ECB/Robert Metsch

18.10.17
Banking & Berater

So löchrig ist der neue EZB-Vorschlag für faule Kredite

Die EZB will, dass Banken ihre Problemkredite künftig vollständig mit Rückstellungen abdecken. Doch der Plan ist fragwürdig – warum genau und was er für das Firmenkundengeschäft der deutschen Banken bedeutet.

Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit Hilfe einer neuen Richtlinie erreichen, dass die von ihr beaufsichtigten Banken ihre Problemkredite vollständig durch Rückstellungen abdecken. Doch an diesem Vorhaben regt sich immer lautere Kritik. Tatsächlich stehen hinter vielen Punkten noch Fragezeichen.

Im Kern geht es der EZB darum, dass ab Januar 2018 der unbesicherte Teil eines faulen Kredits innerhalb von zwei Jahren, nachdem er zum Problemkredit wurde, zu 100 Prozent mit Rückstellungen abgedeckt sein muss. Für den besicherten Teil der sogenannten Non-Performing-Loans (NPL) sollen die Banken dafür bis zu sieben Jahre Zeit haben. „Spätestens dann müsste der Problemkredit komplett mit Rückstellungen gedeckt sein“, erklärt Carola Schuler, Managing Director der Rating-Agentur Moody’s.

NPL-Vorschriften für den Neu- oder Altbestand?

Die Folgen für deutsche Banken sind noch schwer abzusehen. Laut Schuler steht noch nicht final fest, ob der zur Diskussion gestellte Vorschlag der EZB nur für neue Problemkredite oder rückwirkend auch für den Bestand an ausfallgefährdeten Krediten gelten soll. „Bleibt der Altbestand außen vor, dürften die deutschen Banken mit der neuen Regelung wenig Probleme bekommen, da die NPL-Quoten hierzulande wegen der guten Wirtschaftslage auch in naher Zukunft sehr niedrig bleiben sollten“, meint Schuler.

Problemkredite machen laut Moody’s aktuell nur 3 Prozent des von deutschen Banken in den Büchern gehaltenen Kreditvolumens aus. 2012 lag die Quote noch bei 4,2 Prozent. Rund 60 Prozent dieser Darlehen seien zudem durch Rückstellungen abgedeckt. „Die Abdeckungsquote in Deutschland ist damit sehr gut, und die meisten deutschen Banken brauchen auch keine sieben Jahre, um ihre faulen Kredite abzuwickeln“, begründet Schuler ihre Zuversicht. Problematischer stellt sich die Lage in Italien dar, wo laut Moody's fast 16 Prozent der Bankredite notleidend sind. Laut Moody's-Konkurrent Standard & Poor's entfallen rund 30 Prozent der 865 Milliarden Euro fauler Kredite im Euroraum auf italienische Banken.

Commerzbank puffert Shipping-NPLs gut ab

Ungemütlicher würde es für deutsche Banken nur, wenn der EZB-Vorschlag rückwirkend für den NPL-Bestand umgesetzt würde. „Und selbst dann kann eigentlich nur der Altbestand der Schiffskredite problematisch werden“, meint Schuler. Deutsche Banken, allen voran die HSH Nordbank und die NordLB, sitzen noch immer auf einem großen Berg fauler Schiffskredite – obwohl die Geldhäuser ihre Exposures zuletzt schon stark reduziert haben.

Laut eines Moody’s-Berichts hat die HSH zwischen 2012 und 2016 ihr Engagement bei Schiffskrediten von 28,6 auf 17 Milliarden Euro gesenkt. Der Bestand der NordLB schrumpfte von 18,3 auf 16,7 Milliarden Euro. Die Commerzbank baute sogar rund 75 Prozent ihres Portfolios ab und hat aktuell nur noch 4,8 Milliarden Euro in den Büchern. 

Die Schrumpfung dieses Kreditbestands tut auch Not, denn die Qualität der Schiffskredite ist nach einer jahrelangen Branchenkrise bedenklich. Insgesamt sitzen die deutschen Banken immer noch auf notleidenden Schiffskrediten im Volumen von 20 Milliarden Euro. Die Abdeckungsquoten unterscheiden sich von Bank zu Bank deutlich: „Während die Commerzbank bereits 64 Prozent ihrer NPLs mit Rückstellungen abgedeckt hat, waren es bei dem schlechtesten Institut zuletzt nur 23 Prozent“, berichtet Schuler. Im Schnitt liege die Abdeckungsquote der deutschen Banken für faule Schiffskredite bei 51 Prozent.

Das heißt: Fänden die EZB-Vorschläge auch auf den Altbestand Anwendung, müssten die deutschen Banken auf Basis der aktuellen Zahlen noch fast 10 Milliarden Euro mobilisieren, um ihre Shipping-NPLs komplett abzudecken. Allerdings wird der Kreditbestand weiter schrumpfen, was auch die Kapitallücke schmälern dürfte.

EZB-Vorschlag zu NPL-Vorsorge kollidiert mit IFRS 9

Problematisch an den EZB-Vorschlägen ist laut Schuler, dass sie möglicherweise in einigen Fällen mit dem Bilanzierungsstandard IFRS 9 kollidieren. „Es kann sein, dass der EZB-Vorschlag von den Banken höhere Vorsorge für einen notleidenden Kredit fordert als in IFRS 9 zugelassen“, sagt Schuler.

Da Banken an dem Bilanzierungsstandard nicht rütteln dürfen, müsste laut Schuler aus regulatorischer Sicht der Differenzbetrag zu den von der EZB geforderten 100 Prozent vom harten Kernkapital der Bank abgezogen werden. „Dadurch kann unter Umständen Volatilität bei den Kapitalquoten der Banken entstehen“, meint Schuler. Frisches Kapital müssten sich nach Einschätzung von Moody’s aber zumindest die deutschen Geldhäuser nicht besorgen, da sie im internationalen Vergleich gut kapitalisiert seien. 

Reichen Banken höhere Kosten an Firmenkunden weiter?

Sicher wäre aber hingegen, dass im Falle einer Umsetzung der EZB-Pläne für Banken neue regulatorische Kosten entstehen würden, was ihre Margen weiter belasten würde. Dass die Banken diese Kosten an Firmenkunden weitergeben, bezweifelt Moody’s-Expertin Schuler jedoch: „Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass neue regulatorische Anforderungen wenig Einfluss auf die Preise hatten“, so die Banken-Analystin.

Bei der Konditionsgestaltung der Banken spielen schließlich nicht nur Risiko- und Kostenaspekte eine Rolle, sondern vor allem der Wettbewerb. Dieser ist vor allem in Deutschland sehr stark – nicht nur weil die unter den Schiffskrediten leidenden deutschen Bank speziell im Firmenkundengeschäft von stark expandieren Auslandsbanken unter Druck gesetzt werden.

„Neue regulatorische Anforderungen hatten in den letzten Jahren wenig Einfluss auf die Preise.“

Carola Schuler, Moody's

„Der Preisspielraum, um Marktanteile zu gewinnen, würde durch die neue Regelung geringer.“

Jan-Alexander Huber, Bain

EZB-Vorschlag könnte maximale Beleihungswerte senken

Trotzdem kann sich der Bankenspezialist Jan-Alexander Huber von der Unternehmensberatung Bain vorstellen, dass die neuen NPL-Regeln nicht spurlos am Kreditmarkt vorüber gingen: „Der Spielraum, Kredite günstiger zu bepreisen, um Marktanteile zu gewinnen, würde durch die neue Regelung auf jeden Fall geringer“, glaubt Huber. 

Auch kann er sich vorstellen, dass die neue Handhabe von Problemkrediten beim Neugeschäft zu einem Umdenken bei den Beleihungswerten führen kann. Dieser ergibt sich aus einem Risikoabschlag auf den Wert des Assets, das als Kreditsicherheit dient. Das Ergebnis dieser Kalkulation markiert die Obergrenze für die Höhe des Kredits. „Denkbar wäre, dass die Banken die maximalen Beleihungswerte senken und der Firmenkunde für sein Investitionsvorhaben dadurch mehr Eigenkapital einbringen muss“, mutmaßt Huber.

Dass es soweit kommt, ist allerdings unwahrscheinlich. Da die EZB ihren Vorschlag zur Konsultation freigegeben hat, haben die Banken nun die Möglichkeit, ihre Standpunkte deutlich zu machen. Es ist davon auszugehen, dass sich vor allem der italienische Banking-Sektor stark bemühen wird, zumindest die Wirkung auf schon bestehende NPLs zu verhindern. Eine denkbare Kompromisslinie beschreibt Moody’s-Expertin Schuler: „Auch hier gilt wie bei regulatorischen Themen üblich das Comply-or-Explain-Prinzip“, sagt Schuler. Das bedeutet, dass jede Bank einzeln mit der EZB über das nach ihrer Meinung angemessene Vorsorgeniveau diskutieren kann. Läuft dieser Prozess einmal, ergeben sich große Spielräume, den jetzt lancierten harten NPL-Ansatz der EZB deutlich abzuschwächen.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die EZB könnte mit ihrem Vorschlag zur Handhabe fauler Kredite neuen Schwung ins Firmenkundengeschäft bringen. Lesen sie mehr zu dem umkämpften Markt auf der FINANCE-Themenseite.