Die Bilanz der HSBC-Mittelstandsoffensive

HSBC Deutschland

09.05.19
Banking & Berater

Die Bilanz der HSBC-Mittelstandsoffensive

Vor fünf Jahren rief die HSBC ihre Mittelstandsoffensive aus. Was hat sie der HSBC gebracht, und was hat sie gekostet? FINANCE begibt sich auf Spurensuche.

Halten Finanzchefs und Treasurer die HSBC Deutschland im Mittelstand für besonders gut verankert? Eher nicht. Dafür bescheinigen Selbige der Bank ein hohes Engagement im Kreditgeschäft mit deutschen Firmenkunden. Dies zeigt die aktuelle FINANCE-Banken-Survey, für die CFOs, Leiter Finanzen und Treasurer anonym ihre Firmenkundenbanken bewertet haben.

Die Wahrnehmung der befragten Finanzverantwortlichen bestätigt einen Trend, der auch aus den HSBC-Geschäftsberichten der Jahre 2014 bis 2018 abzulesen ist: Die HSBC Deutschland hat ihr Kreditbuch in den zurückliegenden fünf Jahren sehr stark ausgeweitet – um 120 Prozent auf 10,7 Milliarden Euro. Bis dato hatte die Düsseldorfer Bank den Ruf, einer der restriktivsten Kreditgeber der Republik zu sein. Doch dank ihrer Volumenoffensive konnte die HSBC in einem Umfeld sinkender Zinsmargen ihren Zinsüberschuss klar nach oben treiben.

HSBC-Zinsüberschuss zieht an

Ein Wermutstropfen ist hingegen, dass der Provisionsüberschuss aus dem Folgegeschäft nicht so stark gestiegen ist, wie es sich die zum globalen HSBC-Konzern gehörenden Düsseldorfer erhofft haben dürften. In Zahlen ausgedrückt: Während der Zinsüberschuss im Geschäftssegment Commercial Banking (CMB), wo die Bank ihr Firmenkundengeschäft angesiedelt hat, in den fünf Jahren um 35 Prozent anzog, wuchs der Provisionsüberschuss nur leicht um 4 Prozent. 

Quelle: HSBC-Geschäftsberichte

Quelle: HSBC-Geschäftsberichte

Im Segment Global Banking & Markets, wo die Bank ihr Investmentbanking und den Vertrieb und Handel von Kapitalmarktprodukten am Sekundärmarkt bündelt, zeigt sich das umgekehrte Bild: Während der Zinsüberschuss in den fünf Jahren bei 73 Millionen Euro stagnierte, wuchs der Provisionsüberschuss um 15 Prozent auf 281,9 Millionen Euro.

Zins- wächst stärker als Provisionsüberschuss

Zusammengerechnet ergibt sich, dass die HSBC Deutschland in den beiden firmenkundenrelevanten Geschäftsbereichen CMB und GBM in den fünf Jahren ihrer Mittelstandsoffensive beim Zinsüberschuss pro Jahr durchschnittlich um 6,9 Prozent gewachsen ist, beim Provisionsüberschuss aber nur um 3,7 Prozent.

Zuwächse dieser Größenordnung sind allerdings nicht vielen Firmenkundenbanken in Deutschland gelungen. Und mit einem Anteil von 58,6 Prozent an den operativen Erträgen ist das Provisionsergebnis der HSBC Deutschland im Wettbewerbsvergleich überdurchschnittlich hoch. Das war aber auch schon vor der Mittelstandsoffensive der Fall. 

Die HSBC in Deutschland

1 PBAM

Im Private Banking & Asset Management bündelt die HSBC ihr Privatkundengeschäft.

2 CMB

Das Commercial Banking ist das klassische Firmenkundengeschäft der HSBC.

3 GBM

In Global Banking & Markets ist das Investmentbanking angesiedelt.

Was hat die HSBC bereits geerntet?

Die Entwicklung dieser Zahlen zeigt, dass die Bank ein Ziel ihrer Mittelstandsoffensive zweifelsohne erreicht hat: Sie hat deutlich mehr Kredite an Firmenkunden ausgereicht und viele neue Kundenbeziehungen geknüpft. Hinter der Erreichung des zweiten und entscheidenden Ziels, mit Mittelständlern unterhalb der Milliardenkonzerne provisionsträchtiges Zusatzgeschäft zu generieren, darf aber zumindest ein Fragezeichen gesetzt werden.

„Jetzt ist es aber notwendig, vom Säen zum Ernten überzugehen.“ 

Norbert Reis, Ex-Firmenkundenchef, HSBC Deutschland

Warum? Der ehemalige Firmenkundenchef Norbert Reis – seit Juni im Ruhestand und inzwischen durch Nicolo Salsano ersetzt – sagte im Sommer 2016 im FINANCE-Interview: „Wir haben sehr viel in neue Mitarbeiter und neue Niederlassungen investiert – insgesamt einen höheren dreistelligen Millionenbetrag. Jetzt ist es aber notwendig, vom Säen zum Ernten überzugehen.“ Die Ernte fiel seitdem jedoch karg aus: Speziell seit dem Geschäftsjahr 2016 sind sowohl der Zins- als auch der Provisionsüberschuss rückläufig – in beiden Geschäftssegmenten Commercial Banking und Global Banking & Markets.

So sehen Finanzchefs die HSBC heute

Die Hoffnungen der Bank in das deutsche Eigenkapitalmarktgeschäft (Equity Markets, ECM) hatten sich bereits 2016 verflüchtigt. „Im Bereich Eigenkapitalbeschaffung hatten wir zu viel Personal für einen Markt vorgehalten, der nicht gekommen ist“, resümierte Reis im Sommer 2016. „Viel Luft nach oben“ sah Reis dafür noch im Bereich Leveraged & Acquisition Finance und M&A.

Doch drei Jahre später spielt die HSBC im M&A-Geschäft in den Augen deutscher Finanzentscheider weiterhin eine eher untergeordnete Rolle. Im M&A-Ranking der in den Augen der CFOs besten M&A-Banken Deutschlands belegt die HSBC in der aktuellen FINANCE-Banken-Survey den siebten Platz. Im Fremdkapitalmarktgeschäft (Debt Capital Markets: DCM) erreicht die HSBC sogar nur Platz 11 – und das, obwohl über 30 Prozent der befragten Finanzchefs die HSBC zu ihren Hausbanken zählen. Keine Auslandsbank ist hier besser platziert als die HSBC. 

Dass es die HSBC bei vielen Firmenkunden in den Kernbankenreis geschafft hat, obwohl sie von Firmenkunden bei vielen Produkten nicht als führender Anbieter wahrgenommen wird, dürfte vor allem an ihrem gewachsenen Engagement in der Kreditvergabe liegen. Im deutschen Firmenkundengeschäft ist dies nach wie vor der wichtigste Türöffner. Nach der BNP Paribas wird die HSBC von Finanzentscheidern derzeit als zweitaktivste Auslandsbank im deutschen Kreditgeschäft wahrgenommen.

„Für jeden Euro Ertrag mit Firmenkunden im Inland kommt mehr als 1 Euro im Ausland hinzu.“

Nicolo Salsano, Firmenkundenchef, HSBC Deutschland

Ein starkes Zeugnis stellen CFOs und Treasurer der Bank in der Handels- und Exportfinanzierung aus. Mit beiden Produkten tun sich Banken zwar immer schwerer, Geld zu verdienen. Aber der HSBC kommt hier ihr internationales Netzwerk vor allem in Asien und Lateinamerika zu Gute. Nicolo Salsano sagte dazu in der aktuellen Mai/Juni-Ausgabe des FINANCE-Magazins: „Für jeden Euro Ertrag mit Firmenkunden im Inland kommt mehr als 1 Euro im Ausland hinzu.“ Den genauen Betrag will die Bank allerdings auch auf Nachfrage hin nicht nennen.

Wie viel hat die HSBC im Rahmen der Offensive investiert?

Gleiches gilt für die Kosten der Mittelstandsoffensive. Kündigte Stephen Price (der die Bank inzwischen verlassen und ein Start-up gegründet hat) 2014 noch an, über drei Jahre verteilt 500 Millionen Euro investieren zu wollen, zeigte sich bereits Salsanos Vorgänger Reis zurückhaltender und sprach nach zwei Jahren von einem „höheren dreistelligen Millionenbetrag“. Salsano selbst gab sich zuletzt noch vager, indem er sagte, die Frage könne man so präzise nicht beantworten, „da auf breiter Front investiert wurde“.

Für eine Annäherung bleiben daher nur die öffentlich zugänglichen Zahlen der HSBC Deutschland: Der Verwaltungsaufwand in den Segmenten CMB und GBM ist in den fünf Jahren zusammen um rund 31 Prozent auf 460,5 Millionen Euro gestiegen, wobei der Löwenanteil auf GBM entfällt. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis (Cost-Income-Ratio) ist im CMB leicht auf 58,7 Prozent gesunken, bei GBM allerdings deutlich auf 81,9 Prozent gestiegen. Das sind bessere Werte als bei vielen deutschen Banken, aber weitaus höhere Kosten in Relation zu den Erträgen als beispielsweise bei der ING. 

RWAs im Firmenkundengeschäft steigen um 39 Prozent

Die risikogewichteten Aktiva (Risk Weighted Assets, RWA) beziffert die HSBC in ihrem Risikobericht 2018 im CMB auf rund 7,1 Milliarden und im GB&M auf rund 6,7 Milliarden Euro, was einem Anstieg in fünf Jahren um 39 beziehungsweise 10 Prozent entspricht. Nennenswerte Risikovorsorge musste die Bank den Geschäftsberichten zufolge seit dem Start der Mittelstandsoffensive noch nicht betreiben, abgesehen von 6,2 Millionen im Jahr 2016 und 13 Millionen Euro im Jahr 2017.

„Wir haben keine übermäßigen Risiken durch die Offensive hereingenommen.“

Nicolo Salsano

„Wir haben keine übermäßigen Risiken durch die Offensive hereingenommen “, entgegnete Salsano auf die Frage nach der Qualität des Kreditbuchs – man verfolge die Risiken im Portfolio sehr eng. Auch die zweistufige Kapitalerhöhung im Dezember 2018 und Januar 2019 über zusammen 400 Millionen Euro sei eine normale Maßnahme, wenn man wachsen wolle. 

Das zusätzliche Polster braucht die HSBC auch, um bei kapitalintensiverem Geschäft wachsen zu können. Im Dezember 2018 holte die Bank den Private-Equity-Experten Alexander Glawe von der Credit Suisse. Zuvor holte die Bank bereits den Finanzierungsexperten Jürgen Stein von der UBS. Die ersten großen Private-Equity-Deals hat die HSBC schon an Land gezogen: Nach FINANCE-Informationen spielte die Bank sowohl bei der jüngsten Transaktion von Triton (Ifco) als auch von Advent (Methacrylatgeschäft von Evonik) mit.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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