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Varta: Ein vermeidbarer Absturz 

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Varta steht kurz vor der Insolvenz. Der Batteriehersteller möchte sich nun durch ein Starug-Verfahren retten. Foto: nmann77 -stock.adobe.com
Varta steht kurz vor der Insolvenz. Der Batteriehersteller möchte sich nun durch ein Starug-Verfahren retten. Foto: nmann77 -stock.adobe.com

Im Erfolg macht man die größten Fehler. Dafür ist Varta gerade das beste Beispiel. Binnen weniger Jahre steigerte der Batteriehersteller aus dem baden-württembergischen Ellwangen den Umsatz von rund 215 Millionen Euro auf mehr als 900 Millionen Euro Umsatz, der Gewinn kletterte von knapp 10 Millionen Euro auf fast 120 Millionen Euro. Auf dem Höhepunkt des Booms, im Jahr 2021, notierte die Aktie auf einem Allzeithoch von 181 Euro.  

Die Ellwangener galten als innovativer Batteriehersteller, der unter anderem Apple exklusiv mit seinen Lithium-Ion-Akkus für deren Bluetooth-Kopfhörer belieferte. Varta baute den Standort Nördlingen aus und erhöhte massiv die Produktionskapazitäten auf 250 Millionen Lithium-Ion-Zellen pro Jahr, obwohl selbst im Aufschwung nie mehr als 135 Millionen Stück pro Jahr produziert wurden.  

Teure Überkapazitäten belasten das Ergebnis 

Statt des erwarteten Booms musste Varta ein knappes Jahr nach Eröffnung des neuen Fabrikgebäudes in Nördlingen eine erste Gewinnwarnung aussprechen, weitere fünf sollten folgen. Apple hatte eine neue Generation an Airpods auf den Markt gebracht und schnell wurde deutlich, dass Varta den Technikkonzern aus Cupertino nicht mehr exklusiv beliefert. Der Aktienkurs liegt inzwischen nur noch bei rund 1,60 Euro.  

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Dennoch muss man heute fragen: Glaubte das damalige Varta-Management wirklich, dass Apple auch weiterhin exklusiver Abnehmer der Knopfzellen-Akkus bleiben und nicht versuchen würde, die Lieferkette zu diversifizieren? Dass solch eine Annahme nach hinten losgehen kann, zeigt aktuell auch AMS-Osram. Oder war sich das Varta-Management zu sicher, dass die Konkurrenz den technischen Rückstand nicht würde aufholen können?  

Vartas blauäugige Geschäftsannahmen 

Wie auch immer die Überlegungen konkret aussahen, sie waren blauäugig und viel zu optimistisch. Und das Debakel mit den Lithium-Ionen-Zellen wiederholte sich in kleinerem Maßstab beim Geschäft mit Energiespeichern: Nachdem das Geschäft 2023 florierte, investierte Varta nochmals 20 Millionen Euro in neue Produktionskapazitäten, nur um vor wenigen Wochen eine Gewinnwarnung mit der eingebrochenen Nachfrage nach Energiespeichern zu begründen. Das spricht ebenfalls nicht für eine solide Risikoeinschätzung des Managements.  

Dann kam auch noch Pech dazu: Im Frühjahr wurde Varta zu allem Übel noch von einem Cyberangriff lahmgelegt, von dem sich das Unternehmen nur langsam erholt. Das erschwerte die 2023 begonnene Restrukturierung zusätzlich. Heute liegen die Schulden bei rund 485 Millionen Euro, das Unternehmen ist insolvenzgefährdet. Der neue CEO Michael Ostermann hat deshalb die Reißleine gezogen und versucht mit dem sogenannten Starug-Verfahren die Fehler seiner Vorgänger auszubügeln. Ob ihm das gelingt, werden die nächsten Monate zeigen.  

Die Fehler der Vorstände müssen schon jetzt andere bezahlen: Die Arbeitnehmer, die während der bereits laufenden Restrukturierung ihre Arbeitsplätze verloren haben, und die Aktionäre, die nun de facto enteignet werden. 

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.

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