Die Crédit Agricole macht Ernst mit ihrer Deutschland-Strategie. Frankreichs zweitgrößte Bank übernimmt die IKB Deutsche Industriebank von dem Private-Equity-Investor Lone Star Funds. Für die Franzosen handelt es sich um einen der größten Zukäufe in Deutschland.
Crédit Agricole finanziert die Transaktion vollständig aus eigenen Mitteln. Der Kaufpreis wurde nicht genannt. Der Deal wirkt sich auf die harte Kernkapitalquote CET1 der Muttergesellschaft mit rund 20 Basispunkten negativ aus. Der Vollzug steht unter dem Vorbehalt kartellrechtlicher Freigaben, der Prüfung nach der EU-Verordnung über drittstaatliche Subventionen sowie der Genehmigung durch die Europäische Zentralbank. Der Abschluss ist für Ende des zweiten Quartals 2027 geplant. Die Kanzlei Hengeler Mueller beriet Lone Star bei der Transaktion.
Vollständig überraschend kommt der Deal nicht. Gerüchte über ein Interesse der Franzosen an der IKB gab es schon seit Wochen. Trotzdem wich Crédit-Agricole-Chef Olivier Gavalda noch vergangene Woche in Frankfurt gezielt Fragen nach einem möglichen IKB-Interesse aus: „Wir konzentrieren uns auf unser organisches Wachstum. Aber wir ergreifen auch Möglichkeiten, wenn sie sich bieten.“
Deutschland als Kernmarkt für Crédit Agricole
Die IKB-Übernahme zahlt dabei auf die ausgerufene Strategie ACT2028 ein. Mit dieser Demnach wollen die Franzosen ihren deutschen Marktanteil im Firmenkundengeschäft ausbauen und tiefer in den Mittelstand vordringen. Künftig will die Bank auch Unternehmen ab einem Umsatz von 500 Millionen Euro ansprechen. Bislang lag die Untergrenze bei einer Milliarde Euro Umsatz. Mit der IKB bekommt die Bank nun auf einen Schlag eine etablierte Kundenbasis im deutschen Mittelstand und ein Netzwerk in diesem Segment.
Die IKB ist auf den gehobenen deutschen Mittelstand spezialisiert und bietet ihre Dienstleistungen sektorübergreifend ab einem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro an. Die IKB beschäftigt rund 600 Mitarbeiter an sechs Standorten, darunter Berlin, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart. Zum Jahresende 2025 wies die Bank mit Stammsitz in Düsseldorf eine Bilanzsumme von 14,3 Milliarden Euro aus, das Kreditvolumen lag bei 8,2 Milliarden Euro. Das Neugeschäft legte 2025 um 27 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro zu, nachhaltige Finanzierungen machten dabei rund 32 Prozent aus. Den Jahresüberschuss bezifferte die IKB auf rund 61 Millionen Euro.
IKB war 18 Jahre in Private-Equity-Hand
Lone Star hatte die IKB 2008 in einer Notrettung übernommen, nachdem sie sich mit Engagements in US-amerikanischen Subprime-Produkten in der Finanzkrise schwer verkalkuliert hatte. Der Finanzinvestor restrukturierte die Bank grundlegend und brachte sie wieder auf einen profitablen Kurs.
Den Ausstieg versuchte Lone Star allerdings schon deutlich früher: Bereits 2010 sondierte der Investor erste Verkaufsoptionen, immer wieder galt BNP Paribas als möglicher Käufer. Zuletzt kursierten zudem Gerüchte, dass auch die Helaba einen Kauf der IKB prüfe und eine Offerte von über 600 Millionen Euro in Betracht ziehe. Den Zuschlag bekamen nun jedoch die Franzosen.
Crédit Agricole baut paneuropäische Mittelstandsplattform
Für Crédit Agricole ist der Zukauf Teil einer größeren Strategie. Der Konzern will eine paneuropäische Plattform für mittelständische Unternehmen aufbauen, die auf drei Märkten fußt: Frankreich, wo Crédit Agricole nach eigenen Angaben der größte Unternehmensfinanzierer ist, Italien, wo Crédit Agricole Italia mehr als sechs Millionen Kunden betreut, und künftig Deutschland.
Den aktuellen Marktanteil der Crédit Agricole Corporate and Investment Bank in Deutschland beziffert der Konzern nach Daten von Refinitiv auf rund 3,5 Prozent. Sektoral will Crédit Agricole dabei vor allem in den Bereichen Rüstung, Technologie sowie Agrar- und Lebensmittelindustrie zulegen, also in Segmenten, in denen der Konzern europaweit bereits stark aufgestellt ist. Im FINANCE Banken-Survey landete die CR auf dem 18. Platz.
Frederic Haupt ist Redakteur bei FINANCE und betreut schwerpunktmäßig die Themen Private-Equity und M&A. Er hat Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Media University (ehemals HMKW) studiert. Nach dem Studium hat er sein Volontariat bei F.A.Z. Business Media absolviert und dabei neben FINANCE für weitere Publikationen des Verlags gearbeitet, unter anderem für die Personalwirtschaft und das Wir-Magazin.
