Das EU-Referendum der Briten liegt wie dunkle Wolken über London und der Bankenwelt.

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10.03.16
Wirtschaft

Brexit: Banken droht neuer Stresstest durch EZB

Bei den Banken hat das Zittern vor einem Brexit begonnen. Die EZB will jetzt genau wissen, ob Europas Banken möglichen Verwerfungen nach einem Brexit standhalten könnten. Es droht ein neuer Stresstest.

Wie eine dunkle Wolke schwebt der 23. Juni über den Banken in Europa. An diesem Tag stimmen die Briten in einem Referendum über den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union ab. Ein Austritt aus der EU hätte weitreichende Folgen und könnte viele Banken in Gefahr bringen. Die Europäische Zentralbank (EZB) macht sich auf das Schlimmste gefasst.

Offizielle Stellungnahmen zu einem möglichen Brexit, dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, sind von der EZB zwar bislang nicht zu hören. Allerdings gilt ein Brexit als große Gefahr für die Stabilität des europäischen Finanzsystems. Das Handelsblatt zitiert nun einen Zentralbanker, der den möglichen EU-Austritt als „die größte Gefahr für die Finanzstabilität in diesem Jahr“ bezeichnet.

Um auf einen Brexit so gut wie möglich vorbereitet zu sein, unterzieht die EZB die europäischen Banken dem Bericht zufolge intern bereits einem Stresstest: Dafür spreche die EZB bereits jetzt mit größeren Banken auch über mögliche Bilanzrisiken, die durch einen Brexit entstehen könnten. Die Notenbank will wissen, wie gut die Devisenhandelssysteme bei starken Kursausschlägen noch funktionieren würden, aber auch, ob  die Banken für mögliche Verluste aus Fremdwährungskrediten vorgesorgt haben.  Währungsabsicherungen für Firmenkunden spielen in diesem Zusammenhang offenbar eine wichtige Rolle. Das könnte auch die CFOs in Deutschland aufhorchen lassen, die auf  stabile Transaktionspartner bei ihren Hedginggeschäften angewiesen sind.

Brexit-Angst: Stünde die EZB wirklich mit Liquiditätshilfen bereit?

Die Gefahren sind vielschichtig. Der Devisenhandel könnte für nicht-britische Banken nach einem Brexit schwierig werden, sofern sie ihr Geschäft nicht von London aus betreiben und damit direkten Zugang zur britischen Notenbank hätten. Unklar ist, ob die Hoffnung der Banker realistisch ist, im Notfall auf Liquiditätshilfen der  EZB zugreifen zu können. Ein weiteres Brexit-Risiko entstünde im Kreditgeschäft. Die Kreditvergabe in britischem Pfund würde für Banken in der Europäischen Union fortan ein Währungsrisiko bedeuten – das Kreditgeschäft in Pfund könnte deshalb massiv zurückgefahren werden. Bei bestehenden Ausleihungen drohen Währungsverluste, sofern die Absicherungen nicht stimmen.

Auch die deutsche Wirtschaft würde unter einem Brexit leiden. Zwischen Großbritannien und dem Rest der EU bestehen enge Handelsverflechtungen, vor allem mit Deutschland. Währungsturbulenzen und eine mögliche Rezession auf der Insel würden sich dadurch auch direkt auf die deutsche Wirtschaft auswirken, die von einem starken Exportgeschäft abhängig ist. Zudem drohen aktuelle M&A-Transaktionen und Joint-Venture-Vereinbarungen unter die Räder zu geraten, sofern CFOs nicht mit Schutzklauseln vorgesorgt haben.

Die Gefahr eines Austritts Großbritanniens aus der EU ist real. Nach jüngsten Umfragen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern eines Brexits ab. Erst kürzlich sorgte Boris Johnson, Bürgermeister von London und landesweit einer der beliebtesten Politiker, für Aufregung: Er stellte sich gegen Premierminister David Cameron und kündigte an, sich im bevorstehenden Wahlkampf für einen Brexit stark zu machen.

julian.woehr[at]finance-magazin.de

Mehr über die Folgen des britischen Votums für einen Austritt aus der EU lesen Sie auf unserer Themenseite zum Brexit.