Wie auch in der Vergangenheit belegt Deloitte den 3. Platz der umsatzstärksten WP-Gesellschaften in Deutschland.

Deloitte

17.07.15
Banking & Berater

Wirtschaftsprüfer ächzen unter Fachkräftemangel

Wirtschaftsprüfer und Steuerberater haben im letzten Jahr deutlich mehr Umsatz als zuvor gemacht. Doch sie haben ein großes Problem: Ihnen fehlt der Nachwuchs.

Starkes Umsatzwachstum und große Herausforderungen: Dieses Bild prägt derzeit den Wirtschaftsprüfermarkt, zeigt die aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Lünendonk. Blickt man auf die nackten Zahlen, können sich die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften nicht beklagen. Doch die Branche leidet am Fachkräftemangel.

Die Top 25 sind beim Umsatz 2014 um 6,1 Prozent gewachsen und übertreffen damit sogar ihre Prognose aus dem Vorjahr um 0,9 Prozentpunkte. 2013 lag das Wachstum noch bei 5,4 Prozent. Nach wie vor führen die Big Four die Liste der Top 10 in Deutschland an, auf Platz 1 ist PwC mit einem Deutschland-Umsatz von 1,55 Milliarden, auf Platz 2 KPMG mit 1,39 Milliarden. EY liegt mit 1,37 Milliarden auf Platz 3 und Deloitte (729 Millionen Euro) belegt mit einigem Abstand Platz 4. Eine Überraschung gibt es: Würde man die Gesamtleistung betrachten und nicht nur die Umsätze in Deutschland, liegt EY erstmalig vor KPMG. Deloitte kann immerhin mit dem größten prozentualen Umsatzwachstum unter den Big Four punkten.

Wirtschaftsprüfung: Konsolidierung prägt den Markt

Wie auch in den vergangenen Jahren waren größere Umsatzsprünge vor allem durch Zusammenschlüsse und Zukäufe begründet. Durch die Fusion mit TPW Todt & Partner erzielte Baker Tilly Roelfs zwar ein Umsatzwachstum von 7,8 Prozent auf 130,5 Millionen Euro, bleibt damit aber weiterhin auf Platz 8. Einen Sprung von Platz 10 auf Platz 9 hat Roever Broenner Susat durch die Fusion mit Mazars hingelegt: Sie ist um 2,4 Prozent gewachsen und hat mit einen Umsatz von 110,9 Millionen Euro erstmals die 100-Millionen-Marke geknackt. Die Konsolidierung im Markt bestätigt damit den Trend der vergangenen Jahre.

Überraschend ist aber, dass die Gesellschaften auch für die kommenden Jahre ein relativ konstantes Umsatzwachstum von 5 bis 6 Prozent annehmen – angesichts der Abschlussprüferreform der EU, die ab Juni 2016 umgesetzt sein soll, eine recht optimistische Prognose. Schließlich könnte die Reform einiges durcheinanderwirbeln: Zum Beispiel werden WP-Häuser Mandanten verlieren, weil Unternehmen verpflichtet sind, ihre Prüfer häufiger zu wechseln.

Fachkräftemangel ist das größte Problem

Und das ist nicht die einzige Herausforderung, vor der die Wirtschaftsprüferbranche derzeit steht. Erneut nannten dieses Jahr die Top 25 den Fachkräftemangel als größtes Problem. Der erhöhte Preisdruck kommt erst an zweiter Stelle, weitere EU-Reglementierungen an dritter Stelle. „Die WP-Branche hat ein Riesenproblem durch den fehlenden Nachwuchs“, sagt auch Jost Wiechmann, Partner bei Roever Broenner Susat Mazars. Betroffen ist davon vor allem der Bereich Audit und Steuerberatung. Daran sind zum einen die schweren Examensprüfungen Schuld, die die Nachwuchskräfte ablegen müssen.

Aber auch die Prüferaufsicht, die in den vergangenen Jahren immer mehr Macht bekommen hat, schreckt zunehmend ab: „Die jungen Leute wollen nicht unter ständiger Beobachtung der APAK stehen und dann wegen kleiner technischer Fehler Probleme bekommen“, sagt ein Teilnehmer der Lünendonk-Studie. Der spannende Aspekt im Job – die tiefen Einblicke in die Unternehmen – geraten so in den Hintergrund. Selbst höhere Gehälter können den Nachwuchs oftmals nicht mehr locken, haben die Häuser beobachtet. Wie FINANCE berichtete, haben auch Konzerne Schwierigkeiten, Nachwuchs für die Teams an internen Prüfern zu finden.

Digitalisierung als Hoffnungsträger

Für die Gesellschaften ist das ein Problem, denn die Wirtschaftsprüfung bleibt der Kern ihres Jobs: Mehr als 40 Prozent der Umsätze wurden 2014 mit Audit generiert, Steuerberatung brachte rund 35 Prozent ein, Advisory und Legal noch etwa 20 Prozent. Advisory gehört allerdings zu den beliebtesten Bereichen bei den Bewerbern.

Hoffnung macht den Gesellschaften die Digitalisierung. Sie könnte den Job des Wirtschaftsprüfers attraktiver machen und auch die technikaffinen Bewerber anlocken. Gleichzeitig könnte auch die Nachfrage nach Nachwuchs zurückgehen, wenn durch digitalisierte Prozesse etwas Personal eingespart werden kann. Und es öffnen sich neue Geschäftsfelder, wie Data Analytics und Data Security. „Das Geschäftsmodell könnte sich komplett verändern“, sagt Martin Wambach, Geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner. „Remote Audits“, bei denen die Prüfer nicht mehr physisch vor Ort bei den Unternehmen sind, sondern am Computer von ihrem Schreibtisch aus arbeiten, sind inzwischen schon an der Tagesordnung.

julia.becker[at]finance-magazin.de