Neun Leute, zwei besondere Produkte, ein ehrgeiziger Plan: Findet die Silicon Valley Bank in Deutschland das neue Cisco?

Silicon Valley Bank

16.07.18
Banking & Berater

So will die Silicon Valley Bank in Deutschland expandieren

Die Silicon Valley Bank nimmt den deutschen Markt in Angriff – mit einem bekannten Ex-Commerzbanker und zwei für Deutschland exotischen Finanzierungsprodukten.

Mit ihrem ersten Büro auf dem europäischen Festland in Frankfurt will die Silicon Valley Bank (SVB) bestimmte Nischen des deutschen Finanzierungsmarkts erobern. Insgesamt betreibt die vor 35 Jahren in Kalifornien gegründete Bank weltweit 30 Büros, die meisten davon in den USA. Auslands-Dependancen gibt es bislang nur in Israel, China und in London.

Geleitet wird das aktuell neunköpfige Frankfurter Team von den beiden langjährigen SVB-Bankern Oscar Jazdowski und John Peck. Am bekanntesten ist aber Christian Hoppe, der bis vergangenes Jahr den Fintech-Brutkasten der Commerzbank („Main Incubator“) geleitet hat.

„Die Silicon Valley Bank betreibt ausschließlich Kreditgeschäft, keine Corporate-Finance- und M&A-Beratung“, beschreibt Hoppe die Aufstellung seines neuen Arbeitgebers. Der Anspruch der Amerikaner laut Hoppe: „Wir verstehen Technologie und die darauf aufsetzenden Geschäftsmodelle besser als die normalen Banken.“

Zielgruppe für Venture Debt ist erstaunlich groß

So forsch das auch klingt – in den direkten Clinch mit den etablierten Banken im Mittelstand wird die Silicon Valley Bank so schnell nicht kommen. Dafür sorgt schon allein das hohe Gewicht, das die Start-up-Finanzierung im Kreditportfolio der Kalifornier einnimmt. Ihr Kernprodukt ist das so genannte „Venture Debt“ – Kreditlinien für stark wachsende Jungunternehmen.

Konkurrenz gibt es in dieser Finanzierungsnische in Deutschland so gut wie keine. Laut Hoppe sind hier aktuell nur wenige, hauptsächlich ausländische Fonds mit Venture Debt unterwegs – und nur eine einzige Bank. „Deutschland liegt bei Venture Debt Jahre hinter anderen Ländern zurück.“

Trotzdem ist die potentielle Kundengruppe erstaunlich groß. Jedes Jahr wickeln in Deutschland im Schnitt über 50 Jungunternehmen Finanzierungsrunden mit Volumina von mehr als 10 Millionen Euro ab, womit sie sich grundsätzlich für Venture Debt qualifizieren. 

Silicon Valley Bank finanziert Lilium und Hello Fresh

Die kleinsten Kredite der Silicon Valley Bank gibt es schon ab etwa 1 Million Dollar – aber nur als Ergänzung zu parallel laufenden, wesentlich größeren Eigenkapitalrunden. „Venture Debt kann nie Eigenkapital ersetzen, das halten wir für nicht wirklich sinnvoll“, warnt Hoppe. „Wir arbeiten gerne mit diesem Produkt, aber nur in Verbindung mit entsprechenden Eigenkapitalfinanzierungen. Sonst drohen Ausfälle, und diese würden das Produkt diskreditieren.“

Zu deutschen Unternehmen, die von der SVB Venture Debt erhalten haben, zählen beispielsweise der inzwischen börsennotierte Kochboxenversender Hello Fresh und das von prominenten Business Angels finanzierte Hightech-Unternehmen Lilium, das ein elektrisch betriebenes Flugtaxi mit großer Reichweite entwickelt.

Zusätzliches Geschäft in Deutschland erhofft sich die SVB mit Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds. Neben der Akquisitionsfinanzierung für Leveraged Buy-outs tritt die SVB in dieser Zielgruppe noch mit einem zweiten, wesentlich selteneren Produkt an, den so genannten „Capital Call Lines“. Diese nutzen die Finanzinvestoren als Brückenfinanzierung, wenn sie den Kaufpreis für ein neues Portfoliounternehmen auf den Tisch legen müssen, sie die von ihren Investoren dafür zugesagten Mittel aber erst später abrufen können.    

Silicon Valley Bank träumt vom Mittelstand

Langfristig wollen die Amerikaner auch in der Mittelstandsfinanzierung Fuß fassen. Dort aber erwartet sie die mit Abstand härteste Konkurrenz. Selbst wenn sie die Gewinnschwelle noch nicht ganz erreicht haben, finden technologiestarke Mittelständler in Deutschland in aller Regel schon jetzt Zugang zu Bankkrediten. „Wir werden auf keinen Fall in einen Preiskampf einsteigen, um im Mittelstand Fuß zu fassen“, stellt Hoppe klar. 

Der Ex-Commerzbanker möchte die Silicon Valley Bank – wie alle Konkurrenten auch – gerne als „Relationship-Bank“ positioniert sehen. Doch um die dafür nötigen Kundenbeziehungen aufzubauen, wird die Bank einen langen Atem brauchen. Vorbild soll der Heimatmarkt sein: „In den USA gibt es viele Unternehmen, die wir als Finanzierungspartner während ihres gesamten Aufstiegs begleitet haben“, erzählt Hoppe.

„Wir werden auf keinen Fall in einen Preiskampf einsteigen, um im deutschen Mittelstand Fuß zu fassen.“

Christian Hoppe, Silicon Valley Bank

Den heutigen Weltkonzern Cisco etwa habe die SVB schon in der Startphase mit Venture Debt versorgt. Bis die ersten deutschen Start-ups, mit denen die Amerikaner gerade die ersten Geschäftskontakte knüpfen, in die Größenordnung Mittelstand aufsteigen, werden aber noch Jahre vergehen.  

Vorbild ist das Londoner Team

Entsprechend zugeknöpft gibt sich Hoppe beim Thema Budget. „Auf keinen Fall ist es unser Ziel, so schnell wie möglich ein großes Kreditbuch aufzubauen“, sagt der Banker. Stattdessen strebt er eine tiefe Verankerung in der deutschen CFO-Landschaft an: „Jedes Unternehmen, das innovativ, disruptiv und technologiegetrieben ist, sollte bei Finanzierungsbedarf die Idee haben, bei uns anzurufen. Wenn wir dort hinkommen, hätten wir extrem viel richtig gemacht.“  

Doch ganz von Zielvorgaben wird sich auch das deutsche Team der Silicon Valley Bank nicht freimachen können. Dass das weltweite Kreditbuch aktuell rund 25 Milliarden Dollar umfasst, zeigt, dass die Bank selbst alles andere als ein Start-up ist, auch wenn das Auftreten ihrer Banker dieses Flair verströmen soll. In London hat es die Silicon Valley Bank nach eigenen Angaben in weniger als fünf Jahren geschafft, ein Kreditbuch von 2 Milliarden Dollar aufzubauen. 

„Jedes innovative, disruptive Unternehmen mit Finanzierungsbedarf soll zuerst bei uns anrufen.“

Christian Hoppe

Zu den Kreditnehmern der englischen Kollegen gehört zum Beispiel das Web-Portal Secret Escapes, das erst im Herbst von dem Singapurer Staatsfonds Temasek und der französischen Idinvest eine Finanzspritze über 111 Millionen Dollar erhalten hat – und zusätzlich Venture Debt von der Silicon Valley Bank. Das Reiseportal steht an der Schwelle zum Milliardenunternehmen. In der deutschen Start-up-Welt werden meistens kleinere Brötchen gebacken.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de