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Wie gewonnen, so zerronnen

Harte Zeiten für EY: Der Prüfer gewann einst viele neue Dax-Mandate, die er nun teilweise wieder abgeben muss. Davon profitiert die Konkurrenz.
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Seit 2016 ist die gesetzliche Prüferrotation im Gange, sie brachte viele Veränderungen für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Unternehmen mit sich. Die Verteilung der Mandate auf die im Dax 30 gelisteten Firmen ist im Vergleich zu vor fünf Jahren kaum noch wiederzuerkennen: 20 Unternehmen haben ihren Wirtschaftsprüfer bereits gewechselt oder haben es in Kürze vor, innerhalb der Big Four – KPMG, PwC, Deloitte und EY – gab es daher deutliche Verschiebungen (siehe Tabelle).

Am meisten an Kundschaft eingebüßt hat KPMG: Prüfte die Gesellschaft 2016 noch 18 Dax-Konzerne, sind es heute nur noch 11. Der einstige Platzhirsch musste viele namhafte Kunden ziehen lassen: BMW, Henkel, Allianz oder die Deutsche Bank. Hinzugekommen sind nur wenige neue Mandanten in der ersten Börsenliga. Dazu zählt seit 2021 erstmals E.on, das seine Bilanzen zuvor von PwC absegnen ließ. Dabei hatte KPMG bei vielen Dax-Unternehmen seinen Hut in den Ring geworfen, zum Beispiel bei Heidelbergcement oder Volkswagen, blieb allerdings ohne Erfolg.

PwC ist die neue Nummer 1 im Dax

Die Folge: KPMG musste seine Spitzenposition abgeben, der neue Marktführer im Dax-30-Segment ist seit diesem Jahr PwC. Die WP-Gesellschaft hat seit 2016 einige namhafte Kunden gewonnen, etwa Henkel, Fresenius und Fresenius Medical Care. Vor wenigen Wochen wurde zudem bekannt, dass PwC ab sofort neuer Abschlussprüfer von Continental wird, KPMG hingegen muss das Mandat abgeben. Und PwC kann seit diesem Jahr einen weiteren Erfolg verbuchen: Die Gesellschaft wurde von der Deutschen Börse als neuer Abschlussprüfer gewählt. Um das Mandat hatte auch EY gekämpft. Inzwischen prüft PwC 12 der 30 größten Aktiengesellschaften.

Deutliches Schlusslicht im Kampf um die Dax-Mandate war bisher Deloitte. Die Gesellschaft hatte 2015 Bayer als neuen Kunden gewonnen, seither war es ruhig geworden um Deloitte. Zwar bewarben sich die Münchener um Unternehmen wie Henkel oder die Commerzbank, gingen aber leer aus. Doch vor kurzem gab es wieder einen Erfolg zu vermelden: Die Deutsche Post, bisher von PwC geprüft, hat Deloitte zum neuen Abschlussprüfer 2023 gewählt. Damit lassen sich Stand jetzt künftig zwei Dax-Unternehmen von Deloitte prüfen. Gleichzeitig legte Deloitte in den vergangenen Jahren massiv im Beratungsgeschäft zu.

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EY verliert Prüfmandate nach Wirecard

Die Verteilung der Prüfmandate in Deutschlands erster Börsenliga ist jedoch keineswegs zementiert, denn in den kommenden zwei Jahren stehen noch Prüferwechsel bei zehn Dax-Unternehmen bevor. Hinzu kommt die Unsicherheit durch den Wirecard-Skandal: Wie geht es mit dem ehemaligen Abschlussprüfer des Münchener Zahlungsanbieters EY weiter?

Noch vor dem Bilanzskandal galt EY als überraschender Gewinner der Prüferrotation, denn die Gesellschaft hatte innerhalb kürzester Zeit einen Dax-Kunden nach dem nächsten gewonnen, etwa die Deutsche Bank, Münchener Rück oder Volkswagen. Doch nach der Insolvenz von Wirecard vor gut einem Jahr ist EY erheblich unter Druck geraten. Das Big-Four-Haus, das die Bilanzen des ehemaligen Dax-Konzerns jahrelang uneingeschränkt testiert hatte, steht vor einer Klagewelle.

Der Fall hat EY im vergangenen und in diesem Jahr zudem einige der erst kurz zuvor gewonnenen Mandate gekostet. Mit Bezug auf den Skandal wird EY zum Beispiel ab 2022 die Commerzbank als Kunden verlieren, nach einer Prüfungsdauer von nur vier Jahren. Auch die Deutsche-Bank-Tochter DWS kehrt EY den Rücken, ursprünglich sollte die Geschäftsbeziehung dieses Jahr starten. In beiden Fällen ging das Mandat stattdessen an KPMG. Außerdem hat sich die KfW, für die zurzeit EY tätig ist, den Prüfer gewechselt: Ab 2022 wird Deloitte die Bilanzen prüfen.

EY muss herbe Kritik von Aktionären einstecken

Und nun sind auch Dax-Mandate betroffen: Ursprünglich sollte EY ab diesem Jahr mit der Prüfung der Deutschen Telekom beginnen, doch der Telekomkonzern hat sich wegen des Wirecard-Skandals kurzfristig dazu entschieden, vorerst am bestehenden Wirtschaftsprüfer PwC festzuhalten. Schlechte Aussichten hat EY auch bei der Deutschen Bank. Auf der Hauptversammlung äußerten verschiedene Aktionäre Kritik daran, dass die Bank an dem Abschlussprüfer festhält. „Der Fall Wirecard stellt ein Totalversagen von EY dar“, begründete ein Deutsche-Bank-Aktionär seinen Unmut.

Zwar wurde EY letztlich doch zum Konzernprüfer für 2021 gewählt – aber Aufsichtsratschef Paul Achleitner ließ sich davon überzeugen, dass Mandat für 2022 neu auszuschreiben. Er lobte die Arbeit von EY bei der Deutschen Bank allerdings und betonte, dass man sich bei der Neuausschreibung „alle Optionen offen“ halte – EY dürfte sich dann wohl erneut bewerben.

Kritik musste EY auch bei Siemens einstecken: EY habe „im Fall Wirecard in eindrucksvoller Weise gezeigt, dass es mit der Prüfung eines komplexen Unternehmens überfordert ist“, kritisierte der Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG und schlug KPMG als neuen Prüfer vor. Abgewählt wurde EY von den Aktionären trotzdem nicht. 

Zittern musste das Big-Four-Haus aber auch beim Dax-Neuling Siemens Energy, wo ein Aktionär einen Gegenantrag mit der Begründung gestellt, dass er kein Vertrauen mehr in EY habe. In seiner Rede als Vorsitzender des Aufsichtsrats erklärte Joe Kaeser: „Prüfungsausschuss und Aufsichtsrat haben die Rolle von E&Y im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Wirecard-Skandal ausführlich und kritisch hinterfragt. Sie haben aufgrund der heute zugänglichen Sachlage keine Gründe festgestellt, die einer Wahl von E&Y zum Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2021 entgegenstehen würden.“ Am Ende stimmten die Aktionäre der Wahl zu.

Nach SAP-Zugewinn: BDO mischt im Dax mit

Ob EY weitere Kunden im Dax verlieren könnte – um die sich dann KPMG, Deloitte oder PwC bewerben würden –, ist noch offen. Klar ist aber, dass EY sich nicht um die noch ausstehenden Dax-Kunden bemühen wird, solange die Gesellschaft mit der Aufarbeitung des Skandals beschäftigt ist. Das eröffnet den drei Wettbewerbern neue Chancen.

Allerdings müssen sie sich jetzt auf einen weiteren Konkurrenten einstellen: Im März gelang BDO ein Coup, als das mittelständische WP-Haus das Prüfmandat bei SAP gewann. Damit durchbrach BDO erstmals seit Jahren die Vorherrschaft der Big Four im Dax. Eine Rolle dürfte dabei allerdings auch gespielt haben, dass sich keine davon um das Prüfmandat bei SAP bemüht hatte – die Big Four wollten ihre Beratungsaufträge bei SAP nicht verlieren, denn wer prüft, darf nicht beraten.

Trotzdem ist der Durchbruch des Next-Six-Hauses BDO ein wichtiges Signal an den Markt. BDO selbst kündigte bereits an, sich durchaus ein zweites Dax-Mandat vorstellen zu können. Die Umverteilung in Deutschlands erster Börsenliga ist also fünf Jahre nach Beginn der Prüferrotation keineswegs beendet.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Info

Der Wirtschaftsprüfermarkt ist so dynamisch wie nie. Mehr dazu erfahren Sie auf der Themenseite Big Four und Next Six.

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Julia Schmitt ist Redaktionsleiterin von FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stieg sie 2014 bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA ein. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Bilanzierung und ist Trägerin des Karl Theodor Vogel Preises der Deutschen Fachpresse.