Zum 20. Jubiläum der Structured FINANCE wird ein Blick in die Vergangenheit geworfen: In den letzten 20 Jahren haben sich viele Finanzprodukte dauerhaft am Markt etabliert, während andere lediglich kurzlebige Trends waren – wie Mini-Bonds, Mezzanine, ABS. Doch welche Entwicklungen bei Finanzierungen haben Bestand? Und welche Themen werden das Finanzmanagement in Unternehmen und die Arbeit der CFOs prägen?
Auf dem Podium sitzen zusammen mit FINANCE-Chefredakteur Markus Dentz am 27. November die ehemaligen „CFOs des Jahres“ Emese Weissenbacher von Mann+Hummel und Matthias Zieschang von Fraport, sowie der Partner Walter Uebelhoer von A&O Shearman und die Bankenvertreter Joachim Erdle von der LBBW und Frank Vogel von BNP Paribas Deutschland.
Liquidität ist in Krisenzeiten entscheidend
In einem Punkt waren sich die Panelteilnehmer einig: Einige der größten Herausforderungen der vergangenen Jahre waren die Corona-Krise, geopolitische Spannungen, die damit verbundenen Lieferkettenengpässe und die Finanzkrise. Gerade für die Unternehmen von CFO Weissenbacher und Zieschang bedeuteten die vergangenen Jahre ein Umdenken.
CFO Zieschang bewies während der Corona-Pandemie außergewöhnliches Finanzmanagement bei Fraport und verdiente sich damit 2020 den Titel den „CFO des Jahres“. Nach dem Lockdown setzte er sich das ambitionierte Ziel, innerhalb von vier Wochen 1 Milliarde Euro Liquidität zu beschaffen. Letztlich gelang es ihm und seinem Team, bis November 2020 sogar 2,7 Milliarden Euro zu beschaffen – und eine der größten Anleihe eines ungerateten deutschen Unternehmens seit Jahren zu emittieren.
Im Krisenjahr 2020 manövrierte Zieschang durch strikte Sparmaßnahmen Fraport noch in 2020 wieder zur operativen Profitabilität. Mit einer Kassenposition von 3 Milliarden Euro im November 2020 war die Finanzierung des Projekts selbst bei anhaltender Pandemie gesichert.
„Die Banken sind Lösungen des Problems und ohne die Finanzierungsfunktion und Finanzierungsbereitschaft hätte die Überwindung der Corona-Krise nicht funktioniert“, berichtet der Finanzchef rückblickend auf der Podiumsdiskussion. Entscheidend ist für ihn allerdings vor allem eines: „Eine hohe Eigenkapitalquote ist nie verkehrt. Überleben können Unternehmen in einer extremen Krise aber nur mit hoher Liquidität. Schön ist eine Verbindung aus beidem“, so der CFO.
Nachhaltige Finanzierungen werden bleiben
Emese Weissenbacher blickt auf eine bemerkenswerte Karriere bei Mann+Hummel: Seit 1994 entwickelte sie sich von der Praktikantin zur CFO, die den Konzern vom Autozulieferer zum Filtrationsspezialisten transformierte. Als Vorreiterin bezüglich Nachhaltigkeit platzierte sie 2017 den ersten grünen Schuldschein in der Unternehmensgeschichte und machte Mann+Hummel zum weltweit ersten Automobilzulieferer mit grüner Finanzierung. Bis August 2022 realisierte sie bereits vier nachhaltige Finanzierungen.
Für diese waren aber auch die nötigen Mindset-Shifts der Eigentümer entscheidend. Durch die größte Akquisition der Firmengeschichte, 2015, musste Mann+Hummel neu über Finanzierung nachdenken. „Die Änderung des Mindsets bei den Shareholdern war wichtig“, berichtet die Finanzchefin. Cash-Generierung rückte bei ihrem Unternehmen in den Mittelpunkt.
In Krisenzeiten sind Partnerschaften entscheidend
Ganz entscheidend während dieses Umdenkens waren auch die Beziehungen zu den Banken, die bei der Finanzierung unterstützten, so Weissenbacher. „Bankenbeziehungen entwickeln sich über die Jahre hinweg. Es geht um Partnerschaft. Solange die Banken sehen, dass Unternehmen alles tun, um Verantwortung zu übernehmen, stehen sie in schwierigen Situationen offen gegenüber, die Krise gemeinsam zu meistern.“
Da stimmt ihr auch Joachim Erdle, Konzernvorstand Unternehmenskunden der LBBW, zu: „In solchen schwierigen Phasen sind die Hausbanken gefordert. Diese Beziehungen sind stabilisierende Faktoren. Transparenz und Verständnis für die Unternehmensstrategie sind die Vorteile der Hausbanken in anspruchsvollen Situationen.“
Der Gewinner unter den Finanzierungsinstrumenten
Der Rückblick auf die Trends bei Finanzierungsinstrumenten zeigte einen klaren Gewinner: die Schuldscheine. „Schuldscheine sind ein positives Beispiel für die Finanzierungsinstrumente, die sich etabliert haben“, sagte Erdle. Der Markt habe sich in den vergangenen Jahren von 5 Milliarden auf 22 Milliarden Euro vergrößert. Getrieben sei das vorwiegend durch die hohe Qualität der Emittenten.
„Mit einem Schuldscheindarlehen haben sie höchste Flexibilität bei Größe und Laufzeit“, berichtet Zieschang über die Vorteile des Instruments. „Bond-Emissionen benötigen mehr Vorlaufzeit“, so der Finanzchef. Aus dem deutschen Nischenprodukt sei eine echte Erfolgsgeschichte geworden.
Anders als der Schuldschein, wurde aus den Mittelstandsanleihen kein Erfolg, sagt Uebelhoer. Allerdings habe sich die Mittelstandsfinanzierung deutlich verbreitert: „Die Debt Fonds etwa sind gekommen, um zu bleiben.“ Aber auch die Nordic Bonds wären derzeit ein interessanter Markt, der zuletzt deutlich gewachsen sei.
In Zukunft mehr Effizienz durch Künstliche Intelligenz
Die Zukunft der Finanzierung steht vor allem unter dem Stern des Effizienzgewinns. Dass in Bezug auf Finanzierung alles bleibt, wie es ist, hält Experte Vogel für unwahrscheinlich. Er erwarte in Zukunft mehr Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Hintergrund, aber auch Nachhaltigkeit wird in seinen Augen weiterhin eine große Rolle spielen: „Ich glaube, das Thema ESG hat in den vergangenen Monaten an Wahrnehmung verloren aber nichts an Bedeutung, daher wird es wiederkommen“.
Eine Effizienzsteigerung durch KI erwarten in den nächsten Jahrzehnten auch Erdle und Zieschang. „Ich glaube, wir werden uns deutlich weiterentwickeln. Wir werden in der Lage sein, integrierte Lösungen in noch effizienteren Rahmenbedingungen anzubieten“, konstatiert Erdle.
Trotzdem, so ist Walter Uebelhoer überzeugt, wird der Mensch weiter eine große Rolle spielen. „Der Mensch wird wichtig bleiben, aber KI wird vieles sehr stark verändern. Die Arbeitsweise verändert sich heute schon“, erklärt er.