Schon länger gab es keinen so politisch aufgeladenen M&A-Deal wie die Übernahme von Covestro durch die Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc). Der staatseigene Ölkonzern der Vereinigten Arabischen Emirate hat den deutschen Chemieriesen für 14,7 Milliarden Euro übernommen. Im Mai dieses Jahres erfolgte die Freigabe der Transaktion, die dafür sorgt, dass ein weiteres deutsches Unternehmen in ausländische Hände wandert.
Mittendrin: der Morgan-Stanley-Banker Jens Maurer. Er war beratend auf der Seite von Adnoc tätig und hat es mit diesem Deal, sowie mit der Übernahme von DB Schenker durch DSV, im vergangenen Jahr auf den zweiten Platz im Mergerlinks-Ranking der Top-Dealmaker in der DACH-Region geschafft. Heute zieht Maurer bei den relevantesten und komplexesten Transaktionen der Bundesrepublik die Fäden, und das, obwohl sein Sprung ins Investmentbanking eher Zufall war.
Info
Dieser Artikel ist der dritte Teil der neuen Staffel unserer Serie „Deutschlands Top-Dealmaker“, in der wir Ihnen die Macherinnen und Macher hinter den spannendsten Deals in der Bundesrepublik vorstellen. Seien Sie gespannt! Hier finden Sie die Teile der vergangenen Staffeln sowie alle künftigen Top-Dealmaker.
Jens Maurer zieht aus dem Allgäu in die weite Welt
Denn ursprünglich wollte sich der im Allgäu aufgewachsene Maurer nach dem Studium an der Europäischen Wirtschaftshochschule, das ihn nach Paris, Oxford und Berlin brachte, selbstständig machen. „Ich hatte bereits Erfahrung mit der Gründung von Start-ups gesammelt, als ich über einen Mitbewohner zufällig auf das Thema M&A gestoßen bin“, berichtet der Investmentbanker im Gespräch mit FINANCE.
Schnell fand Maurer Gefallen an dem, was „seine späteren Kollegen so machten“, und bewarb sich um ein Praktikum bei Morgan Stanley – dem Unternehmen, dem er bis heute treu geblieben ist. Nach Abschluss des Praktikums blieb Maurer mit der Investmentbank in Kontakt, um dort schließlich im Jahr 1999 als Analyst anzuheuern. In London stieß er in das Team von Dietrich Becker, der heute Partner und President bei Perella Weinberg Partners und ebenfalls einer unserer diesjährigen Top-Dealmaker ist.
„Die Intensität, die Motivation aller Beteiligten, die vielen Freiheiten, und dass man schnell viel Verantwortung übernehmen darf, haben mir sehr gefallen.“
Jens Maurer über die Vorzüge des Investmentbankings
Doch die Karriere im Investmentbanking war damals noch nicht in Stein gemeißelt: „Ich hatte zunächst nicht vor, lange im Banking zu bleiben“, gesteht Maurer. Aber es kam anders. Bereits von Beginn an schätzte er es, ein „Handwerk“ in einer gut strukturierten Organisation zu erlernen, wie er die M&A-Beratung nennt. „Die Intensität, die Motivation aller Beteiligten, die vielen Freiheiten, und dass man schnell viel Verantwortung übernehmen darf, auch in jungen Jahren, haben mir ebenfalls sehr gefallen.“
Jens Maurer lernt viel von seinen Dealmaking-Vorbildern
Und die Begeisterung für die Welt der Fusionen und Übernahmen wuchs stetig weiter. Im Zuge einer internen Rotation wechselte Maurer einige Jahre später als Associate zunächst temporär nach Frankfurt. Der Stadt am Main ist Maurer bis heute treu geblieben, bis auf eine Ausnahme: Das Jahr 2010 brachte ihn noch einmal für eine Management-Position nach London.
An der Hauptstadt Großbritanniens schätzt Maurer insbesondere die vielen verschiedenen Kulturen, die in der Metropole aufeinandertreffen. Die Internationalität und Vorzüge der zentralen Lage innerhalb Deutschlands und Europas haben ihn aber schnell von Frankfurt überzeugt. „Im Allgäu wäre ich vermutlich ohnehin nicht geblieben, das war mir dann doch zu klein“, sagt der Morgan-Stanley-Banker.
Wichtig für seinen Karriereweg waren auch seine Wegbegleiter, allen voran Dieter Turowski. Er leitete das europäische Tech-M&A-Geschäft von Morgan Stanley, als Maurer zu der Bank kam, und verantwortete später das gesamte europäische M&A-Geschäft der Investmentbank. „Er hat mich inspiriert, als Banker und als Person“, bestätigt Maurer. Immer im Dienst des Kunden stehen: Dieses Leitmotiv prägt Maurer bis heute.
Seit 2023 leitet Maurer das deutsche Investmentbanking
Der Banker, der ungern im Mittelpunkt steht, kletterte in den darauffolgenden Jahren bei Morgan Stanley immer weiter die Karriereleiter nach oben. Ende 2007 wurde Maurer frühzeitig zum Executive Director befördert, drei Jahre später folgte schließlich die Ernennung zum Managing Director.
Als Kai Tschöke, damals noch Leiter des M&A-Geschäfts für Deutschland und Österreich bei Morgan Stanley, im Jahr 2013 zu Rothschild & Co wechselte, übernahm Maurer die Verantwortung für das M&A-Geschäft in der Region.
Zum Leiter des Investmentbankings in Deutschland und Österreich stieg der heute Anfang 50-Jährige schließlich im Jahr 2017 gemeinsam mit Johann von Wersebe auf, als sein Vorgänger Christian Zorn die US-Bank verließ. Die Position hat er seit Mitte 2023 allein inne, damals war sein Co-Leiter von Wersebe zu Perella Weinberg Partners gewechselt. Damit ist Maurer nun seit über 26 Jahren bei Morgan Stanley tätig.
Aber was hält einen Investmentbanker für mehr als zwei Jahrzehnte bei demselben Haus? Maurer nennt drei Aspekte: „Für mich ist es ein Privileg, jeden Tag mit smarten und engagierten Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, sowohl in meinem Team als auch mit meinen Kunden.“ Außerdem weiß der Banker das internationale Setting und die unterschiedlichen Kulturen, die im M&A-Geschäft häufig aufeinandertreffen, zu schätzen – ebenso wie die steile Lernkurve, die das Investmentbanking nach wie vor bietet.
Maurers liebste Deals sind groß, komplex und cross-border
Mindestens genauso wichtig sind Maurer aber langfristige Kundenbeziehungen. Zu vielen Unternehmen pflegt er nach eigener Aussage seit Jahren Kontakt. Zahlreiche Konzerne hat er auch schon bei mehreren M&A-Vorhaben begleitet, wie etwa die Deutsche Bahn, Bayer, Lufthansa oder Linde.
Die Transaktionen, die Maurer am liebsten berät, haben dabei allesamt ein Muster: Es handelt sich um große, zumeist öffentliche Übernahmen mit einer gewissen Komplexität und über Landesgrenzen hinweg. „Dabei kommen alle Kompetenzen, die man sich über die Jahre angeeignet hat, zum Einsatz“, beschreibt Maurer. Zudem machen dem Banker Deals mit intensiven Phasen Spaß: „Auf diese muss man sich besonders gut vorbereiten: Wie gehe ich taktisch und strategisch am besten vor? Was ist der beste Rat, den ich meinem Kunden geben kann?“
Im Investmentbanking gehe es aber mindestens genauso häufig um gute Beziehungen im Team wie um gute Beziehungen zu Kunden und externen Beratern. Eine Ellenbogenkultur, wie sie dem Banking häufig nachgesagt wird, lehnt Maurer strikt ab: „In unserem Job geht es vielmehr um stringente und erfolgreiche Prozessführung. Und diese ist am ehesten im Sinne des Kunden und der Sache, wenn man im Team gut zusammenarbeitet.“ Mancher Banker verwechsele dies lediglich damit, sein Ego gegen das der anderen auszuspielen.
Maurer ist Morgan Stanley seit über 25 Jahren treu
Dass Maurer viel Wert auf ein harmonisches Miteinander legt, merkt man auch im Gespräch. Er redet ruhig, wählt Worte mit Bedacht aus, gibt sich zwischendurch auch mal humorvoll. Wegbegleiter bestätigen den Eindruck: „Jens ist ein außergewöhnlich sympathischer Kollege. Es macht wirklich viel Spaß, mit ihm zu arbeiten“, sagt etwa eine Kollegin über den Dealmaker.
Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. „Ich fühle mich bei Morgan Stanley sehr wohl und kann mir aktuell nicht vorstellen, woanders zu arbeiten“, ergänzt Maurer. Der Dealmaker ist der Überzeugung, dass es für Menschen, die sich für Corporate Finance interessieren, gern analysieren und gemeinsam an komplexen sowie wirtschaftlich relevanten Transaktionen arbeiten, „keinen besseren Arbeitgeber als Morgan Stanley“ gibt. Auch deshalb habe er nie das Unternehmen gewechselt.
„Jens ist ein außergewöhnlich sympathischer Kollege. Es macht wirklich viel Spaß, mit ihm zu arbeiten.“
Eine Wegbegleiterin von Jens Maurer
„Das Kundengeschäft motiviert mich sehr. Ich darf zwischen verschiedenen Parteien vermitteln, kann Brücken schlagen“, so Maurer. Doch der Investmentbanker hat innerhalb der Organisation auch eine Führungsrolle. Kommt da das Dealmaking nicht manchmal zu kurz? „Die Management-Aufgaben vereinnahmen mich nicht so stark, wie man vielleicht denken mag. Unsere Organisation ist sehr effizient und partnerschaftlich geprägt. Außerdem mag ich die Kombination beider Tätigkeiten“, sagt der Investmentbanker. Neben strategischen Themen sind ihm dabei die Teamentwicklung und Nachwuchsförderung wichtige Anliegen.
Spaß macht Maurer der Job auch in einer wirtschaftlich herausfordernden Zeit wie aktuell, in der deutlich weniger Transaktionen zum Abschluss kommen als üblich. „Das gehört zum Geschäft dazu“, resümiert der Banker, und ergänzt abschließend: „Ein Deal-Abschluss ist natürlich schön, aber entscheidend ist es, den Kunden richtig zu beraten.“ Auch wenn das mal bedeute, von einem Deal abzuraten.
Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE sowie Chefin vom Dienst bei FINANCE-Online und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Private-Equity- und M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.
