonds, ihre Forderungen in den Deal einbrachten, ist nicht bekannt. Die Altaktionäre sowie die Gläubiger einer Hybridanleihe gingen leer aus. Mittlerweile steht Pfleiderer mit einem Umsatz von 960 Millionen Euro und einem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 121 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2014 wieder gut da. Der Free Cashflow erreichte 82 Millionen Euro.

Auch die Finanzierung des Unternehmens konnte die neue Führung stabilisieren. Vor einem Jahr begab Pfleiderer einen Highyield-Bond mit einem Volumen von 320 Millionen Euro, der bis 2019 läuft und mit 7,875 Prozent verzinst wird. Die gute Geschäftsentwicklung und die anstehende Kapitalerhöhung haben dem Kurs des Bonds gut getan. Erreichte er im ersten halben Jahr nach Ausgabe nie seinen Nennwert, hat er über das Frühjahr stark zugelegt. Aktuell notiert das Papier bei 104 Prozent. Pfleiderer Grajewo wird im Zuge der Kapitalerhöhung auch Schulden zurückführen und eine neue revolvierende Kreditfazilität einziehen, die mit einem Volumen von umgerechnet rund 100 Millionen Euro deutlich kleiner ausfällt als bislang.

Pfleiderer begründet den Reverse-Takeover mit Synergien

Dass nun auch die Pfleiderer-Zentrale nach Warschau verlagert werden soll, kommt nicht ganz überraschend. Schon länger hat Pfleiderer den Plan angekündigt, das osteuropäische Geschäft mit Sitz in Warschau und das westeuropäische mit Sitz in Neumarkt verschränken zu wollen. So ist der Chef der Pfleiderer GmbH, Michael Wolff, im Februar gleichzeitig zum CEO von Pfleiderer Grajewo geworden.

Pfleiderer begründet die Neuaufstellung nicht mit dem Exit-Interesse des Eigentümers Atlantik, sondern mit geschäftlichen Überlegungen: Mit der Zusammenlegung der beiden Firmensitze will das Unternehmen nach eigenen Angaben bis zu 30 Millionen Euro pro Jahr an Synergien heben – etwa durch gemeinsame Prozesse sowie einen einheitlichen Vertrieb und Einkauf. Wachsen will Pfleiderer vor allem in Ost- und Südosteuropa. Zu möglichen Kürzungen an den beiden Standorten verriet Pfleiderer zunächst nichts.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de