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Siltronic-CFO Irle über den geplatzten M&A-Deal mit Global Wafers

Siltronic stellt sogenannte Wafer (Siliziumscheiben) für die Chiproduktion her. Foto SweetBunFactory - stock.adobe.com.
Siltronic stellt sogenannte Wafer (Siliziumscheiben) für die Chiproduktion her. Foto SweetBunFactory - stock.adobe.com.

Herr Irle, Siltronic hat aufreibende Monate hinter sich. Anfang des Jahres ließ das Wirtschaftsministerium den Kauf von Siltronic durch das taiwanische Unternehmen Global Wafers platzen. Haben Sie die Absage schon verwunden?

Als wir vom Bund die Rückmeldung bekamen, dass der Verkauf nicht klappen würde, fanden wir das natürlich sehr schade. Aus unserer Sicht hätte dieser Zusammenschluss für beide Unternehmen viel Positives gebracht. Als sich abzeichnete, dass die Bundesregierung deutliche Vorbehalte hatte, haben wir intensiv an einem alternativen Plan gearbeitet. Für uns war klar: Dann machen wir es eben allein! Das ist aus meiner Sicht durchaus eine mutige Entscheidung, wir sind schließlich eine sehr investitionsintensive Branche. Der Bau unserer neuen Fabrik in Singapur wird bis 2024 rund 2 Milliarden Euro kosten. Das ist im Verhältnis zu einem Umsatz von rund 1,4 Milliarden Euro natürlich viel. Aber wir sind überzeugt, dass wir es auch aus eigener Kraft schaffen und weiter wachsen werden.

Siltronic gehört weltweit zu den fünf größten Waferherstellern und ist in dieser Riege der einzige europäische Konzern. War es nicht erwartbar, dass die Bundesregierung einen Verkauf nach Asien kritisch sehen könnte?

Wir haben uns natürlich intensiv vorher beraten lassen. Von unseren Anwälten hatten wir die Einschätzung erhalten, dass wir voraussichtlich eine Genehmigung bekommen würden. Während wir im Verkaufsprozess waren, hat sich allerdings die Lage durch den akuten Chipmangel stark verändert. Die deutsche und die europäische Politik haben eine Wende vollzogen und wollen die Kronjuwelen der Industrie in der EU halten. Nachdem die Chipindustrie lange wenig beachtet wurde, will man nun bei wichtigen Technologien nicht in eine Abhängigkeit geraten. Ein halbes Jahr vorher wäre der Deal wohl noch durchgegangen, und ein halbes Jahr später hätten wir den M&A-Deal wahrscheinlich gar nicht erst in die Wege geleitet.

Ein halbes Jahr vorher wäre der Deal wohl noch durchgegangen.

Rainer Irle, CFO Siltronic

Der Deal wurde nicht ausdrücklich untersagt, sondern das Wirtschaftsministerium ließ eine Frist für eine Unbedenklichkeitsbescheinigung verstreichen. Wäre es noch irgendwie möglich gewesen, den Deal durchzubekommen?

Das Nicht-Erteilen der Bescheinigung innerhalb von einem Jahr ist eine klare Botschaft. Man wollte den Deal nicht bewilligen.

Ihr Großaktionär Wacker Chemie will laut Medienberichten seine Anteile an Siltronic weiterhin verkaufen. Was heißt das für Ihre Planung?

Das kann ich so nicht bestätigen. Mir ist kein konkreter Zeitplan bekannt. Auch für Wacker Chemie ist die Beteiligung an Siltronic durchaus werthaltig. Unsere Planung ist aber in jedem Fall unabhängig davon.

CFO-Profil

Rainer Irle

Siltronic AG

So stemmt Siltronic die Milliardenfinanzierung

Sie hatten bereits erwähnt, dass der Bau der neuen Fabrik in Singapur rund 2 Milliarden Euro kosten wird. Woher nehmen Sie die finanziellen Mittel dafür?

Wir finanzieren den Bau aus drei Quellen: aus unserem Cashflow, aus Fremdkapital und aus Vorauszahlungen unserer Kunden. Nach der Absage des M&A-Deals haben wir aus diesem Grund mit vielen unserer Kunden langfristige Verträge über sechs oder sieben Jahre abgeschlossen und Vorauszahlungen vereinbart. So sind uns mehrere Hundert Millionen Euro zugeflossen.

Auch auf der Fremdkapitalseite waren Sie bereits aktiv. Sie haben einen ESG-linked Loan und einen Singapur Dollar Loan abgeschlossen. Das Volumen des Schuldscheins liegt bei 300 Millionen Euro. Welches Volumen hat der Kredit, und warum haben Sie sich für diesen Instrumentenmix entschieden?

Der Singapur Dollar Loan hat ein ähnliches Volumen wie der Schuldschein. Das Positive an der Vereinbarung ist, dass wir den Kredit erst dann ziehen werden, wenn wir das Geld auch benötigen. Wir haben bis zu zwei Jahre Zeit. Den Kredit haben wir schon im vergangenen Jahr abgeschlossen und uns somit noch deutlich günstigere Konditionen gesichert, als wir sie heute erhalten könnten. Für den Schuldschein haben wir uns entschieden, weil das Instrument preislich deutlich attraktiver war als eine Anleihe. Wir zahlen beispielsweise für die fünfjährige Tranche kaum mehr als 50 Basispunkte. Ich war von dem großen Interesse der Investoren überrascht.

Lag die große Investorennachfrage Ihrer Ansicht nach auch daran, dass Sie den Schuldschein mit einer Nachhaltigkeitskomponente verknüpft haben?

Wir hätten die Transaktion problemlos auch ohne diesen Link erfolgreich platzieren können, unsere Branche steht derzeit sehr im Fokus und ist attraktiv. Aber es war uns wichtig, damit auch eine Botschaft zu kommunizieren.

Info

Sie sagen, dass die ESG-Komponente nicht unbedingt erforderlich war. Wie kam es überhaupt zu dem ESG-Link?

Wir verbrauchen viel Energie. Um Wafer herzustellen, muss Silizium geschmolzen werden bei Temperaturen von über 1.400 Grad. Das heißt, für uns als Unternehmen ist es nicht leicht, CO2-neutral zu werden. Wir wollen gerade deshalb eine Vorreiterrolle einnehmen und haben eine entsprechende Klimastrategie entwickelt. Bis 2030 wollen wir die CO2-Emissionen (Scope 1 und 2) um 50 Prozent reduzieren. Langfristig wollen wir keine fossilen Energien mehr nutzen.

Sie haben sich für das ESG-Rating von Sustainalytics als Link entschieden, genauer für den Management Score. Was sprach beispielsweise gegen individuelle Nachhaltigkeitsziele?

Die längsten Tranchen des Schuldscheins laufen zehn Jahre. Das ist eine lange Zeit, daher muss man genau prüfen, an welche Kennzahlen man sich binden will. Nachhaltigkeitsziele können sich ändern, wir entwickeln sie gerade noch. Außerdem wollten wir uns hier nicht nur auf Umweltthemen fokussieren, sondern auch soziale Komponenten einfließen lassen. Das ist in unserer Industrie ja etwa im Hinblick auf die Beschaffung der Rohstoffe extrem wichtig. Uns schien daher ein ESG-Rating ausgewogener. Auch unsere Banken haben uns dazu geraten.

Sie haben letztlich nicht das gesamte Rating genutzt, sondern mit dem Management Score nur eine Teilbewertung. Warum?

Ein ESG-Rating enthält auch eine Bewertung der externen Risikofaktoren, die für die jeweilige Branche relevant sind. Auf diese externen Risiken haben wir keinen Einfluss und wollten die Finanzierung deshalb nur an den Teil des Ratings knüpfen, den wir selbst in der Hand haben, nämlich das Management der ESG-Themen.

Ein Großteil des Geldes aus dem Schuldschein soll nun in die neue Fabrik fließen. Warum haben Sie sich für Singapur als Standort entschieden, also kein Nearshoring in der EU betrieben?

Fabriken sind im Bau sehr teuer, egal ob in Deutschland oder Singapur. Was aber den Unterschied macht, sind laufende Kosten, wie Energie- und Personalkosten. Für den Bau zukünftiger Fabriken werden wir uns anschauen, wo wir Subventionen bekommen, und den Dialog mit der Politik suchen.

Sie haben das Ziel, langfristig auf fossile Energien zu verzichten. Wird dieser Plan schon bei Ihrer neuen Fabrik berücksichtigt?

Wir haben umfangreiche Pläne, um an allen Standorten den Energieverbrauch deutlich zu reduzieren. Die neue Fabrik wird natürlich wesentlich energieeffizienter sein als ältere Fabriken. Trotzdem wird weiterhin viel Energie benötigt, die aus regenerativen Quellen stammen muss. Mit der Umstellung auf Grünstrom beginnen wir dort, wo es am einfachsten ist, nämlich in Deutschland und den USA.

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Gasknappheit als Geschäftsrisiko

Versorgungssicherheit ist in Deutschland derzeit nicht unbedingt gegeben. Wie bereitet sich Siltronic auf eine mögliche Gasknappheit vor?

Das Gas-Thema ist unser Sorgenkind, die Nachrichtenlage ist sehr wechselhaft. Wir werden von uns aus schon jetzt massiv Gas einsparen und auf andere Energiequellen umstellen. Unser Ziel ist es, innerhalb von sechs Monaten auf Erdgas zu verzichten. Dementsprechend wollen wir unsere Anlagen auf Heizöl und Biogas umbauen, wobei Heizöl natürlich nur eine Zwischenlösung sein kann. Die Anlagen sind bereits bestellt, mit Lieferanten sind wir im Gespräch. Die Umrüstungskosten belaufen sich auf einen einstelligen Millionenbetrag und sind im Vergleich zum Risiko überschaubar.

Das Gas-Thema ist unser Sorgenkind

Rainer Irle, CFO Siltronic

Die Geschäftsrisiken nehmen durch die komplexe Marktlage insgesamt zu. Inwiefern sind Sie durch den Ukraine-Krieg betroffen?

Wir haben weder Kunden noch Standorte in der Ukraine und in Russland, also sind wir nicht direkt betroffen. Es sind mehr die unmittelbaren Themen wie Inflation, die uns beschäftigen. Wenn beispielsweise die Lebenserhaltungskosten steigen, werden weniger Smartphones gekauft. Smartphones sind die Produkte, für die die meisten Chips benötigt werden. Dahinter folgen PCs und Laptops, Server in Rechenzentren sowie die Automobilindustrie. Was uns ebenfalls sehr beschäftigt, ist der Preisanstieg für Strom und Rohstoffe. Allerdings können wir Preissteigerungen gut weitergeben, weil Wafer ein knappes Gut sind.

Wie sieht es mit den Kostensteigerungen bei langfristigen Verträgen aus. Können Sie dort höhere Preise weitergeben?

Langfristverträge mit starren Preisen betreffen nur einen Teil unseres Geschäfts, ein anderer Teil wird regelmäßig neu verhandelt. Manche Langfristverträge haben Korridore, dementsprechend können die Preise um einige Prozent steigen oder fallen. Und wir haben auch die Rohstoffkosten wiederum durch langfristige Verträge über mehrere Jahre gesichert. Deswegen sind wir trotz der Volatilität für unser Unternehmen sehr positiv gestimmt.

Der Siltronic-Aktienkurs allerdings ist in diesem Jahr stark gefallen. Wie überzeugen Sie den Kapitalmarkt?

Unseren aktuellen Aktienkurs von unter 80 Euro empfinden wir als deutlich zu niedrig. Wir werden im zweiten Halbjahr auch deshalb auf Roadshow gehen und mit vielen Investoren sprechen. Dabei wollen wir unsere Pläne, insbesondere die Chancen durch unsere neue Singapurer Fabrik, erläutern. Und wir sehen auch durchaus das Vertrauen unserer Aktionäre in uns. Wir haben von sehr vielen das Feedback bekommen, dass wir lieber die Dividende deckeln anstatt eine Kapitalerhöhung durchführen sollten. Und das haben wir getan, es ist ein weiterer Baustein zur Finanzierung unseres Wachstums.

eva.brendel@finance-magazin.de | + posts

Eva Brendel ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Kommunikationswissenschaft, VWL und Politik in Bamberg und Jena studiert. Neben dem Studium arbeitete Eva Brendel als freie Nachrichtenmoderatorin bei einem Lokalsender und moderierte eine eigene Podcast-Reihe.

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