Herber Rückschlag für Varta-Sanierung

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Nächster Rückschlag für Varta: Ein Ankerkunde steigt aus mit dramatischen Folgen für den Standort Nördlingen. Foto: Timon - stock.aobe.com
Nächster Rückschlag für Varta: Ein Ankerkunde steigt aus mit dramatischen Folgen für den Standort Nördlingen. Foto: Timon - stock.aobe.com

Nächste Hiobsbotschaft für Varta: Der kriselnde Batteriehersteller verliert mit seinen Ankerkunden für wiederaufladbare Knopfzellen, die in Kopfhörern oder Fitnessuhren zum Einsatz kommen, und muss daher am Standort Nördlingen rund 350 Arbeitsplätze abbauen. Bei dem Ankerkunden handelt es sich nach FINANCE-Informationen um Apple. Varta hatte in den vergangenen Jahren aufladbare Knopfzellen für die Airpods des Computerherstellers produziert.

Der Ankerkunde werde die bestehende Lieferantenbeziehung für die bisherigen Produkte noch bis Ende Oktober 2026 fortführen, teilt Varta mit. Die Varta Microbattery sei nicht mehr für die neue Produktreihe berücksichtigt worden. Damit entfalle für die hochspezialisierte Produktionseinheit in Nördlingen die wirtschaftliche Grundlage und die damit verbundenen Arbeitsplätze.

Einen Grund für das Ende der Geschäftsbeziehung nannte Varta nicht, aus gut informierten Kreisen ist jedoch zu hören, dass die Entscheidung vor allem preislicher Natur gewesen sei – sprich: Die Konkurrenz in Fernost produziert günstiger.

Varta aktualisiert Sanierungsplan

Varta betont jedoch, sich mit dieser Entscheidung nicht aus dem Bereich der Lithium-Ionen- und wiederaufladbaren Batterietechnologien zurückzuziehen. Diese blieben ein zentraler Bestandteil der strategischen Ausrichtung. Entsprechende Aktivitäten und Kompetenzen würden an anderen Varta-Standorten weitergeführt und gezielt auf zukunftsfähige sowie wirtschaftlich tragfähige Anwendungen ausgerichtet.

Varta werde die nächsten Schritte verantwortungsvoll und im engen Dialog mit dem Betriebsrat vorbereiten; die übrigen Geschäftsbereiche in Ellwangen sollen von dieser Entwicklung weitgehend unberührt bleiben. Das Sanierungskonzept müsse jedoch aktualisiert werden, hat FINANCE aus gut informierten Kreisen erfahren. Die Details sind noch nicht bekannt. Das Sanierungskonzept von Varta beruhte im Kern auf drei Elementen: ein deutlicher Schuldenschnitt, ein Kapitalschnitt auf null und anschließender Rekapitalisierung durch neue Investoren. Ziel war es, die Verschuldung von rund 485 Millionen Euro auf etwa 200 bis 230 Millionen Euro zu senken und die Finanzierung bis Ende 2027 abzusichern.

Erst im März hatte Varta am Standort Nördlingen den Abbau von 150 Stellen ankündigen müssen und dies laut der „Schwäbischen Zeitung“ mit „deutlich geringeren Absatzmengen sowie verschobenen Kundenprognosen, die zu einem Rückgang die Umsatz- und Produktionsvolumen geführt“ hätten, begründet. Jetzt der nächste Schlag.

Coinpower sorgte für Vartas Aufstieg und Fall

Mit dem Verlust des Kunden Apple endet eine Geschäftsbeziehung, die einerseits maßgeblich für Vartas Höhenflug an der Börse bis 2021 verantwortlich war, aber gleichzeitig auch den jähen Absturz verursacht hatte, der das Unternehmen fast in die Insolvenz geführt hatte.

Binnen weniger Jahre steigerte der Batteriehersteller aus dem baden-württembergischen Ellwangen den Umsatz auf mehr als 900 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2021, der Gewinn kletterte von knapp 10 Millionen Euro auf fast 120 Millionen Euro. Auf dem Höhepunkt des Booms, im Jahr 2021, notierte die Aktie auf einem Allzeithoch von 181 Euro.  

Varta baute den Standort Nördlingen aus und erhöhte massiv die Produktionskapazitäten auf 250 Millionen Lithium-Ion-Zellen pro Jahr, obwohl selbst im Aufschwung nie mehr als 135 Millionen Stück pro Jahr produziert wurden. Doch statt des erwarteten Booms musste Varta ein knappes Jahr nach Eröffnung des neuen Fabrikgebäudes in Nördlingen eine erste Gewinnwarnung aussprechen, weitere fünf sollten folgen. Apple hatte eine neue Generation an Airpods auf den Markt gebracht und schnell wurde deutlich, dass Varta den Technikkonzern aus Cupertino nicht mehr exklusiv beliefert. Der Aktienkurs liegt inzwischen nur noch bei rund 1,60 Euro.

Das Unternehmen schlitterte in eine existenzbedrohliche Krise, die durch einen Cyberangriff und weitere unglückliche Management-Entscheidungen verschärft wurde. Ein Starug-Verfahren und der Einstieg Porsches als weiterer Anteilseigner folgten.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.

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