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20.06.16
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Kicking ass: Was gute Leader ausmacht

Viel zu viele Manager glauben, Leadership könne man lernen. Wer echte Leader wie Phil Knight oder Bob Rossiter erlebt hat, weiß, dass das Unsinn ist. Aber man kann sich inspirieren lassen.

Es gibt kaum ein Thema in der einschlägigen Managerliteratur, über das mehr geschrieben wird als über Leadership. Ich bin der Meinung, dass man Leadership nicht lernen kann. Es ist entweder Bestandteil der Persönlichkeit oder auch nicht. Man kann eine Menge Geld ausgeben, um es zu lernen. Mein Rat: Lassen Sie Ihr Geld lieber auf dem Konto!

Die entscheidende Frage, die sich jeder Topmanager schon oft gestellt hat, ist ja diese: Was ist eigentlich ein Leader? Meine Meinung: A leader is somebody with followers. Das gilt nicht nur für berühmte und beeindruckende Menschen wie Mahatma Ghandi oder Nelson Mandela, sondern auch auf der kleineren Bühne der Unternehmenswelt. Bei Nike zum Beispiel habe ich einige hervorragende Leader kennenlernen dürfen. Der jetzige CEO Mark Parker war damals mein Ansprechpartner in der Konzernzentrale. Jetzt ist er Konzernchef und wahnsinnig erfolgreich.

Ich erinnere mich sehr genau, als wir – das deutsche Management-Team – unseren Businessplan in der Nike-Zentrale in Portland/Oregon präsentiert haben. Wir hatten viel Zeit in die Wettbewerbsanalyse investiert und herausgearbeitet, warum Adidas die Nr.1 in Deutschland war. Das hat Nike-Boss Phil Knight gar nicht gefallen. Er war gelinde gesagt empört.

Zum Rapport bei Nike-Boss Phil Knight

Phil Knight ist definitiv eine Unternehmerpersönlichkeit. Noch als PWC-Prüfer hatte er Nike gegründet und in seiner Garage angefangen, Schuhe zu designen. Inzwischen erwirtschaftet Nike einen Jahresumsatz von über 30 Milliarden US-Dollar. Phil Knight hatte damals schlicht und ergreifend nicht verstanden, warum wir ihn nicht überzeugen wollten, dass wir an einen Sieg über Adidas glauben.

Doch die Gründe für unsere Zurückhaltung waren zum Teil hausgemacht. Wir verteidigten uns zum Beispiel damit, dass die Nike-Fußballschuhe damals eine Katastrophe waren. Einige bekannte Bundesligafußballer und internationale Stars wie Paolo Maldini hatten Nike-Verträge, spielten aber weiterhin mit drei Streifen, die sie einfach mit Schuhcreme übermalten. Die Spieler sagten uns, dass es einfach nicht ginge, mit Nike-Schuhen zu spielen.

Aber Phil Knight hat keine Sekunde darüber nachgedacht, warum Nike nicht Marktführer in Deutschland war. Solche Gedanken waren ihm absolut fremd. Mit in dem Meeting war auch Gary, der globale Vertriebschef von Nike – ein Super-Typ, ein fantastischer Stratege und auch ein Leader. Gary war sehr höflich und wartete geduldig, bis unsere Präsentation fertig war.

Und dann begann er zu analysieren und uns Feedback zu geben. Leise und sachlich, aber verdammt inspirierend. Ich habe gehofft, dass er nie aufhört zu reden. Seine Kernbotschaft war simpel: “Guys, do you really want to copy Adidas, or lead the Nike way and redefine the game with new rules?”

Warum Nike jedes Jahr erfolgreicher wird

Gary fing an, mit Ideen um sich zu schmeißen. „Can we get the German National team? Can we get Bayern Munich?” Beide Partner waren außer Reichweite und fest im Adidas-Lager verankert. Aber uns gelang es, Borussia Dortmund an Land zu ziehen, und kurz nachdem wir unsere neue Werbekampagne an den Start gebracht hatten, gewann der BVB die Champions League.

Deutscher Marktführer waren wir damit immer noch nicht, aber glauben Sie mir: Adidas hat danach für seine Deals mit den Bayern und dem DFB wesentlich mehr bezahlt als davor. Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil ich finde, dass sie den Kernpunkt von Leadership auf den Punkt bringt: Leaders do not follow. They lead! Und Nike wird mit dieser Philosophie jedes Jahr erfolgreicher.

Die Lars-Ricken-Kampagne bei Karstadt: Leadership works

Noch ein Beispiel aus dieser Zeit. Karstadt war unser größter Kunde in Deutschland, und unser Geschäftspartner Karstadt Sport war mit der progressivste Teil des ganzen Konzerns. Wer den deutschen Handel kennt, weiß, dass die Einkäufer ihren Bonus auf Basis der Rabatte bekommen, die sie den Lieferanten abringen – die berühmten „Jahresgespräche“. Damals war es zumindest so.

Nike-Vertriebschef Gary nannte das „dumm“ und hielt nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg, dass sie sich damit „selbst in den Fuß schießen“ würden. Er bat uns, einen Workshop mit Nike-Managern, Karstadt-Einkäufern und dem Karstadt-Vorstand aufzusetzen.

Ich nahm an diesem Workshop teil. Gary hat wieder seine Leadership-Brillanz gezeigt. Am Ende hat er Karstadt überzeugt, auf „demand creation“ beziehungsweise ein „Pull-Modell“ umzusteigen und den Fokus nicht mehr auf Rabatte zu legen. Nike hat das Programm getrieben, indem wir eine breite Werbekampagne für Fußballschuhe lanciert haben, mit Anzeigenstrecken im „Kicker“, mit BVB-Star Lars Ricken in TV-Spots und mit diversen Aktionen an Verkaufspunkten in Karstadt-Filialen.

Das Ergebnis war ein Absatzwachstum von sage und schreibe 400 Prozent gegenüber der vorherigen Saison. Karstadt war begeistert. 400 Prozent Umsatzsteigerung und keine Ausverkäufe am Jahresende mit Restposten, die zu Dumpingpreisen verscherbelt werden mussten. In einer normalen Verkaufssaison entfallen 30 Prozent der Umsätze auf die „Sale“-Periode. In dieser Saison bei Karstadt lag die Zahl bei Null. Fazit: Leadership works.

Wie Bob Rossiter die Lear Corporation aus dem Nichts erbaut hat

Ein weiterer Leader, der mich in meiner Karriere stark beeindruckt hat, ist der frühere Chef des US-Autozulieferers Lear Corporation, Bob Rossiter, der leider vor wenigen Wochen verstorben ist.  Bob war damals, als ich im Finanzbereich von Lear arbeitete, für das Europageschäft verantwortlich und damit mein Matrix-Chef. Mein direkter Boss war der Konzern-CFO in Detroit. Bob war verdammt aggressiv, aber auch wahnsinnig charmant. Er hat Lear geliebt und hatte immer Tränen in den Augen, wenn er seine bewegenden Reden gehalten hat. „Failure“ kannte Bob nicht – niente, zero, gar nicht, und das färbte ab. Er hat uns alle inspiriert, Gewinner zu sein.

Ich erinnere mich, als Gunter – der Manager eines Unternehmens, das wir kurz zuvor übernommen hatten – eine Präsentation hielt. Seine erste Folie beschrieb die Probleme, die er in seinem Business hatte. Bob wurde immer roter, bis er platzte – er fluchte auch gerne. Anfangs versuchte er, Gunter seine Botschaft ruhig zu vermitteln, was aber misslang. Schließlich explodierte er und kanzelte Gunther ab: „If you ever make a f….. presentation like that again, you can go right now to the HR department because I will personally kick your ass out of Lear.”

Gunter war geschockt, aber Bob legte nach: “We are leaders! We talk and implement solutions. We have no time to talk about problems.“ Gunther hat das sofort verinnerlicht und blieb noch lange bei Lear. Danach dachte er nur noch in Lösungen.

Nur als Hintergrund: Bob hat gemeinsam mit seinen Freunden Ken und Jim das Unternehmen Lear Seating gegründet, indem sie ein Darlehen über 500.000 Dollar auftrieben, um einen MBO zu finanzieren. Heute macht Lear 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz.

Warum ich das alles erzähle? Um folgendes Statement zu machen: People follow Leaders. Leaders never follow. Ich fühle mich geehrt, mit solchen Führungspersönlichkeiten eng zusammengearbeitet zu haben. Sie haben mich tief beeindruckt und geprägt.

Es gab aber auch ganze schwache Leader. Mehr dazu im nächsten Blog…

ptaaffe[at]finance-ps.com

Lesen Sie mehr von CFO-Veteran Paul Taaffe in seinem FINANCE-Blog „Chief Future Officer“.

Was ist Leadership in den Augen unserer Leser? Paul Taaffe freut sich auf Ihren Input per Email an ptaaffe[at]finance-ps.com.