Green Finance in rauem Klima: Was jetzt auf Unternehmen zukommt

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken
Niedrigwasser wird für Unternehmen zunehmend zum wirtschaftlichen Risiko. Foto: Alcorn Imagery - stock.adobe.com
Niedrigwasser wird für Unternehmen zunehmend zum wirtschaftlichen Risiko. Foto: Alcorn Imagery - stock.adobe.com

Der Süden Europas brennt – die großflächigen Waldbrände etwa in Südfrankreich oder Spanien waren eines der beherrschenden Themen in den Nachrichten in diesem Sommer. Nun häufen sich die Warnungen über die Folgen des Niedrigwassers in Deutschland, sei es mit Blick auf die Industrie, deren Zugang zu den Wasserstraßen beschränkt wird, oder die Landwirtschaft, die um ihre Ernte fürchtet. „Hitzesommer“ oder „Klimakrise“ sind in den normalen Wortschatz eingezogen.

Hinzu kommt ein Konflikt im Nahen Osten, der die Abhängigkeit des Westens von fossilen Brennstoffen und die daraus entstehende Verwundbarkeit unserer Systeme deutlich macht. Könnte aus dieser Gemengelage ein neuer Boom für die nachhaltige Transformation entstehen?

So einfach ist es nicht – jedenfalls nicht kurzfristig. Zumindest lässt ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen am Sustainable-Finance-Markt das nicht vermuten. Zwar hält sich der Green-Bond-Markt weiterhin stabil und wächst sogar in den ersten sieben Monaten dieses Jahres im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr. Doch das Geschehen wird derzeit stark von staatlichen Emittenten getrieben, wie ein aktueller Bericht der SEB zeigt, der auf Bloomberg-Daten und eigenen Analysen basiert.

„Dem erhöhten Aufwand beim Arrangement steht kein nennenswerter Finanzierungsvorteil gegenüber.“

Hans-Werner Grunow, Capmarcon

Noch deutlicher zeigt sich am Kreditmarkt, dass der Trend zu ESG in der Finanzierung erstmal vorbei zu sein scheint. Hier schlägt laut SEB im gleichen Zeitraum bis Ende Juli ein Rückgang bei Sustainability-linked Loans um 55 Prozent zu Buche. Grundsätzlich schauen die Marktteilnehmer deutlich skeptischer auf ESG-linked Konstruktionen. Der Rückgang gilt nämlich auch für die Sustainability-linked Bonds, die vor einigen Jahren noch en vogue waren. Die Anleihen und Kredite, die an Nachhaltigkeitsziele geknüpft sind, spielen im Vergleich zu Green Bonds global gesehen nur eine verschwindend geringe Rolle.

Hans-Werner Grunow von der Beratungsgesellschaft Capmarcon führt eine eigene Analyse des Green-Finance-Markts durch und beobachtet speziell in Deutschland einen starken Rückgang. Er erklärt sich die geringeren Corporate-Aktivitäten durch verschiedene Faktoren: „Dem erhöhten Aufwand beim Arrangement steht kein nennenswerter Finanzierungsvorteil gegenüber.“

Auch das Investoreninteresse ist nach seiner Beobachtung leicht abgekühlt. Vor dem Hintergrund der aktuellen „Aufweichungstendenzen“ der entsprechenden Regulatorik auf nationaler und europäischer Ebene habe das Thema Nachhaltigkeit zudem für einige Unternehmen an Stellenwert verloren.

Volatilität verzögert Transformation

Bedeutet der Rückgang bei nachhaltigen Finanzierungen auch ein Ende der nachhaltigen Transformation? Eine Umfrage unter Unternehmens-und Finanzentscheidern, die FINANCE im Frühjahr gemeinsam mit der ING veröffentlicht hat, bestätigt die Tatsache, dass die aktuell unruhige Welt- und Wirtschaftslage die Nachhaltigkeitswende verlangsamt.

Zwei Drittel der befragten Unternehmensentscheider berichten, dass die volatile Lage die Transformation ganz oder teilweise verzögere. Allerdings heißt das nicht, dass das Thema dauerhaft abgemeldet ist. In der Studie geben immerhin 72 Prozent der befragten Finanzentscheider an, dass ESG trotz geopolitischer Unsicherheiten und wirtschaftlichen Drucks ein strategisch relevantes Thema bleibt.

Interessanterweise zeigt die Studie auch auf, dass nicht einmal die Wirtschaftslage, sondern das regulatorische Umfeld als größter Hemmschuh der nachhaltigen Transformation gesehen wird. 57 Prozent beider Befragungsgruppen bemängeln unklare gesetzliche Bestimmungen. Grundsätzlich hadern viele Finanzentscheider mit den aufwendigen Dokumentationspflichten.

Dass nun Regularien wieder aufgeweicht oder verändert werden, führt zwar einerseits perspektivisch zu Entlastungen, andererseits erhöht es aber auch die Unsicherheit über künftige Regelungen. Für Unternehmen, die gerade bei der langfristigen Planung Verlässlichkeit brauchen, ist das kein einfaches Umfeld.

Trotz aller Hindernisse sehen die meisten Befragten in der Studie das Thema Nachhaltigkeit nicht als Bremsklotz, ganz im Gegenteil: 62 Prozent der Unternehmensentscheider betrachten die nachhaltige Transformation als einen wichtigen Wachstumsmotor für den Standort Deutschland. Die Befragten sehen die Nachhaltigkeitswende als Chance, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Physische Risiken nehmen zu

Das ist auch eine Entwicklung, die Alexandra Themistocli beobachtet. Die Nachhaltigkeitsexpertin der SEB erlebt in den Gesprächen mit Unternehmen immer häufiger, dass Nachhaltigkeit als Grundlage für gute Geschäfte und Zukunftsfähigkeit gesehen wird. „Trotz allen Gegenwinds tut sich da einiges und das Thema wird immer stärker als Chance für das eigene Unternehmen gesehen“, betont sie.

Komplex bleibe in der aktuell unruhigen Lage immer die Frage, wann sich Investitionen in die eigene Unternehmenstransformation am besten rechnen. „Viele Unternehmen diskutieren also nicht mehr über das Ob, sondern ganz konkret über das Wann“, berichtet Themistocli.

Die Bankerin erwartet zudem, dass physische Risiken immer stärker in den Fokus rücken werden. „Gerade das Thema Wasser erhält in diesem Sommer viel Aufmerksamkeit – physische Risiken aufgrund des Klimawandels schlagen jetzt durch“, betont Themistocli. Unternehmen täten deshalb gut daran, das eigene Risikomanagement daran anzupassen und physische Risiken, wie Wassermangel, Unwetter, Fluten oder auch Brände, stärker in den Blick zu nehmen.

Wie das Geschäft aufgrund von Umweltfaktoren leiden kann, zeigte sich in diesem Sommer konkret am Niedrigwasser im Rhein. Unternehmen wie etwa Covestro, ein Hersteller von Polymermaterialien aus Leverkusen, oder der Stahlhersteller Thyssenkrupp Steel sind auf die Wasserstraße für Rohstofftransporte angewiesen. Das Niedrigwasser zwingt Unternehmen wie diese, zum Teil die Produktion zu drosseln.

Andere Industrien, die etwa Wasser für Kühl- oder Produktionsprozesse benötigen, könnten künftig ebenfalls betroffen sein. Da sich solche Probleme in Zukunft häufen dürften, werden Unternehmen verstärkt an Strategien arbeiten, um ihre Wetterabhängigkeit zu reduzieren.

„Physische Risiken aufgrund des Klimawandels schlagen jetzt durch.“

Alexandra Themistocli, SEB

Ob die Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit und Resilienz mittelfristig wieder zu mehr Aktivität auf dem Green-Finance-Markt führen werden, ist noch nicht ausgemacht. Mit Blick auf die Unternehmen, die in Deutschland in diesem Jahr aktiv waren, zeigt sich bislang ein klarer Fokus auf den Energiesektor. Zu den aktiven Unternehmen gehören etwa E.on, RWE und Nordex sowie Übertragungsnetzbetreiber wie Amprion oder 50 Hertz. Diesen Unternehmen, die an der Energiewende arbeiten, bieten die grünen Use-of-Proceeds-Finanzierungen im Moment die größten Vorteile.

Ein neuer Trend zeichnet sich dabei gerade ab. Statt auf einzelne grüne Projekte abzustellen, wollen einige Unternehmen als Green-Pure-Play-Unternehmen anerkannt werden. Das würde bedeuten, dass deren Finanzierungen von Banken ohnehin als grün angesehen werden können – ein ESG-Label pro Transaktion wäre dann hinfällig.

Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und Chefin vom Dienst bei DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.