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25.04.18
Wirtschaft

Nur jede vierte Großpleite endet im Aus

Die 2012 geänderten Sanierungsgesetze haben die Überlebenschancen taumelnder Firmen in Deutschland deutlich erhöht, auch weil sie Investoren aus dem Ausland angelockt haben. Seit Jahresbeginn ist die Überlebensquote aber wieder deutlich gesunken.

Die tiefgreifenden Änderungen im deutschen Insolvenzrecht, die 2012 in der Einführung der Sanierungsrichtlinie ESUG endeten, haben eine positive Wirkung auf Sanierungsfälle gehabt. Wie eine Analyse der Insolvenzberatung Falkensteg zeigt, die das Unternehmen für den aktuellen FINANCE-Insolvenz-Report durchgeführt hat, konnten seit 2012 bei drei von vier Großinsolvenzen mit mehr als 20 Millionen Euro Umsatz die betroffenen Unternehmen gerettet werden.

Für 58 Prozent fand sich eine Investorenlösung, 16 Prozent konnten sich sogar aus eigener Kraft im Rahmen mit Hilfe eines Insolvenzplans sanieren. Den neuen FINANCE-Insolvenz-Report, der auch die wichtigsten Daten und Verfahren des ersten Quartals enthält, können MeinFINANCE-Nutzer kostenlos in der FINANCE-Datenbank herunterladen.  

ESUG lockt ausländische Investoren an

Auffallend ist, dass sich seit der Einführung des ESUG mehr Investoren aus dem Ausland bei den Auffanglösungen engagieren. In den Jahren seit 2012 kamen bei Investorenlösungen jeweils fast 40 Prozent der Käufer aus dem Ausland, deutlich mehr als in den Jahren davor.

US-Konzerne traten in 15 Großinsolvenzen als Investor auf, auf Rang 2 folgen schon österreichische Unternehmen, die in 13 Fällen zum Zug kamen. Käufer aus den Niederlanden wickelten zwölf Investments ab, Schweizer Käufer sind seit 2012 zehn Mal zum Zug gekommen.   

Schwache Rettungsquote im ersten Quartal

Im ersten Quartal diesen Jahres lag die Sanierungsquote bei den Großinsolvenzen in Deutschland aber deutlich niedriger als zuletzt. Laut Recherchen von Falkensteg konnten zwölf große Insolvenzverfahren abgeschlossen werden, fünf davon endeten jedoch in einer Liquidation. Für sechs Unternehmen fanden sich neue Investoren, zwei Verfahren wurden durch eine Planlösung beendet. Nach Einschätzung von Falkensteg ist dies aber nicht das erste Zeichen einer Trendwende, sondern lediglich ein statistischer Effekt, der regelmäßig zu Jahresbeginn auftaucht.  

Der größte im ersten Quartal abgeschlossene Insolvenzfall war die Autohandelsgruppe Max Moritz, die mit rund 200 Millionen Euro Umsatz in die Pleite geschlittert war. Dort fanden sich diverse Käufer für die verschiedenen einzelnen Häuser.

DLW Flooring ist 2013 schon einmal in die Insolvenz gegangen.

Auch der Linoleumproduzent DLW Flooring („Deutsche Linoleum Werke“), der 2013 schon einmal insolvent gewesen war und voriges Jahr erneut in die Zahlungsunfähigkeit rutschte, wird wenigstens in Teilen überleben. In dem französischen Bodenhersteller Gerflor fanden aus der Eigenverwaltung heraus der Geschäftsführer Hans-Norbert Topp und Patric Naumann, Partner der Sozietät Wellensiek, zumindest einen Käufer für das Linoleumwerk in Delmenhorst. Das zweite – stark defizitäre – Werk in Bietigheim-Bissingen musste dagegen geschlossen werden. 

Insolvenz beim Private-Equity-Unternehmen BOA BKT

Neue Großinsolvenzen kamen zu Jahresbeginn nur wenige hinzu. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ging ihre Zahl im ersten Quartal von 28 auf 19 zurück. Dabei erwischte es mit der Papiermühle Uetersen und der Papierfabrik Scheufelen gleich zwei Hersteller grafischer Papiere. Ein starker Anstieg der Rohstoffpreise hat die Pleitewelle im Papiermarkt ausgelöst.

Die größte Insolvenz im ersten Quartal in Deutschland war der Antrag des Kompensatorenherstellers BOA BKT aus der Nähe von Karlsruhe. Der Mittelständler beschäftigte zuletzt gut 1.200 Mitarbeiter und kam auf einen Umsatz von 188 Millionen Euro. BOA BKT wurde 2006 als Tochter des Industriekonglomerats IWKA an den Berliner Mittelstandsinvestor Odewald & Compagnie verkauft, der das Unternehmen 2010 an den US-Finanzinvestor AEA Investors weiterreichte.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehrjahresstatistiken, die größten laufenden Insolvenzverfahren, ein Interview mit DLW-Flooring-Insolvenzverwalter Tibor Braun und vieles mehr finden Sie hier in der neuen Ausgabe des FINANCE-Insolvenz-Reports.