Gerade für Mittelständler gelten die steigenden ESG-Anforderungen von Banken, Investoren und auch Kunden oft als Herausforderungen. Berater warnen regelmäßig, dass die neuen regulatorischen Anforderungen von vielen Mittelständlern kaum zu stemmen seien. Jens Becker, CFO des Chemieunternehmens Levaco, hingegen glaubt, dass sein Unternehmen von den ESG-Maßnahmen profitiert.
Herr Becker, Levaco ist ein Chemiekonzern. Dieser Sektor hat beim Thema Nachhaltigkeit besonders viel aufzuholen. Wie verändert das Thema ESG Ihre Arbeit in der Finanzabteilung?
Gerade in mittelständischen Unternehmen und in der chemischen Industrie ist ESG als Begriff noch recht neu, aber viele Ansätze zum nachhaltigen Wirtschaften nutzen wir schon seit vielen Jahren. Inzwischen ist der Fokus allerdings viel stärker auf diesen Themen. Dafür sorgen unter anderem auch die veränderte Versorgungslage mit Erdgas und die hohen Energiepreise. Dadurch rechnen sich die Projekte ganz anders. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, investieren wir beispielsweise deutlich mehr, etwa in Isolierung und in neue Wärmekammern.
Mittelständler sind standortgebunden
Welche Herausforderungen stehen in den nächsten Monaten in der Finanzabteilung im Hinblick auf ESG-Themen bei Ihnen an?
Die ganze Transformation in Richtung CO2 -Neutralität müssen wir begleiten, aber es ist schmerzhaft, weil es Geld kostet. Eine andere Herausforderung sehe ich im Wettbewerb, und zwar im fairen Wettbewerb: Es kann ja nicht sein, dass unsere Wettbewerber aus anderen Ländern mit geringeren Anforderungen an ESG günstiger sind als wir und deshalb den Zuschlag bekommen. Letztlich denke ich, dass wir an klaren Regeln für nachhaltiges Wirtschaften nicht vorbeikommen.
Oft heißt es ja, der regulatorische Druck sei für den Mittelstand zu hoch. Sie klingen so, als befürworten Sie die strengen Regeln.
Wenn es dazu führt, dass es einen fairen Wettbewerb zumindest in Europa gibt, finde ich das gut. Wir sollten es aber nicht übertreiben. Wir sind ja weltweit im Wettbewerb. Wir müssten daher auch die Politiker aus beispielsweise Indien oder China ins Boot holen, damit für alle Unternehmen weltweit dieselben Regeln gelten. Vielleicht muss nicht alles im Detail reguliert werden und die Politik kann den Unternehmen auch etwas zutrauen. Es ist schön, Vorreiter zu sein, aber es hilft nichts, wenn die Industrie daran kaputt geht.
Gibt es aus Ihrer Sicht Unterschiede zwischen Mittelständlern und Großkonzernen im Umgang mit ESG-Themen?
Großunternehmen können einfach im Ausland investieren, wo die ESG-Regeln weniger streng sind. Wir können das nicht, wir sind hier an Leverkusen gebunden. Deshalb halte ich den fairen Wettbewerb für so wichtig. Das ist ganz entscheidend, gerade für den Mittelstand.
ESG-Investitionen rentieren sich schneller
Sie sagten gerade, die Transformation werde schmerzhaft und teuer: Wie viel Geld werden Sie in den nächsten Jahren investieren?
Es gibt kein festes Budget, wir richten uns nach konkreten Projekten. Wir bauen gerade ein neues Verwaltungsgebäude – nach KfW-Standards und mit Photovoltaikanlage. Da haben wir etwa 5 bis 10 Prozent mehr bezahlt als nötig gewesen wäre, um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Über einen gewissen Zeitraum bekommen wir es aber wieder rein, denn nachher sparen wir Strom und Energie. Das ist also wirtschaftlich. Generell gilt bei Investitionen, wo ESG eine Rolle spielt: Sie sind teurer am Anfang, aber hinterher spart man das Geld wieder ein. Heute rechnet sich das schneller und deutlicher als in der Vergangenheit.
Wie finanzieren Sie das? Nehmen Sie Kredite auf?
Bei größeren Investitionen finanzieren wir uns – wie jetzt beim Neubau – mit einem klassischen Immobilienkredit. Andere Investitionen, etwa in Anlagen, laufen über Leasing-Konstrukte, da gehen wir stark über Asset Based Financing. Wir sind erfolgreich genug unterwegs, um vieles aus dem eigenen Cash Flow zu finanzieren.
Kredite durch gutes ESG-Rating
Nutzen Sie grüne Darlehen oder ESG-linked Loans?
Nein, das nutzen wir nicht. Ich weiß, dass größere Unternehmen ein paar Basispunkte Rabatt bekommen, wenn sie Green Financing machen. Das ist für uns im Mittelstand nicht realistisch, weil die Einsparung zu niedrig ist. Unsere Banken bieten das in der Größenordnung, in der wir uns finanzieren, auch – noch – nicht an. Es ist eher so, dass wir das Geld erhalten, weil wir ESG-konform sind. Es ist aber nicht explizit ausgewiesen als Green Bond.
Sie haben ein gutes Rating bei Ecovadis. Bringt Ihnen das finanzielle Vorteile bei Banken?
Die erste Anforderung für die Auditierung kam von Kundenseite, aber wir merken, dass die Banken das zunehmend als Muss-Bedingung definieren, um überhaupt über Kredite reden zu können. Die Banken müssen zunehmend nachweisen, dass sie Kredite an Unternehmen vergeben, die ESG-konform agieren. Deshalb lohnen sich die Investitionen in ESG auch aus Finance-Gesichtspunkten.
Mittelständler profitieren von ESG
Würden Sie sagen, dass Mittelständler bei ESG-Ratings benachteiligt werden?
Ich würde es sogar umdrehen. Dadurch, dass der Mittelstand agiler ist, kann er einfach mal einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen – und das schneller als ein Großkonzern. Wenn es aber sehr detailliert und umfangreich wird, ist es ein Ressourcenthema. Für den kleinen Mittelstand wird es schwieriger als für größere. Mit etwa 180 Mitarbeitern sind wir schneller als Großkonzerne, haben aber genügend Ressourcen.
Auch auf Mittelständler kommen strengere Reportingvorgaben zu. Ihr Unternehmen muss ab dem Jahr 2026 über 2025 reporten. Belasten die Vorgaben vom CSRD Sie?
Wir haben 2016 unseren ersten Nachhaltigkeitsbericht mit GRI-Standard gemacht, dadurch haben wir schon viel gelernt. Wir lassen uns ebenfalls seit 2016 zertifizieren und veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte, außerdem lassen wir uns vom TÜV prüfen. Es kommen natürlich noch zusätzliche Anforderungen auf uns zu. Aber wir sind vorbereitet. Und wir werden das schaffen.
Inwiefern sind Sie vorbereitet, die entsprechenden nachhaltigen Kennzahlen systematisch zu erfassen?
Wir haben konzernweit Themenfelder definiert und Stakeholder analysiert. Im nächsten Schritt werden auf dieser Basis die KPIs definiert. Wir können viele KPIs weiter nutzen, werden aber auch ein paar neue haben. Das geht aber nicht mal eben so nebenbei, deshalb haben wir Projektteams.
Interdisziplinäres Team kümmert sich um CSRD-Reporting
Wie viele sind das? Das ist ja auch ein Kostenfaktor.
Definitiv. Es ist eine Zusammenarbeit zwischen unserem Mutterkonzern Diersch & Schröder Holding mit zwei bis drei Personen, die das neben anderen Projekten machen, und bei uns sind es ebenfalls zwei bis drei.
Wo sind diese drei Personen aufgehängt? Gehören sie zur Finanzabteilung?
ESG ist für uns ein CEO- und ein CFO-Thema, es muss Hand in Hand gehen. Deshalb haben wir eine Management-Assistent-Funktion, die auch Projektmanagement macht und ganz nah am CEO aufgehängt ist. Wir haben außerdem extra einen Nachhaltigkeitscontroller eingestellt, der zum Beispiel unseren CO2 -Footprint ausrechnet und das von der Zahlenseite her unterstützt. Und wir haben aus dem Bereich Health Safety Environment eine Person, die sich sowieso hauptberuflich mit Umweltmanagementsystemen beschäftigt. Die ist auch mit im Boot – neben der Geschäftsleitung, die natürlich bei Entscheidungen dazu gezogen wird.
Info
Über Levaco
Im Chempark Leverkusen produzieren die 180 Mitarbeitenden von Levaco chemische Spezialprodukte wie Dispergier- und Netzmittel, Emulgatoren und Entschäumer für die Agrochemie und Lebensmittelindustrie ebenso wie für Farben- und Lackherstellung. Der Umsatz lag im letzten Jahr bei 120 Millionen Euro. Auf dem Papier existiert Levaco erst seit 2014 unter diesem Namen, vorher produzierte es in den Strukturen von Tanatex, Lanxesss und Bayer. So kommt es, dass CFO Becker seit dem Jahr 2002 für ein Unternehmen arbeitet, dass es erst seit 2014 gibt.
Welche Scopes haben Sie bereits im Blick?
Was wir komplett errechnet haben, für alle unsere Produkte, sind der CO2-Footprint unserer Rohstoffe, die Logistikkosten bis zu uns und der Energie-CO2-Impact bei uns. Diese Daten werden auch zunehmend von größeren Kunden eingefordert.
Wir sehen bei uns den größten Impact bei den Lieferanten, 80 Prozent der CO2-Emissionen entstehen bei den Rohstoffen, dann Logistik und Energien. Unseren Strom- und Dampfverbrauch senken wir kontinuierlich, weil wir das direkt beeinflussen können. Wir versuchen aber auch, gemeinsam mit Kunden die Lieferwege zu verkürzen oder nachhaltige Produkte zu entwickeln. Letztlich liegt Scope 3 aber bei den Kunden.
ESG ist ein Kriterium bei M&A
Wie ist es mit dem Faktor ESG bei M&A-Deals: Würden Sie sich auch mit Unternehmen ohne Rating ergänzen? Sie haben ja jüngst auch zugekauft.
Wenn jemand erwiesenermaßen ganz schlechte Standards hat, dann lassen wir die Finger davon. Der Aufwand, das zu ändern, ist zu hoch. Und auch das Risiko eines Reputationsschadens. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich ein Unternehmen nehmen, das weiter ist und schon ein gutes Rating hat. Nicht jedes Unternehmen ohne Rating ist raus. Wir sehen uns aber im Rahmen der Due-Diligence-Prüfung die ESG-Standards genau an. Und wir trauen uns zu, ein Unternehmen dahin zu bringen, dass es sich zertifizieren lassen kann. Entscheidend ist eher, was für Produkte es verwendet und ob es gewissen Standards entspricht. Viele Unternehmen haben schon viel gemacht, es aber nicht dokumentiert. Gerade für kleinere Mittelständler könnte es ein guter Weg sein, sich mit etwas größeren Unternehmen zusammenzutun, die ihnen dabei helfen, diese Standards aufzubauen.
Erika von Bassewitz ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Philosophie und Französisch an der Humboldt-Universität in Berlin sowie an der Université de Genève studiert und mit einem Magister Artium abgeschlossen. Vor FINANCE war sie mehr als acht Jahre Redakteurin in der Multimediaredaktion des Medienhauses der EKHN. Davor war sie unter anderem Redakteurin beim HR-Magazin von monster, freie Autorin bei Deutsche Welle TV und freie Mitarbeiterin bei der Westdeutschen Zeitung.
