Recruiting-Flaute im Investmentbanking drückt Gehälter

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M&A-Spezialisten haben es am Jobmarkt derzeit nicht leicht. Foto: Andrii Yalanskyi – stock.adobe.com
M&A-Spezialisten haben es am Jobmarkt derzeit nicht leicht. Foto: Andrii Yalanskyi – stock.adobe.com

Wenige M&A-Deals, die es über die Ziellinie schaffen, maue oder gänzlich ausgefallene Bonusrunden und mancherorts gar Stellenstreichungen: M&A-Berater und Investmentbanker haben es aktuell nicht leicht.

Hinzu kommt: Die Deal-Spezialisten können die derzeitige Flaute am M&A-Markt nicht etwa zum Auftanken ihrer Energiespeicher nutzen, sondern müssen weiterhin hart sowie an noch mehr Pitches arbeiten. Allerdings entwickeln sich verhältnismäßig wenig Projekte aus der M&A-Pipeline auch in konkrete Transaktionen. Das sorgt bei den Deal-Spezialisten für einen besonders hohen Frustrationsgrad – mit gravierenden Folgen.

M&A-Experten reißen sich um wenige freie Stellen

Headhunter berichten im Gespräch mit FINANCE, dass die aktuelle Marktlage vergleichsweise viele M&A-Berater dazu bewegt, sich nach anderen Job-Opportunitäten umzuschauen. Einige halten Ausschau nach Häusern mit mehr Dealflow oder einer besseren Bezahlung. Wiederum andere erwägen sogar einen Ausstieg aus dem Investmentbanking und einen Wechsel in Richtung Private Equity, in die Strategieberatung oder ins Corporate-M&A-Geschäft.

Doch der Recruiting-Markt für M&A-Spezialisten ist zurzeit vertrackt. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens: „Aktuell gibt es im M&A-Bereich einen Überhang an Kandidaten im Vergleich zu den ausgeschriebenen Stellen; der Markt ist extrem kompetitiv“, berichtet Johannes Schneider, Mitgründer der Corporate-Finance-Recruiting-App Finpleo.

„Der Recruiting-Markt für M&A-Spezialisten ist aktuell extrem kompetitiv.“

Johannes Schneider, Mitgründer von Finpleo

Er beobachtet, dass eine Karriere im Investmentbanking derzeit besonders angesagt ist – auch, weil es immer mehr Finfluencer gibt, die auf dieses Berufsbild aufmerksam machen. Das größere Interesse an dem Job trifft jedoch auf die Flaute am M&A-Markt und die damit verbundene restriktivere Einstellungspolitik der Banken und Beratungshäuser.

Das hat laut dem Personalexperten zur Folge, dass sogar gute Kandidaten – mit ausgezeichneten Noten und einschlägigen Lebensläufen – Schwierigkeiten haben, einen Job in der M&A-Beratung oder im Investmentbanking zu finden. Selbst Kandidaten, die bereits ein erfolgreiches Praktikum bei dem jeweiligen Haus absolviert haben, würden zum Teil nicht übernommen, berichtet Schneider.

Private Equity sucht kaum M&A-Professionals

Der zweite Grund, weshalb der Recruiting-Markt für M&A-Spezialisten derzeit schwierig ist: Vor allem jüngere M&A-Berater und Investmentbanker, die sich umorientieren möchten, stoßen an ihre Grenzen. Denn ein Ausstieg aus dem Banking ist für sie aktuell nicht ohne Weiteres möglich. „Private-Equity-Fonds etwa suchen zurzeit kaum Juniors“, nennt ein Personalberater, mit dem FINANCE gesprochen hat, ein Beispiel. „Finanzinvestoren suchen im Moment eher Mitarbeiter für operative Themen oder für die Finanzabteilung in ihren Beteiligungen“, so der Headhunter weiter.

Und nicht nur das: Außerdem ist der Wettbewerb um Stellen im Private-Equity-Geschäft sehr groß. „Meistens konkurrieren Bulge-Bracket-Investmentbanker um die wenigen verfügbaren PE-Stellen“, so der Headhunter weiter. M&A-Spezialisten aus kleineren Häusern hätten dagegen schlechtere Chancen. „Zudem strömen sehr gute Kandidaten aus Großbritannien und aus der Schweiz auf den deutschen Jobmarkt, was den Konkurrenzdruck noch weiter erhöht.“

Sein Tipp: „M&A-Abteilungen von Unternehmen rekrutieren gerade recht offensiv, auch jüngere Mitarbeiter.“ Dort können M&A-Experten nicht nur auf auskömmliche Gehälter hoffen, sondern auch auf geregelte Arbeitszeiten. Eine weitere Alternative sei eine Stelle in einer mittelständischen Finanzabteilung. Dort hätten (auch jüngere) M&A-Professionals Chancen auf einen Job – vor allem, wenn es nicht zwingend im M&A-Bereich sein muss. „Für strategische Rollen, zum Beispiel im CFO-Office, sind M&A-Experten ebenfalls geeignet“, findet der anonyme Personalberater.

Wie M&A-Professionals bei Recruitern punkten

M&A-Professionals, die den Entschluss gefasst haben, ihren Arbeitgeber zu verlassen – egal, ob sie in der Branche bleiben möchten oder einen Branchenwechsel anstreben –, sollten entsprechend Geduld und Kompromissbereitschaft mitbringen. „Erstmals seit vielen Jahren zeigen die Gehälter im Investmentbanking nicht mehr steil nach oben“, beobachtet Personalexperte Schneider. Wer jetzt versuche, bei Gehaltsverhandlungen noch „10 Prozent mehr herauszuholen, riskiert den Job“.

„Wer jetzt versucht, bei Gehaltsverhandlungen noch 10 Prozent mehr herauszuholen, riskiert den Job.“

Johannes Schneider, Finpleo

Wechselwillige Kandidaten, die sich in Gehaltsgesprächen gut positionieren wollen, sollten daher umso mehr auf ihre Fähigkeiten achten. Punkten können M&A-Experten beispielsweise mit Sektorexpertise, etwa im Technologiebereich. Darüber hinaus seien neben fachlichem Wissen vor allem Soft Skills gefragt, zudem hätten Frauen im Investmentbanking bessere Einstellungschancen, berichten Personalberater.

Finpleo-Gründer Schneider rät Kandidaten zudem, sich bei Häusern zu bewerben, die Abgänge kompensieren müssen – ohne dabei das Arbeitsklima und den Dealflow aus den Augen zu verlieren. „Schließlich weiß man ja nie ganz genau, warum eine Person gegangen ist“, so der Personalberater. Gute Erfolgschancen rechnet Schneider zudem Kandidaten zu, die nach Jobs im Small-Cap-Bereich oder Lower Midmarket suchen. Hier seien viele Häuser gerade dabei, Marktanteile auszubauen. „Und auch im Distressed-M&A-Bereich suchen mehr Häuser nach Mitarbeitern“, so der Personalexperte.

Headhunter: Flaute im Investmentbanking noch nicht vorbei

Ein finaler Aspekt eint alle M&A-Professionals: „Die Hoffnung ist groß, dass sich die Stimmung am M&A-Markt wieder aufhellt“, so Personalexperte Schneider. Er ist jedoch der Überzeugung, dass die Talsohle noch nicht durchschritten ist, und macht das unter anderem an vielen Gesprächen mit Arbeitnehmern fest. Wer also überlegt, den Arbeitgeber zu wechseln, sollte nicht darauf warten, dass sich der Recruiting-Markt wieder dreht – denn bis das geschieht, könnte es noch eine Weile dauern.

Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE sowie Chefin vom Dienst bei FINANCE-Online und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Private-Equity- und M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.