Die Finanzierungssituation für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) spitzt sich weiter zu. Die KfW-Ifo Kredithürde steht im zweiten Quartal 2026 bei einem neuen Allzeithoch. Das zeigt eine Auswertung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Baker Tilly.
Rund 40 Prozent der KMUs berichten demnach von einem restriktiven Verhalten der Banken bei der Kreditvergabe – 6,5 Prozentpunkte mehr als im Vorquartal. Auch für größere Unternehmen ist die Kredithürde auf dem zweithöchsten Wert seit Beginn der Datenerfassung 2017, schreiben die Baker-Tilly-Experten in der aktuellen Ausgabe des Finanzierungskompasses.
Auslöser für die hohen Kredithürden ist die Inflation durch den anhaltenden Irankrieg. Vor dem Hintergrund hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2026 wie erwartet den Leitzinssatz auf 2,25 Prozent erhöht. Die Analysten von Baker Tilly halten weitere Zinsschritte der EZB für möglich, sollte der Konflikt andauern und die Inflation weiter anziehen.
Die KfW-Ifo-Kredithürde ist ein monatlicher Indikator, der gemeinsam von der KfW-Bank und dem Ifo Institut erhoben wird. Er misst, wie viel Prozent der kreditinteressierten Unternehmen über restriktive Maßstäbe der Banken bei der Kreditvergabe berichten. Es werden nur diejenigen Unternehmen befragt, die angeben, in den vergangenen drei Monaten Kreditverhandlungen mit Banken geführt zu haben.
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Alternative Finanzierungen werden beliebter
Die Unternehmen in Deutschland sind doppelt belastet: Zum einen zahlen sie infolge der Erhöhung des EZB-Leitzinses höhere Zinsen. Zum anderen kommen sie schwieriger an Kredite. Kommen nun Alternativen ins Spiel? „Neben klassischen Bankkrediten stehen auch andere Finanzierungsformen wie Private Debt, Asset-Based Lending oder Supply-Chain-Finance-Programme zur Verfügung“, sagt Markus Paffenholz, Partner und Leiter Debt Advisory bei Baker Tilly.
Einen Anstieg dieser Finanzierungen außerhalb des klassischen Bankengeschäfts sieht Paffenholz vor allem bei sogenannten „Non-Investment-Grade“-Unternehmen – also Firmen, die mit einer schwachen Bonität bewertet werden. „Im Corporates Segment ohne Sponsor können wir bei Non-Investment-Grade-Transaktionen einen Anstieg der alternativen Finanzierungsinstrumente beobachten. Dies belegen auch Branchenzahlen.“ Die Due Diligence sei aber teilweise umfangreicher als bei Banken. Dazu benötige es zum Teil auch externe Berater, um die Assetqualität der Unternehmen zu bewerten.
Einzelhandel und Baugewerbe besonders betroffen
Von den überdurchschnittlich hohen Kredithürden sind alle Branchen betroffen, schreibt Baker Tilly. Am stärksten trifft es jedoch Unternehmen im Einzelhandel – hier berichten 52 bis 55 Prozent von Kreditrestriktionen. Auch bei größeren Unternehmen im Baugewerbe berichten 45 Prozent von Restriktionen bei der Kreditvergabe – ein deutliches Plus gegenüber den rund 32 Prozent im Vorquartal.
Baker Tilly sieht zudem vor allem schwierige Finanzierungsbedingungen für Unternehmen in zyklischen Branchen, sowie für die schlechter bewerteten Non-Investment-Grade-Unternehmen.
Das Niedrigwasser in Rhein und Donau wird zunächst dies keinen direkten Einfluss auf die Zinsentwicklung haben, sagt Paffenholz. Höhere Transportkosten und möglicherweise eine fehlende Verfügbarkeit von Waren könnten aber indirekt und verzögert die Inflation und damit auch die Zinsen antreiben, so der Debt Advisor. Bei besonders stark vom Niedrigwasser betroffenen Unternehmen komme ein Anstieg der Kreditmargen hinzu.
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Die Unternehmenskreditzinsen stiegen im zweiten Quartal 2026 über alle Laufzeiten hinweg an. Die deutlichste Zunahme gab es bei kurz laufenden Unternehmenskrediten (Laufzeit sechs Monate oder ein Jahr). Die längerfristigen Laufzeitbänder von drei bis 10 Jahren legten weniger stark zu. Damit sinkt der Spread zwischen den Laufzeitbändern.
Die Euribor-Swap-Sätze, an denen sich Banken und Unternehmen bei der Absicherung von Zinsrisiken orientieren, sind über alle Laufzeiten hinweg gesunken. Gerade bei den längeren Laufzeiten, kann das als Signal gewertet werden, dass der Markt mittel- bis langfristig wieder eine Zinserholung erwartet.
Baker Tilly: Finanzierungsfragen frühzeitig angehen
Trotz ersten Signalen für eine Erholung der deutschen Wirtschaft, wie etwa einem zwei Monate in Folge leicht gestiegenen Ifo-Geschäftsklimaindex, geben die Analysten von Baker Tilly einen gedämpften Ausblick. Eine zeitnahe Zinssenkung der EZB erwarten sie nicht, bei einem anhaltenden Konflikt am Persischen Golf könnten sogar weitere Zinserhöhungen drohen.
Das würde die Kreditbedingungen für Unternehmen weiter verschärfen. „Unter der Annahme einer weiter anhaltenden Krise im Nahen Osten, hoher Unsicherheit und Inflation erwarten wir für das Jahr 2026 insgesamt stabile bis leicht steigende Referenzzinssätze und Swap Rates“, so Paffenholz.
Da Finanzierungsprozesse derzeit mehr Zeit benötigen, empfiehlt der Head of Debt Advisory kreditinteressierten Unternehmen das Thema frühzeitig anzugehen. „Unternehmen sollten Refinanzierungen frühzeitig vorbereiten und angesichts der weiterhin hohen Kredithürden ausreichend Zeit, mindestens zwölf bis 18 Monate, für den Prozess einplanen.“
Pflicht für die Finanzierungsgespräche laut Paffenholz: Transparente Kommunikation, eine überzeugende Debt Story, belastbare Finanzplanungen, inklusive Nachweis der Kapitaldienstfähigkeit im Downside-Szenario. Dazu sollten verschiedene Lösungsvarianten eingeplant werden.