CEO-Abgang und DSW-Gegenanträge: Gerresheimer findet keine Ruhe

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken
Beim Pharmaverpackungshersteller Gerresheimer kehrt keine Ruhe ein. Foto: Mojahid Mottakin - stock.adobe.com
Beim Pharmaverpackungshersteller Gerresheimer kehrt keine Ruhe ein. Foto: Mojahid Mottakin - stock.adobe.com

Beim Pharmaverpackungshersteller Gerresheimer ist der CEO-Stuhl schon wieder frei. Uwe Röhrhoff hat sein Mandat als Interimschef des Düsseldorfer Konzerns auf eigenen Wunsch vorzeitig niedergelegt, wie das Unternehmen mitteilte. Er hatte die Position erst im November 2025 übernommen. Einen dauerhaften Nachfolger hat der Aufsichtsrat bislang nicht benannt. Bis auf Weiteres teilen sich CFO Wolf Lehmann und Vorstandsmitglied Achim Schalk die Aufgaben des scheidenden Chefs.

Aufsichtsratschef Axel Herberg würdigte Röhrhoffs Einsatz: „Er hat in den letzten Monaten entscheidend dazu beigetragen, Gerresheimer wieder zukunftssicher aufzustellen.“ In seiner Amtszeit sei es gelungen, das Unternehmen zu stabilisieren und wesentliche Themen „umfassend aufzuarbeiten“. Als zentralen Meilenstein hob Herberg den Ende Juli 2026 unterzeichneten Vertrag zum Verkauf der US-Tochter Centor sowie des globalen Primary-Packaging-Plastics-Geschäfts hervor, durch den Gerresheimer seine Kapital- und Finanzierungsstruktur „signifikant optimieren“ und den Verschuldungsgrad „erheblich reduzieren“ könne.

Röhrhoff war auf Bitten des Aufsichtsrats im November in einer schwierigen Phase zu den Düsseldorfern zurückgekehrt. Er hatte das Unternehmen von 2010 bis 2017 schon einmal geführt. Noch Mitte September 2024 notierte die Gerresheimer-Aktie bei über 100 Euro. Drei Gewinnwarnungen innerhalb eines Geschäftsjahres, eine schuldenfinanzierte Milliarden-Akquisition und eine Bilanzprüfung durch die Bafin hatten das Vertrauen der Investoren jedoch nachhaltig erschüttert. In der Folge mussten CEO Dietmar Siemssen und CFO Bernd Metzner ihre Posten räumen.

Wie geriet Gerresheimer in die Krise?

Der Hintergrund: Gerresheimer hatte erheblich in neue Produktionskapazitäten für Injektionspens und Spritzen investiert, um vom Wachstum rund um GLP-1-Diätspritzen wie Wegovy oder Ozempic zu profitieren. Der Markt entwickelte sich jedoch langsamer als erwartet. Die Übernahme des italienischen Wettbewerbers Bormioli Pharma für rund 800 Millionen Euro Ende 2024 trieb den Verschuldungsgrad auf 4,15x Ebitda. Zusätzlich belastete eine Bafin-Prüfung das Unternehmen: Gerresheimer musste einräumen, sogenannte Bill-and-Hold-Umsätze in Höhe von rund 28 Millionen Euro falsch verbucht zu haben, und korrigierte die entsprechenden Abschlüsse nachträglich.

Ob sich die Situation rund um Gerresheimer nun wirklich stabilisiert hat, wie Aufsichtsratschef Herberg sagt, bleibt abzuwarten. Denn schon auf der anstehenden Hauptversammlung am 1. September dürfte es für das Unternehmen wieder ungemütlich werden. Denn für die Aktionärsschutzvereinigung DSW ist die Krise bei dem Verpackungshersteller noch nicht komplett aufgearbeitet. Deshalb plant die Vereinigung, drei Gegenanträge einzureichen und eine Sonderprüfung durchzusetzen.

Was die DSW von Gerresheimer fordert

Die DSW fordert, die ehemaligen Vorstandsmitglieder Siemssen, Metzner und Burkhardt auf der Hauptversammlung nicht zu entlasten. Es lägen bereits jetzt genug Gründe vor, die Entlastung zu verweigern. „Die Aktionäre und Aktionärinnen des Unternehmens liegen vor einem Scherbenhaufen“, heißt es im Gegenantrag. Die Entlastung sei ein Vertrauensvotum gegenüber der Amtsführung des Vorstands und dieses könne man angesichts der bekannten Vorgänge nicht aussprechen.

Auch dem Aufsichtsrat will die DSW kein besseres Zeugnis ausstellen. Angesichts des Ausmaßes der Probleme stelle sich die Frage, ob das Kontrollgremium seinen Aufsichts- und Kontrollpflichten ausreichend nachgekommen sei. Die DSW beantragt daher ebenfalls die Verweigerung der Entlastung.

Zusätzlich empfiehlt die DSW den Aktionären, gegen die erneute Bestellung von KPMG als Abschlussprüfer zu stimmen. Der Wirtschaftsprüfer hatte den Konzernabschluss 2024 testiert, jenen Abschluss, der im Mittelpunkt der Bafin-Prüfung und der festgestellten Bilanzierungsprobleme steht. Die DSW hält den Vorschlag nicht nur für unsensibel, sondern für höchstbedenklich. Solange zentrale Fragen zur Entstehung der Bilanzierungsfehler ungeklärt seien, fehle die Vertrauensbasis für eine erneute Bestellung.

DSW fordert Sonderprüfung bei Gerresheimer

All diese ungeklärten Fragen sind für die DSW der Grund, auf der Hauptversammlung eine Sonderprüfung zu beantragen. Eine bilanzielle Korrektur allein reiche nicht aus, so die Aktionärsschützer. Entscheidend sei, wer die Verantwortung trage und ob Vorstand und Aufsichtsrat ihren gesetzlichen Pflichten nachgekommen seien.

Die Aktionäre blicken ebenfalls kritisch auf den Weggang des Interims-CEO Röhrhoff und die anstehende Hauptversammlung von Gerresheimer. Das Papier rutschte nach Bekanntwerden der Personalie am heutigen Dienstagvormittag um mehr als 6 Prozent ins Minus und notiert derzeit bei gut 26 Euro.

Frederic Haupt ist Redakteur bei FINANCE und betreut schwerpunktmäßig die Themen Private-Equity und M&A. Er hat Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Media University (ehemals HMKW) studiert. Nach dem Studium hat er sein Volontariat bei F.A.Z. Business Media absolviert und dabei neben FINANCE für weitere Publikationen des Verlags gearbeitet, unter anderem für die Personalwirtschaft und das Wir-Magazin.