Seit gut einem Jahr dürfen Unternehmen, die im Prime Standard notiert sind, ihre Quartalsberichterstattung gehörig abspecken. Möglich macht das die EU-Transparenzrichtlinie, laut der statt eines Quartalsfinanzberichts eine kurze Mitteilung ausreicht – sie muss nicht einmal eine Bilanz oder eine Gewinn- und Verlustrechnung beinhalten, stattdessen reicht die verbale Beschreibung der wesentlichen Informationen aus. Weniger Aufwand für die Unternehmen und weniger Informationswust für die Investoren – das sollte im Idealfall die Folge sein.
Zu den Unternehmen, welche die Umstellung gewagt haben, gehört SAP. Der IT-Konzern hatte früher jedes Quartal einen Zwischenbericht mit dazugehöriger Pressemitteilung veröffentlicht, daneben gab es einen Halbjahres- und Ganzjahresbericht sowie einen integrierten Bericht. Dieses Portfolio an verschiedenen Dokumenten schien SAP zu umständlich: „Die Adressaten mussten sich auf der Suche nach Informationen mehrere Dokumente ansehen und diese vergleichen. Das wollten wir ändern“, erinnert sich Christopher Sessar, Leiter der externen Berichterstattung bei SAP.
SAP hat zunächst eine Analystenbefragung durchgeführt
Bei der Frage, ob sich die verkürzte Berichterstattung für den IT-Konzern lohnt, gab es einige Punkte zu beachten. So hat SAP beispielsweise zunächst analysiert, wie die verkürzte Berichterstattung den Konzern im Vergleich zu den wichtigsten Mitbewerbern in den USA aussehen lässt. „Wir wollten auf keinen Fall hinter die Berichtsinhalte der Wettbewerber zurückfallen“, sagt Sessar.
In einem nächsten Schritt ist SAP mit einer Befragung an Finanzanalysten herangetreten. „Wir wollten wissen, welche Informationen die Analysten gerne hätten und auf welche sie auf keinen Fall verzichten wollen. Das war aber kein Wunschkonzert, sondern sollte uns zur ersten Orientierung dienen“, betont Sessar. Das Feedback sei sehr positiv gewesen, viele Analysten hätten es begrüßt, dass die Informationen künftig kompakter und übersichtlicher sein würden.
Das Ergebnis: Hatte SAP früher jedes Quartal sowohl einen Quartalsbericht im Umfang von rund 70 Seiten als auch eine Pressemitteilung veröffentlicht, ist es ist nur noch ein einziges Dokument mit rund 20 Seiten. Darin finden sich neben einem Fließtext mit zentralen Informationen auch die Gewinn- und- Verlustrechnung, Bilanz, Kapitalflussrechnung sowie Non-IFRS-Informationen. Alle diese Angaben sind laut Transparenzrichtlinie zwar nicht verpflichtend, aufgrund der Analysten-Rückmeldungen wollte SAP darauf aber nicht verzichten.
Umstellung hat sich für SAP nur bedingt gelohnt
Stellt sich am Ende die Frage: Hat es sich gelohnt? Die Antwort darauf ist nicht eindeutig. Zwar konnte SAP die Seitenanzahl offensichtlich verringern. Dadurch ist der Aufwand bei der Erstellung gesunken, intern gab es dafür auch viel positives Feedback, erzählt Christopher Sessar.
Gleichzeitig hat sich an anderer Stelle der Aufwand aber erhöht: Denn die Quartalsmitteilungen müssen jetzt auch für jene Quartale erstellt werden, in denen SAP den Halbjahresbericht und den Integrierten Bericht veröffentlicht. Das war früher nicht der Fall. Der Grund liegt darin, dass SAP die Quartalsmitteilung als ein konstantes und gleichbleibendes Element etablieren will, was den Adressaten in jedem Quartal zur Verfügung steht. In Summe gleicht das den gesunkenen Aufwand annähernd aus, gibt SAP zu.
Trotzdem ist der Konzern zufrieden mit der neuen Berichterstattung: „Für die Adressaten ist es besser, weil sie sich auf ein aufgeräumtes Dokument konzentrieren können“, ist Sessar überzeugt. Aus diesem Grund wird SAP das neue System beibehalten.
Ein Drittel der Dax30-Unternehmen hat umgestellt
Das Beispiel von SAP zeigt, warum viele Unternehmen nach wie vor zurückhaltend sind: Sie scheuen einen Umstellungsaufwand, an dessen Ende nicht klar ist, ob es überhaupt einen Effizienzgewinn geben wird. Es kann allerdings einen anderen Vorteil geben: Nämlich dann, wenn Unternehmen bewusst weniger transparent sein wollen, heißt es aus Marktkreisen.
Im Dax30 gehört SAP mit seiner Umstellung zu einer Minderheit. Wie eine Analyse der Wirtschaftsprüfung PwC zeigt, hat dort nur ein Drittel aller Unternehmen umgestellt. Die durchschnittliche Seitenanzahl der Berichte von Unternehmen, die umgestellt haben, ist von 50 auf 19 Seiten gesunken. Die kürzeste Mitteilung war vier Seiten lang, die längste hatte 46 Seiten.
Anders sieht es im MDax und SDax aus, dort hat rund die Hälfte der Unternehmen von der verkürzten Berichterstattung Gebrauch gemacht. Im MDax ist die durchschnittliche Seitenanzahl von 41 auf 17 gesunken, im S-Dax von 35 auf 15. Dass vor allem kleinere Unternehmen umgestellt haben, verwundert nicht: Sie hatten oft beklagt, dass die hohen Anforderungen an die Berichterstattung in keinem Verhältnis zu der Unternehmensgröße stünden. Dennoch macht das erste Jahr deutlich: So richtig überzeugt sind die Unternehmen von den Vorteilen der Vereinfachung noch nicht.
Julia Schmitt ist Redaktionsleiterin von FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stieg sie 2014 bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA ein. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Bilanzierung und ist Trägerin des Karl Theodor Vogel Preises der Deutschen Fachpresse.
