Piratenflagge vor der abgerissen Nordtribüne: Das neue Management des FC St. Pauli muss sich auf kräftigen Gegenwind einstellen.

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17.11.14
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FC St. Pauli: Die Sanierer gehen, der „10er“ kommt

Machtwechsel beim FC St. Pauli: Mit staubtrockener Finanzpolitik hat die gestern abgetretene Vereinsführung dem Kiez-Klub vier Jahresüberschüsse in Folge beschert. Jetzt wollen die Mitglieder einen Klub-Boss, „der auch mal einen reinmacht“ – ein gewagter Kurswechsel, denn die Luft für Pauli wird dünner.

Es gibt keinen Moment, der den Geist des FC. St. Pauli besser beschreibt als dieser: 2002 riss Ex-Präsident Conny Littmann, ein schillernder Theaterintendant, höchstpersönlich mit einem Bagger einen Teil der Stadiontribüne ein, um einfach mal Fakten zu schaffen – ohne eine feste Finanzierung für den Neubau zu haben. Littmann strahlte, der Kiez johlte, die Stadt sprang Pauli bei. Es war die Zeit, als der Kiez-Klub so gut wie pleite war und der Klassenfeind aus München zum Benefizspiel am Millerntor antrat.

Geschichte wiederholt sich: Auch das nach der gestrigen Mitgliederversammlung abgetretene Präsidium hinterlässt einen Schutthaufen, wo vor kurzem noch die Nordtribüne stand. Doch Ex-Boss Stefan Orth und sein Finanzchef Tjark Woydt, ein durch und durch seriöser hanseatischer Kaufmann, wie ihn der Hamburger SV gerne hätte, haben mit dem exzentrischen Littmann ungefähr so viel zu tun wie die Kuttenträger vom Millerntor mit der Entourage von Rafael van der Vaart im VIP-Bereich der HSV-Arena. 

Umstritten beim FC St. Pauli: Die Bilanz von Stefan Orth

Die Bilanz von Orths Team ist beeindruckend – zumindest aus wirtschaftlicher Sicht: In jedem der vergangenen vier Jahre erzielte der FC St. Pauli einen Jahresüberschuss, die Vorsteuergewinne der vergangenen drei Jahre allein summieren sich auf über 6 Millionen Euro. Im Konzern haben Orth und Woydt Eigenkapital von 9,6 Millionen Euro angespart. Dem stehen zwar Schulden von 35,9 Millionen Euro gegenüber, aus denen aber ein modernes Stadion erwächst.

Und die neue Nordtribüne ist die letzte Etappe des von Littmann mit der Abrissbirne angestoßenen Stadionneubaus, der inklusive eines neuen Trainingszentrums am Ende rund 60 Millionen Euro kosten wird. Ein Drittel davon wird mit Eigenkapital finanziert, das der FC St. Pauli aufgebracht hat.

Auch eine Einigung mit dem Vermarkter Upsolut, dem Pauli 2004 in höchster Not für 30 Jahre die Merchandising-Rechte abgetreten hatte, kann Orth für sich verbuchen. Seit Jahren versucht Pauli, sich aus diesem für den Klub äußerst bitteren Vertrag herauszuwinden, und tatsächlich hat ein Gericht vor einem Jahr entschieden, dass der Vertrag auf zehn Jahre verkürzt werden muss. Nachdem Upsolut Berufung eingelegt hat, liegt der Fall jetzt beim Bundesgerichtshof (BGH).

Orth hat das positive Gerichtsurteil genutzt, um mit Upsolut einen Deal zu machen, der das Risiko von Regressforderungen begrenzt und Pauli zudem Mehreinnahmen verspricht, die 1 Millionen Euro im Jahr erreichen könnten. Wenn der BGH – voraussichtlich 2016 oder 2017 – Pauli auch in letzter Instanz Recht geben sollte, wären sogar noch höhere Merchandising-Einnahmen möglich. Vor allem aber könnte der Kult-Klub mit Hochdruck die eigene Marke entwickeln, die ohne Zweifel Strahlkraft hat.

Aus der Ferne fragt man sich deshalb, weshalb der Aufsichtsrat – von der Mehrheit der Mitglieder unterstützt – Orth und Woydt nicht erneut berufen hat. Bei Woydt ist es einfach, der Finanzer hat die Altersgrenze erreicht. Von Orth hingegen hört man, dass er vielen Paulianern zu distanziert war – ihm fehlte der Stallgeruch, wie fast immer, wenn Sanierer bei einem Fußball-Klub antreten.

Oke Göttlich ist der neue „Zehner“ des FC St. Pauli

Der personelle Neuanfang hört sich aber auch wie ein wirtschaftlicher Neuanfang an, so unnachahmlich, wie ihn Aufsichtsratschef Marcus Schulz erläuterte: Jedes Präsidium habe seine Zeit, ließ Schulz verlauten. Littmann bezeichnete er als „Ausputzer“, der den Verein vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, Orth als „Sechser“, der konsolidiert habe. Nun aber werde „ein Spielgestalter gesucht, der auch mal einen reinmacht“. Dieser Mann heißt Oke Göttlich.

Göttlich kommt aus dem Herzen des Klubs, er ist ein leidenschaftlicher Paulianer. Man trifft ihn dem Vernehmen nach eher bei einem Spiel von Paulis U15 als auf einem Sektempfang im Rathaus. Er tritt an, um Pauli wieder nach vorne zu bringen, denn Orths Sparkurs hat auch Spuren hinterlassen: Die Mannschaft steckt im Abstiegskampf der Zweiten Liga, die Bundesliga ist weit weg. Und auch finanziell ist die Lage nicht ganz so rosig, wie sie auf den ersten Blick aussieht.

Der FC St. Pauli finanziert sich günstiger als der HSV

So ist schon jetzt absehbar, dass Paulis nächster Jahresabschluss nicht so glänzen wird wie das Orth’sche Spätwerk. Durch den Neubau der Nordtribüne werden dem Klub Einnahmen fehlen. Wahrscheinlich werden die Ticketerlöse, die in den vergangenen drei Jahren von 4,9 auf 6,3 Millionen angestiegen sind, erstmal wieder sinken. Und die Zusatzeinnahmen nach der Fertigstellung der Tribüne sind mit einem niedrigen sechsstelligen Betrag nicht der Rede wert.

Auch die TV-Erlöse machen Sorgen. Die sportliche Talfahrt könnte den FC St. Pauli am Saisonende Plätze im TV-Ranking kosten. Jeder Platz weiter hinten bedeutet 330.000 Euro weniger TV-Erlöse.

Zudem wird sich das neue Präsidium bald auch mit der Refinanzierung der 2012 aufgelegten Fananleihe befassen müssen. 8 Millionen Euro pumpten die Fans dem Klub, um die Baumaßnahmen voranzubringen. Die Eckdaten sind ein einziger Triumph über das Finanz-Establishment: Weil viele Fans schon vorab einen Zinsverzicht erklärten, finanziert sich der FC St. Pauli über die Anleihe effektiv zu 3,3 Prozent – ein Zinssatz irgendwo zwischen dem der Stadt Hamburg und dem, was der HSV für seine Fananleihe berappen muss. Doch 2018 muss der Klub die 8 Millionen zurückzahlen.

Göttlich muss also die Fans bei der Stange halten, die zu wichtigen Investoren geworden sind. Und er muss hoffen, sowohl auf die Richter beim BGH als auch auf die Verhinderung des Abstiegs in die Dritte Liga, die Todeszone des deutschen Fußballs.

Nach finanziell starken Jahren wäre auf dem Papier ja alles für eine Renaissance des Kiezklubs angerichtet. Aber die Zukunftshoffnungen stehen so wacklig im Wind wie die traurigen Reste der Nordtribüne.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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