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15.01.15
Wirtschaft

Schweizer Notenbank stürzt Finanzmärkte ins Chaos

Die Schweizerische Nationalbank hebt überraschend die Kopplung des Schweizer Franken an den Euro auf. Die Reaktionen an den Devisen- und Aktienmärkten sind gewaltig. Das Misstrauensvotum gegenüber der Euro-Zone verunsichert auch deutsche CFOs und Treasurer.

Die Schweizer Notenbank (SNB) hat heute völlig überraschend den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro aufgehoben und damit heftige Turbulenzen an den Devisen- und Aktienmärkten ausgelöst: Innerhalb von nur 15 Minuten fiel der Euro heute Vormittag um mehr als 28 Prozent auf 0,86 Franken. Gegenüber dem US-Dollar stürzte die Gemeinschaftswährung  zeitweise auf den tiefsten Stand seit November 2003 ab und notierte bei 1,157 Dollar. Seitdem hat sich der Euro wieder etwas erholt, gegenüber dem Franken notiert er inzwischen bei etwa 1,03.

Der Schweizer Aktienmarkt stürzte auf breiter Front um mehr als 10 Prozent in die Tiefe. Am stärksten litten Exportunternehmen. Der Chef des Schweizer Uhrenherstellers Swatch, Nocolas Hayek, bezeichnete die Kapitulation der SNB als "Tsunami".

Die Untergrenze zum Euro hatten die Schweizer vor mehr als drei Jahren eingezogen und seitdem zur  Schwächung der eigenen Währung immer wieder Euro gekauft, bis dato mehrere hundert Milliarden Euro Diese Nachfrage fällt durch die Freigabe des Wechselkurses jetzt weg – und schwächt den ohnehin auf Abwertungskurs befindlichen Euro damit weiter.

Auch der deutsche Leitindex Dax brach innerhalb weniger Minuten um mehr als 250 Punkte auf 9.637 Punkte ein. Analysten glauben, dass die Milliarden, die die Schweizer in den Euro-Raum gepumpt hatten, am Ende zu großen Teilen auch am Aktienmarkt landeten.

Inzwischen hat der Dax seine Kursverluste zwar wieder wettgemacht. Die Finanzmärkte haben dennoch ein starkes Misstrauensvotum in Richtung Euro-Zone gesendet. Das wird auch deutschen CFOs und Treasurer zu denken geben. Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone nimmt wieder zu. Das zeigt auch die Reaktion bei den deutschen Bundesanleihen, deren Zehnjahresrendite auf das Rekordtief von 0,42 Prozent absackte.

Frankenstärke belastet Schweizer CFOs

Die SNB erklärt ihre Entscheidung damit, dass sie den Mindestkurs im September 2011 zu einer Zeit der massiven Überbewertung des Franken und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt hatte. Damals hatte die Furcht vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone zu massiven Zuflüssen in den als sicheren Hafen geltenden Franken geführt.

Die Situation habe sich nun geändert, so argumentiert die SNB: „Der Franken bleibt zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung hat sich seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert.“ CFOs von Schweizer Unternehmen dürften das anders sehen: Der nun schlagartig erstarkte Franken macht ihre Produkte im Ausland teurer, insbesondere in der Euro-Zone, wohin die Mehrzahl der Schweizer Waren exportiert werden.

Laut SNB habe die heimische Wirtschaft die vergangenen Jahre aber genutzt, „um sich auf die neue Situation einzustellen“. Inwiefern das ausreicht, wird sich in den kommenden Quartalsberichten zeigen. Helaba-Ökonom Ulrich Wortberg geht davon aus, dass sich der Euro-Franken-Wechselkurs langfristig im Bereich der Parität einstellen dürfte.

BNY Mellon: SNB reagiert auf geplante EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Freigabe des Wechselkurses kam vor allem deshalb überraschend, weil SNB-Präsident Thomas Jordan erst Anfang Januar bekräftigt hatte, der Mindestkurs sei „absolut zentral um eben adäquate, richtige monetäre Bedingungen für die Schweiz aufrechtzuerhalten.“ BNY Mellon erklärt den Kurswechsel damit, dass die SNB in den kommenden Wochen kräftige Kapitalzuflüsse erwarte und den Käufern des Franken keine künstliche niedrige Rate bieten wolle. Die SNB rechne offenbar damit, dass die EZB bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche den Ankauf von Staatsanleihen (Quantitative Easing) bekannt geben könnte.

Um den Aufwertungseffekt abzumildern, senkte die Zentralbank zugleich den Zins für Guthaben auf den Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, um 0,5 Prozentpunkte auf minus 0,75 Prozent. Damit will sie den Zustrom „heißen“ Kapitals eindämmen.

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