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Varta: Akku leer

Die Akkus für In-Ear-Kopfhörer waren jahrelang Varts Cash Cow. Jetzt schwächelt das Geschäft. Foto: Vulp - stock.adobe.com
Die Akkus für In-Ear-Kopfhörer waren jahrelang Vartas Cash Cow. Jetzt schwächelt das Geschäft. Foto: Vulp - stock.adobe.com

Am 31. März 2022 schien die Welt am Varta-Platz 1 im schwäbischen Ellwangen noch in Ordnung. Der dort ansässige Batteriehersteller Varta verkündete einen Umsatz von mehr als 900 Millionen Euro und ein Konzernergebnis, das mit 126 Millionen Euro fast ein Drittel über dem des Vorjahres lag. Für 2022 rechnete das Unternehmen mit deutlichen Steigerungen. CFO Armin Hessenberger sah Varta gut aufgestellt, „um die Zukunftsinvestitionen zu finanzieren und eine Dividende von 2,48 Euro auszuschütten“.

Ein halbes Jahr später kassierte Varta seine im Sommer schon nach unten korrigierte Jahresprognose komplett und der langjährige CEO Herbert Schein nahm „mit sofortiger Wirkung“ seinen Hut. Mitte November kündigte der schwäbische Mittelständler am Standort Nördlingen Kurzarbeit an, stoppte den Bau einer Fabrik für die neue „V4Drive“ genannte Lithium-Ionen-Rundzelle.

Viele CFO-Wechsel bei Varta

Ende Dezember folgte der Rauswurf aus dem MDax. Und damit nicht genug: Einen Monat später kündigte CFO Armin Hessenberger „aus persönlichen Gründen“ seinen Abschied für Ende April an. Im Juli war sein Vertrag erst um zwei Jahre verlängert worden. Hessenberger ist nicht der erste CFO, der sich nur kurze Zeit auf dem Schleudersitz hielt. Doch wie konnte es soweit kommen? Und vor allem: Wie geht es für Varta nun weiter?

Auffällig ist: Der CFO-Posten ist seit Vartas Börsengang im Jahr 2017 ein Schleudersitz. Hessenbergers Vorgänger Steffen Munz (heute Schaltbau) verließ das Unternehmen nach dreijähriger Amtszeit „auf eigenen Wunsch“. Dessen Vorgänger Michael Pistauer war auch nicht länger im Amt, blieb Varta jedoch verbunden. Er wechselte als CFO zu Montana Aerospace, das wie Varta zur Montana Tech Components gehört. Seit 2019 sitzt Pistauer zudem im Aufsichtsrat von Varta. Hessenbergers Nachfolger, Thomas Obendrauf, kommt vom österreichischen Holzfaserspezialist Lenzing, also aus einer ganz anderen Branche.

Varta ist an der Börse abgestürzt

Manche Marktbeobachter glauben deshalb, dass die Banken Druck gemacht haben, den CFO zu wechseln. Denn: Varta hat einen steilen Absturz erlebt. Der Aktienkurs, der im Januar 2021 noch bei einem Höchstwert von 181 Euro notiert hatte, lag bei Redaktionsschluss bei rund 29 Euro. Doch das Geld wird langsam knapp. Ende September 2022 besaß Varta noch Zahlungsmittel in Höhe von 32 Millionen Euro, während die Schulden bei rund 900 Millionen Euro lagen.

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Neben den Folgen des Ukraine-Kriegs mit explodierenden Kosten für Energie und Rohstoffe sowie Ertragsrückgängen war es vor allem der zu optimistische Marktausblick, der Vartas Akku entladen hat. Besonders das Geschäft mit den „Coinpower“ genannten Lithium-Ionen-Zellen, die vor allem in Bluetooth-Kopfhörern zum Einsatz kommen, ist eingebrochen.

Das Ende von Vartas Cash Cow?

Hier soll Varta im Premiumsegment Marktführer und exklusiver Lieferant für Hersteller wie Apple oder Sennheiser gewesen sein. Doch zumindest bei Apple hat Varta das Monopol verloren. In der jüngsten Airpods-Generation kommen auch Batterien vom Konkurrenten Samsung SDI zum Einsatz. Gleichzeitig blieb die Nachfrage nach Kopfhörern deutlich hinter den Erwartungen zurück – mit fatalen Folgen.

Die Produktion der Coinpower-Zellen brach fast um die Hälfte von 135 Millionen auf voraussichtlich 65 bis 75 Millionen Stück ein. Das Geschäft war bisher jedoch Vartas Cash Cow. Rund 60 Prozent des Umsatzes entfallen auf diesen Bereich. Yasmin Steilen, Analystin der Berenberg Bank, schätzt, dass der Nachfragerückgang nach den Knopfzellen rund 60 Prozent der Ebitda-Abweichung von der originären Prognose ausmacht.

Varta war zu blauäugig

Manche Beobachter sagen deshalb, Varta sei zu „blauäugig“ gewesen. Das zeige der Ausbau der Produktionskapazitäten. „Aktuell können wir bis zu 250 Millionen Zellen bei voller Auslastung produzieren, haben aber in einzelnen Fertigungsschritten bereits die Infrastruktur für mehr als 300 Millionen“, teilt Varta mit. 2021, als das Geschäft noch brummte, produzierte das Unternehmen 135 Millionen Coinpower-Zellen.

„Der Marktausblick war viel zu optimistisch“, sagt Robert-Jan van der Horst, Analyst bei M.M. Warburg & Co. Dafür spricht auch das Schuldscheindarlehen in Höhe von 250 Millionen Euro, das CFO Hessenberger „zur Finanzierung unserer Wachstumsinitiative“ im vergangenen Frühjahr über ein Konsortium von BayernLB, HSBC und Unicredit platziert hatte.

Varta besteht auf Dividendenausschüttung

Viel Optimismus verbreitet der Batteriehersteller auch bei der V4Drive-Zelle, mit der mittelfristig der Angriff auf den Bereich der Elektromobilität gestartet werden soll. Manche Marktbeobachter halten das jedoch für „Größenwahn“. Der Markt sei schon jetzt von wesentlich größeren Playern besetzt, die nicht erst Produktionskapazitäten aufbauen müssten wie Varta, denen das Geld dafür fehlt.

Zwar konnte der damalige CFO Steffen Munz im Juni 2020 insgesamt 300 Millionen Euro Fördergelder vom Bundeswirtschaftsministerium loseisen, davon 200 Millionen für die Entwicklung der Lithium-Ionen-Rundzellen. Doch Varta muss dafür zunächst in Vorleistung gehen und bekommt anschließend die Kosten erstattet.

Die 100 Millionen Euro Dividende, die fast das komplette Jahresergebnis 2021 auffraßen, könnten jetzt helfen. „Vor dem Hintergrund, dass man sowieso investieren wollte, hätte man besser das Pulver trocken gehalten und weniger Dividende ausgeschüttet“, sagt Berenberg-Analystin Steilen.

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Varta hat kein Geld für Investitionen

Deshalb wurde das Geschäft mit der Batterie ausgegliedert: Die V4Drive SE ermögliche es, Partner zu finden, die dabei helfen sollen, „neue und größere Fertigungen für hochleistungsfähige Lithium-Ionen-Rundzellen zu finanzieren“, teilen die Schwaben mit. Und weiter: Varta könne die notwendigen Summen aktuell „nicht aus eigener Kraft aufbringen“. Ein Investor für die V4Drive SE wurde noch nicht gefunden. Immerhin läuft am Stammwerk in Ellwangen die erste Serienfertigung. Mehrere Tausend V4Drive-Zellen würden dort laut Varta pro Woche für einen Premium-Autohersteller produziert. Das allein wird nicht helfen. Was also dann?

Das im November vorgestellte Sparprogramm soll das Ebitda um 40 Millionen Euro verbessern. Das hilft natürlich. Ebenso, dass der neue CEO Markus Hackstein einen Restrukturierungshintergrund hat und das Geschäft mit Energiespeichern gut läuft. Hier legte der Umsatz im ersten Halbjahr um 15 Prozent zu. Doch das allein wird die Coinpower-Verluste nicht ausgleichen.

Warburg-Analyst van der Horst kann sich deshalb vorstellen, dass Varta die Flucht nach vorn wagt und versucht, mit einer älteren Generation der Coinpower-Zelle in den Mid-Price-Market zu gehen. „Die Grenzkosten wären sehr gering.“ Der Analyst hält aber auch einen Personalabbau für unvermeidbar: „Ein erheblicher Teil der Belegschaft ist aktuell verzichtbar.“ Er sieht aber trotz allem weiterhin das Potential, dass Varta wieder „ein solides, Cashflow-starkes Unternehmen werden kann. Dafür braucht es jetzt aber eine Restrukturierung.“

Am 31. März will Varta seinen Jahresabschluss vorlegen. Klar scheint schon jetzt: Auf den neuen CFO Thomas Obendrauf kommt viel Restrukturierungsarbeit zu. 

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.