KPMG Deutschland

05.09.18
CFO

KPMG-Deutschland-CFO: „Digitalisierung ist kein Sparprogramm“

Michaela Peisger, CFO von KPMG Deutschland, will die Finanzabteilung des Prüfungs- und Beratungshauses fit für die digitale Zukunft machen. Was sich ändert und warum künstliche Intelligenz keine Mitarbeiter ersetzt, berichtet die Finanzchefin im Interview.

Das Interesse an Künstlicher Intelligenz packte Michaela Peisger vor sieben Jahren: 2011 besuchte die Wirtschaftsprüferin das Zukunftslabor der New York Times. Die renommierte Zeitung befasste sich mit der Frage, wie Datenbrillen und Smart-Home-Anwendungen das Leben der Menschen verändern würden. „Für mich wurde das visionäre Zukunftsthema dort erstmals greifbar“, erinnert sich Peisger, die zu der Zeit die German Practice von KPMG in den USA leitete.

Inzwischen hat Peisger die CFO-Position bei KPMG Deutschland übernommen – und baut dort seit nunmehr zwei Jahren an der Finanz- und Einkaufsabteilung der Zukunft, wie sie es selbst nennt. Neue Technologien wie etwa Künstliche Intelligenz werden dabei künftig eine wichtige Rolle spielen. „Unsere Prozesse sollen schneller und effizienter werden, die Informationen, die wir erhalten, präziser und zukunftsgerichtet“, erklärt die Finanzchefin ihre Ziele.

Der 1. Oktober markiert dabei ein wichtiges Datum für Peisger: Denn dann startet bei KPMG das neue Geschäftsjahr, und das Projekt unter dem Namen Finance 2020 wird in Deutschland in den Livebetrieb gehen.

KPMG führt SAP S/4 Hana ein

Im Fokus steht dabei zunächst, ein solides Fundament für den Finanzbereich des Big-Four-Hauses zu schaffen. Deshalb führt KPMG Deutschland mit dem kommenden Geschäftsjahr die neue SAP-Software S/4 Hana ein. „Unser ERP-System ist fast 20 Jahre alt und kann daher nicht die Basis für die Finanzabteilung der Zukunft sein“, sagt Peisger. Controlling, Accounting und Treasury werden ab Oktober nun auf Basis eines echtzeitfähigen Systems arbeiten.

„Unsere Prozesse sollen schneller und effizienter werden, die Informationen, die wir erhalten, präziser und zukunftsgerichtet.“

Michaela Peisger, CFO KPMG Deutschland

Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen hatte KPMG Deutschland den Vorteil, dass die bisherige ERP-Landschaft bereits weitestgehend harmonisiert war. Trotzdem gab es im bestehenden System historisch gewachsene Eigenheiten. Deshalb stellten die Finanzchefin und ihr Team im Vorfeld der Umstellung auf S/4 Hana sämtliche Abläufe auf den Prüfstand: „Ein solcher Greenfield-Ansatz war wichtig, um Prozesse zu standardisieren und automatisieren“, sagt Peisger. „Nur so können wir wirklich Synergie- und Effizienzgewinne erzielen.“

KPMG nutzt Künstliche Intelligenz im Accounting

Parallel zum SAP-Projekt sondierte das KPMG-Finanzteam in den vergangenen zwei Jahren, welche Aufgaben, die bis dato bei Mitarbeitern lagen, künftig von Maschinen erledigt werden können. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel – wenn auch noch in einem sehr frühen Stadium, wie die Finanzchefin einräumt: „Die Technologie steht noch ganz am Anfang. Es ist daher viel Trial and Error.“

Einige Bereiche, in denen KI sinnvoll eingesetzt werden kann, hat Peisger dennoch identifiziert. Beispiel Accounting: „Wir sind gerade dabei zu testen, ob wir mit Hilfe von Bots die Kreditorenbuchhaltung weiter automatisieren können.“ Die selbstlernende Software liest Lieferantenrechnungen aus, ordnet sie zu und übernimmt die Verbuchung. Ein weiteres Tool soll die Analyse von Leasingverträgen beschleunigen. Die im Treasury angesiedelte Liquiditätsplanung sowie der Cashflow-Forecast werden inzwischen in Ansätzen von Algorithmen unterstützt. Weitere KI-Projekte sollen folgen.

CFO Peisger: Digitalisierung schafft neue Arbeitsplätze

Trotz dieser Automatisierungsfortschritte wird der Finanz- & Procurementbereich mit knapp 200 Mitarbeitern von KPMG Deutschland auf absehbare Zeit nicht schrumpfen, meint Peisger: „KI hat das Potential, redundante und standardisierte Aufgaben deutlich schneller und effizienter als der Mensch auszuführen. Das Angstszenario, wonach die Digitalisierung leere Büros hinterlässt, sehe ich aber nicht.“

„Das Angstszenario, dass die Digitalisierung leere Büros hinterlässt, sehe ich nicht.“ 

Michaela Peisger, CFO KPMG Deutschland

Im Gegenteil: Es würden erst einmal mehr Arbeitsplätze entstehen als wegfallen, glaubt die Finanzchefin: „Wir brauchen einerseits Digitalexperten mit neuen Ideen und andererseits erfahrene Mitarbeiter, die ein tiefes Verständnis für Geschäftsprozesse mitbringen.“ Das sei vor allem in der Transformationsphase sehr wichtig.

Später würden diese Mitarbeiter dann als Kontrolleure gebraucht, die das mit ihrer Hilfe eingeführte System überwachen und Aufgaben übernehmen, die sich nicht automatisieren lassen. „Roboter und Maschinen werden uns vor allem die Arbeit abnehmen, auf die wir liebend gerne verzichten. Dadurch entsteht zugleich Freiraum für neue wertschöpfende und spannende Aufgaben“, ergänzt Peisger. 

Controlling: Echtzeit-Reporting als Ziel

Peisger warnt deshalb auch: „Digitalisierung ist kein Kostenreduktionsprojekt, sondern ein Wachstumsmotor.“ Wie hoch das Budget für Finance 2020 bei KPMG Deutschland ist, will die Finanzchefin nicht verraten. Nur so viel: „Wir investieren einen signifikanten Betrag in die Finanzwelt der Zukunft.“

Entsprechend schwer tut sich Peisger damit, den Erfolg der Digitalisierungsinitiative anhand von Kennzahlen zu messen. „Sicher können wir tracken, wie viel schneller etwa die Verbuchung von Rechnungen erfolgt und welche finanziellen Vorteile wir daraus generieren.“

Ein präziseres Reporting in Echtzeit sei jedoch ein Wert an sich, da das Management schneller bessere Entscheidungen treffen könne. „Zukünftig wollen wir jederzeit präzise zukunftsgerichtete Aussagen über Geschäftsentwicklungen treffen können“, beschreibt Peisger ihre Vision für das Controlling.

Zunächst geht es aber darum, die Umstellung auf S/4 Hana im Oktober zu meistern. CFO Peisger steht dabei unter Beobachtung ihrer internationalen Kollegen: Denn die Einführung der neuen Software soll als Vorbild für die Implementierung im gesamten KPMG-Netzwerk dienen.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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