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16.10.17
CFO

Diese fünf Blockchain-Initiativen sollten CFOs kennen

Blockchain-Projekte gibt es wie Sand am mehr. Um bei den Themen Finanzierung, Lieferkettenmanagement und Bankpolitik informiert zu bleiben, sollten CFOs diese fünf Initiativen im Blick behalten.

Es vergeht beinahe kein Tag, an dem es keine neuen Nachrichten rund um die Blockchain-Technologie gibt. Banken, Börsenbetreiber, Technologiekonzerne und Fintechs geben regelmäßig Wasserstandsmeldungen zu ihren Experimente mit der neuen Technologie ab.

Auch die Realwirtschaft setzt auf Blockchain: Tui stellt seine Bettendatenbank auf Blockchain um, Innogy rüstet Ladesäulen für Elektroautos auf die Technologie um, und Boehringer Ingelheim sieht in der Blockchain eine Möglichkeit zum sicheren Umgang mit sensiblen Patientendaten, wie CFO Simone Menne gerade im F.A.Z.-Interview verriet.

Doch auch mit Blick auf das eigene Ressort sollten Finanzchefs die Potentiale der Technologie beobachten. FINANCE stellt fünf Pilotprojekte und Initiativen von Banken und Technologieanbietern vor, aus denen sich spannende Anwendungsfälle für die Finanzabteilung ergeben könnten.

1 Worum geht es?

Bei der Blockchain handelt es sich um eine dezentrale Datenkette, deren Inhalte auf diversen Servern gespeichert sind. Alle Teilnehmer einer Blockchain verfügen in Echtzeit über denselben Informationsstand. Aktualisierungen erfolgen automatisch nach Regeln, auf die sich alle Beteiligten im Vorfeld verständigen. Rückwärts können Daten nicht geändert werden.

2 Wofür eignet sich Blockchain?

Überall dort, wo viele Parteien involviert sind, Informationsasymmetrien herrschen und vermeintliche Standardprozesse heute noch manuelle Eingriffe erfordern, kann die Blockchain Abhilfe schaffen. Sie automatisiert das Vertrauen und ersetzt damit Intermediäre.

Projekt 1: Blockchain-Plattform für Konsortialkredite

Anfang Oktober haben sich sieben Banken mit dem Technologiekonzern Finastra zusammengetan, um einen Online-Marktplatz für Konsortialkredite zu entwickeln. Ihr Ziel: Die Kosten und den Aufwand bei der Verwaltung von syndizierten Krediten senken und die Transparenz für alle beteiligten Parteien erhöhen. Die Plattform, die den Namen Fusion LenderComm trägt, soll allen Kreditgebern in Echtzeit Kreditverträge, Rückstellungen, Bilanzpositionen und detaillierte Transaktionsdaten anzeigen. Die Pilotphase ist bereits abgeschlossen, im kommenden Jahr soll die Plattform an den Start gehen.

Die Plattform baut auf der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) auf. In Abgrenzung zur Blockchain werden bei der DLT keine historische Daten gespeichert und miteinander verkettet. Die Blockchain ist damit ein spezieller Typ der DLT.

Läuft alles wie geplant, dürfen sich auch CFOs Hoffnung machen, Konsortialkredite künftig zügiger und womöglich sogar günstiger abschließen zu können. Zwar automatisiert die Plattform vor allem Backoffice-Prozesse bei den Banken und den Datenaustausch zwischen den Häusern. Diese Zeit- und Kostenvorteile könnten die Häuser aber an ihre Firmenkunden weitergeben oder für die Entwicklung neuer Lösungen nutzen.

Zu den sieben Banken, die die Kreditplattform nutzen, gehören die HSBC, BNP Paribas, ING, State Street und BNY Mellon. Die zwei verbleibenden Häuser will Finastra, das im Sommer aus der Fusion der Softwareanbieter Misys und D+H entstanden ist, vorerst nicht namentlich nennen. Insgesamt decken die Banken nach eigenen Angaben etwa 10 Prozent des weltweiten Konsortialkreditmarktes ab. Ziel sei es, weitere Partner an Bord zu holen, um die Plattform „zum führenden Marktplatz für den Konsortialkredit- und Kredithandelsmarkt zu machen“, sagt Simon Paris, stellvertretender CEO von Finastra.

Läuft alles wie geplant, dürfen sich auch CFOs Hoffnung machen, Konsortialkredite künftig zügiger und womöglich sogar günstiger abschließen zu können.

Projekt 2: Was kommt nach dem Daimler-Schuldschein?

Viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat der Blockchain-Schuldschein von Daimler und der  Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) Ende Juni. Erstmals kam die neue Technologie zum Einsatz, um die Platzierung dieses boomenden Finanzinstruments abzubilden. „Wir wollen aktiv gestalten und nicht erst warten, bis andere etwas entwickelt haben“, antwortete der Treasury-Chef des Autokonzerns, Kurt Schäfer, im Interview mit der FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer auf die Frage, warum Daimler dieses Experiment gewagt hat.

Der Nachweis, dass die Technologie auch dann für Schuldscheinplatzierungen taugt, wenn der Emittent auf die Konditionen achtet, steht allerdings noch aus. Denn bei der Transaktion ging es darum, die technische Machbarkeit zu demonstrieren. Der Test fand unter Laborbedingungen statt: Lediglich vier Investoren aus dem Sparkassen-Universum zeichneten das gerade einmal 100 Millionen Euro schwere Papier. Auch die Regulierungsbehörden, die die Blockchain noch nicht als alleinigen Emissionskanal akzeptieren, müssen noch an Bord geholt werden.

Die LBBW ist überzeugt davon, dass dies gelingt und der Blockchain-Schuldschein in Serie gehen kann. „Es sind Effizienzsteigerungen von bis zu 50 Prozent bei der Abwicklung von Schuldscheinen möglich“, sagt Joachim Erdle, Leiter Corporate Finance im Interview mit FINANCE-TV.  Damit könnte die Technologie auch die Platzierung von Schuldscheinen für Mittelständler, die kleinere Summen emittieren möchten, erleichtern, glaubt der Banker.

Projekt 3: Commercial Paper wieder lukrativ gestalten

Viele Experten sehen das größere Potential der Blockchain-Technologie allerdings bei Commercial Papers. Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen ist der Markt für diese Geldmarktpapiere größer als der Schuldscheinmarkt. Zum anderen sind die Prozesse bei CPs stärker standardisiert, erfordern aber trotzdem manuelle Arbeit bei den Banken. Die Platzierung von CPs ist daher auch vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase für Banken unattraktiv geworden.

Die Blockchain könnte die Prozesse automatisieren, die Einbindung von Zahlstellen und Clearingsystemen überflüssig machen und die Marge steigern, so die Hoffnung der Banken. Die Commerzbank hat das gerade in einer Pilottransaktion mit der KfW und Meag, dem Vermögensverwalter von Munich Re und Ergo, demonstriert. Die Abwicklung des Commercial Paper erfolgt nach Angaben des zweitgrößten deutschen Geldhauses in Echtzeit, üblicherweise dauere der Prozess zwei Tage.

Projekte 4 und 5: Machtkampf bei Handelsfinanzierung

Der wohl revolutionärste, mit Sicherheit aber komplexeste Anwendungsfall ist die Handelsfinanzierung. Während es bei den ersten drei Projekten vor allem darum geht, Prozesse innerhalb der Bank beziehungsweise den Informationsaustauch mit anderen Kredithäusern und Investoren zu automatisieren, werden in diesem Fall noch viel mehr Parteien miteinander verbunden: Kunden mit ihren Lieferanten und den jeweiligen Banken – aber auch Zoll- und Steuerbehörden, Regulatoren und Versicherer sollen auf einer Blockchain-basierten Plattform zusammenkommen.

So soll einerseits die bisher papierbasierte Dokumentation der Handelsfinanzierung deutlich effizienter und transparenter werden. Andererseits soll auch das Risiko eines Zahlungsausfalls sinken, ohne dass Unternehmen dafür Absicherungsprodukte abschließen müssen. Denn unter Einsatz einer Blockchain könnte ein Exporteur festlegen, dass die Auslieferung der Ware erst erfolgt, wenn der Kunde gezahlt hat. Und über einen Tracking-Service könnten Unternehmen jederzeit nachvollziehen, wo sich ihre Ware befindet, so das ehrgeizige Ziel der Plattformbetreiber.

Aktuell sind zwei Bankkonsortien dabei, jeweils eine Blockchain-basierte Plattform aufzubauen. Ihre Ziele klingen ähnlich. Auf der einen Seite stehen Deutsche Bank, HSBC, KBC, Natixis, Rabobank, Société Générale und UniCredit. Deren Digital Trade Chain soll im Dezember an den Start gehen.  Auf der anderen Seite stehen UBS, Commerzbank, Erste Group, Caixa Bank sowie Bank of Montreal. Anfang 2018 sollen erste Pilottransaktionen mit Kunden stattfinden. 

Beide Banken sind offen, Partner an Bord zu holen – und das müssen sie auch sein, schließlich dürfte sich langfristig nur ein Konsortium durchsetzen, denn der Erfolg von Plattformen steht und fällt mit der Anzahl der beteiligten Unternehmen, Banken und anderen Dienstleistern.

Wie verdienen Banken auf einer Blockchain-Plattform?

Das Beispiel der Handelsfinanzierung zeigt aber auch: Die Blockchain hat das Potential, Banken als Intermediäre überflüssig zu machen. Denn in einer dezentralen Datenbank, wie sie die Blockchain darstellt, braucht es keinen Vermittler mehr – die Teilnehmer kommunizieren direkt miteinander. Welche Rolle Banken auf einer Blockchain-basierten Plattform künftig haben werden und welche Geschäftsmodelle damit einhergehen, muss sich erst noch zeigen. Auch deshalb experimentieren die Banken offensiv mit der neuen Technologie.

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