Der Machtkampf der beiden Großaktionäre des Schweizer Stahlherstellers Schmolz + Bickenbach spitzt sich zu. Am Sonntag vor der anberaumten Generalversammlung zur Kapitalerhöhung veröffentlicht die Liwet Holding einen offenen Brief an Martin Haefner - und versucht so Druck auszuüben.

Schmolz + Bickenbach

02.12.19
Finanzierungen

Streit um Rettung von Schmolz + Bickenbach spitzt sich zu

Der Aktionärsmachtkampf bei Schmolz + Bickenbach erreicht einen neuen Höhepunkt. In einem offenen Brief wendet sich Großaktionär Liwet an Martin Haefner – und belässt es dabei nicht bei freundlichen Floskeln.

 

Eskalation im Aktionärsstreit bei dem Schweizer Stahlkonzern Schmolz + Bickenbach (S+B): Im Vorfeld der heute Nachmittag gestarteten Generalversammlung tauschten die beiden Großaktionäre Martin Haefner (17,5 Prozent) und Viktor Vekselberg (26,91 Prozent) Vorwürfe aus. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte der Schlagabtausch, als Vekselbergs Investmentvehikel Liwet Holding – an der Vekselberg selbst rund 40 Prozent hält – in verschiedenen Schweizer Sonntagszeitungen einen offenen Brief an Haefner veröffentlichte, der es in sich hatte.

Liwet: „Martin Haefner macht auf Panik“

In dem Brief wirft Liwet Mit-Großaktionär Haefner nicht nur vor, Panikmache zu betreiben, sondern auch, dass er mit seinen Konkurs-Drohungen „die anderen Aktionäre, die Übernahmekommission, die Finanzmarktaufsicht FINMA, ja die Firma selbst, in Geiselhaft“ genommen habe.

Hintergrund der Vorwürfe: Schmolz + Bickenbach braucht dringend frisches Geld, welches Haefner über eine Kapitalerhöhung stellen würde. Seine Bedingung ist, dass er zwar seinen Anteil am Unternehmen auf 37,5 Prozent erhöht, aber kein verpflichtendes Übernahmeangebot an die übrigen Aktionäre machen muss. Dieses Vorgehen hat die Schweizer Übernahmekommission kürzlich untersagt, seitdem wird gebannt auf den Ausgang der Generalversammlung gewartet, die über die Kapitalerhöhung abstimmen soll.

Auch das Unternehmen selbst fand zuletzt drastische Worte und teilte mit, dass die Absage der Schweizer Übernahmekommission eine „krasse Fehlentscheidung“ sei, die das Insolvenzrisiko in „erheblichen Maße“ steigere. Schmolz + Bickenbach hat inzwischen eine Beschwerde bei der Schweizer Finanzaufsicht FINMA gegen die Entscheidung der Übernahmekommission eingereicht.

Liwet kritisiert Kontrollwechsel

Doch „Panikmache“ ist nicht das einzige, was Liwet Haefner vorwirft. Im Kern bezweifelt er, dass es um die finanzielle Lage von Schmolz + Bickenbach wirklich so schlecht stehe – und stellt die Frage, ob Haefner nicht nur eine möglichst günstige Kontrollübernahme anstrebt.

So moniert Liwet die Kommunikation der Finanzlage des Unternehmens. Man habe bisher weder vom Management noch vom Verwaltungsrat „eine transparente Erklärung erhalten, wie groß der Liquiditätsbedarf wirklich ist“. Auf FINANCE-Nachfrage dazu, erklärte ein S+B-Sprecher, dass es sich dabei um „die Sichtweise von Liwet“ handele, weiter kommentiere S+B dies nicht.

Zudem sei die Chronik des „behaupteten Konkurs-Risikos“ nicht stimmig: Laut Liwet habe es monatelang keine Hinweise auf „eine existenzbedrohende Situation“ gegeben, auch von einer Kapitalerhöhung sei lange nicht die Rede gewesen. Selbst in der Einladung zur Generalversammlung vom 11. November habe es keinen Hinweise gegeben – am 26. November aber habe Haefner bereits damit gedroht, dass eine Ablehnung der Kapitalerhöhung mit „einem Gang zum Konkursrichter am nächsten Tag“ gleichzusetzen sei.

Zudem kritisiert der Großaktionär die angestrebte Kontrollübernahme durch Haefner: Diese hätte zur Folge, dass die Anteilseigner einer 2022 fällig werden Unternehmensanleihe ihre „Change of Control“-Klausel ziehen könnten und die durch die Kapitalerhöhung gewonnenen Einnahmen direkt in der Auszahlung der Unternehmensanleihe fließen würden. Dies sei, so Liwet, für das Unternehmen nachteilig, erlaube es Haefner aber, „die Kontrolle über das Unternehmen zu einem niedrigerem Preis zu erlangen, was die Interessen anderer Stakeholder verletze.“

Schmolz + Bickenbach braucht dringend Geld

Das Geld aus einer Kapitalerhöhung kann Schmolz + Bickenbach tatsächlich gut selbst gebrauchen. Der vor Kurzem präsentierte Neun-Monatsbericht zeigt, wie das Unternehmen unter der Krise der Automobilindustrie leidet: In den ersten neun Monaten musste der Stahlhersteller einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 360,4 Millionen Euro verbuchen. Zwei Gewinnwarnungen im September und Oktober waren die Folge. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres stand noch ein Gewinn von 142,7 Millionen Euro zu Buche.

Um die kurzfristige Liquidität zu sichern, braucht der Konzern laut CFO Matthias Wellhausen 100 bis 150 Millionen Euro. Wie ein Sprecher auf Nachfrage aber erklärte, sei dieser Betrag für eine umfassende Refinanzierung des Unternehmens zu wenig. Dafür soll die heute anstehende Kapitalerhöhung als Mindestmarke 325 Millionen Schweizer Franken (rund 295 Millionen Euro) anpeilen. Die Ende Oktober ins Gespräch gekommenen 614 Millionen Euro seien, so Schmolz + Bickenbach, „eine theoretische Obergrenze der Kapitalerhöhung, um die Transaktionssicherheit zu erhöhen.“

Liwet will Schmolz + Bickenbach retten

Liwet selbst positioniert sich in seinem Brief auch als möglicher Retter: Man stehe bereit, die Firma und 10.000 Arbeitsplätze zu retten. „Liwet ist bereit, so viel Geld einzuschießen, wie wirklich notwendig ist, damit die Firma überleben kann.“ Zudem weist der Aktionär noch auf weitere Möglichkeiten hin wie „die Optimierung der betrieblichen Prozesse, die Gewährung von Aktionärsdarlehen, den Abbau von Lagerbeständen oder den Verkauf von Nicht-Kernaktivitäten“.

Martin Haefner meldete sich in einem Interview mit der „NZZ am Sonntag“ ebenfalls zu Wort: „Die Liwet vernebelt die Sachverhalte und redet den Kapitalbedarf der Firma bewusst klein“. Er betonte, dass er bereit sei, jetzt bis zu 325 Millionen Euro in den kriselnden Konzern zu stecken und gegebenenfalls in ein paar Jahren nachzulegen, um etwa Übernahmen oder Kooperationen zu ermöglichen. Auch die Change-of-Control-Klausel der Anleihe schreckt ihn nicht ab: „Erfahrungsgemäß werden weniger als die Hälfte der Obligationäre ihre Anteilscheine andienen, wenn die Gesellschaft nachhaltig rekapitalisiert ist.“ Für den Fall der Fälle gewähre er zusätzlich ein Brückendarlehen im hohen zweistelligen Millionenbereich.

Er machte aber auch deutlich, dass er von seiner Position nicht abrücken wird: „Mein Naturell ist es nicht, Machtkämpfe auszufechten. Ich bin ein konsensorientierter Typ, aber in der Sache bin ich klar. Ich will helfen, aber ich habe gewisse Bedingungen.“ Klar ist derweil nur eines: Der Konflikt zwischen beiden Parteien ist mehr als verhärtet.

dominik.ploner[at]finance-magazin.de